Von Volker Hage
Die ganze Aufregung jetzt ist überhaupt nur verständlich vor dem Hintergrund der neuen Erfolgswelle der Erzählkunst in deutscher Sprache (die einhergeht mit einer auffälligen Häufung spannender deutscher Filme). In wichtigen Feuilletons ist das Buch "Lichtjahre" des "FAS"-Redakteurs mittlerweile besprochen worden, ob in der "Süddeutschen Zeitung", dem "Tagesspiegel", der "Tageszeitung" oder der "Frankfurter Rundschau", so differenziert und vielfältig übrigens, dass sich die Behauptung, es handle sich bei dem Streit auch um einen Generationenkonflikt, schnell in nichts auflöste.
Es ist abzusehen, dass sich hier ein unerwarteter Bucherfolg anbahnt. Das wäre dem Autor zu gönnen. Denn was bisher kaum deutlich genug gesagt worden ist: Hier kann nicht nur ein jüngerer Kritiker spannend aus der Welt der Dichtung und der Dichter erzählen, sondern Weidermann hat sich überhaupt die kaum mehr übliche Mühe gemacht, die Literatur vor seiner Zeit zu durchforsten, über den Tellerrand der aktuellen Produktion hinauszuschauen. Er hat sich hingesetzt, Bücher von Hubert Fichte und Gert Ledig zur Hand genommen, und er hat die Lyrikerin Hilde Domin kurz vor ihrem Tod noch besucht.
Weidermanns Verfahren ist das des Schnappschusses, er hat sein Buch als eine Art Fotoalbum angelegt - so wie der von ihm geschätzte Schweizer Max Frisch einst ein Porträt von Günter Grass in lauter kleinen Beschreibungen realer und imaginärer Bilder geliefert hat.
Typische Anfänge: "Das ist Rainald Goetz" oder: "Wie auch Frank Schulz (*1957), den wir hier gerade sehen, wie er da sitzt ..." oder: "Wer ist dieser Mann?" (so bei Helmut Krausser). Weidermann kommt rasch zur Sache, oft anekdotisch, fast immer pointiert, hält sich selten zu lange bei einem Autor auf (es ist zu ahnen, dass ihm das nicht immer schwergefallen ist). Und er weiß viel - so lobt er nicht nur den Roman "Morbus fonticuli" (2001) von Schulz, sondern erinnert auch das Drama der ersten Publikation: Am Tag der Buchpräsentation war der Verlag pleite.
Er schwärmt gern, oft hemmungslos ("Maxim Biller schreibt deutsch. Ein so klares, weiches, schönes und präzises Deutsch wie kaum ein zweiter lebender Schriftsteller"), kann aber auch rasche Hiebe gegen Etablierte austeilen, gegen Bernhard Schlink etwa, gegen Martin Walser oder Christa Wolf. Mit Reinhard Jirgl macht er es sich nicht leicht, spricht von dessen "Kopfbürokratismus": "Dieser Mann lacht eher nicht. Schnauzbart, Mittelscheitel, trauriges Gesicht. Er schreibt Bücher des Eigensinns, der wütenden Weltbewahrung, des Abgrunds und der Dunkelheit. Merkwürdige Bücher in merkwürdiger Sprache, mit merkwürdigen Worten in merkwürdiger Schreibweise."
Das mag etwas aufgedreht klingen, führt am Ende aber immerhin zu einem klaren Urteil. Wenn einer der Gnostiker, zu denen doch wenigstens Winkels selbst sich zählen wird, über denselben Autor lobend schreibt (in seinem Buch "Gute Zeichen"), bleibt die Angelegenheit diffus: "Seine Einzigartigkeit besteht eben in der reibungsvollen Durchdringung expressiven Aufbegehrens mit einer geradezu formalistisch autonomen Artistik."
Dann doch lieber mit Weidermann zu Besuch bei Daniel Kehlmann weilen: "Ich habe ihn einmal in Madrid getroffen. Seine spanische Freundin lebt und arbeitet hier." Für Klatsch hat Weidermann eine große Schwäche, und er kultiviert bisweilen allzu angreifbar seine Unlust an der Abstraktion, an jeder Begrifflichkeit ("ein so zartes und leises Buch, dass alle Begriffe, die es zu fassen versuchen, so klotzig und schwerfällig wirken"). Bei Judith Hermanns Erzählungen meldet er leidenschaftlich seinen Kritikerbankrott an: Das, was in ihrem ersten Buch beschrieben sei, "kann man eben nicht heraustragen in einen Zeitungsartikel hinein".
Bleibt nur zu hoffen, dass bei dem absehbaren Erfolg der "Lichtjahre" Weidermanns Stakkato-Ton, effektheischend, wie er ist, bei noch jüngeren Kritikern nicht stilbildend wird - die Gedichte Erich Frieds sind für ihn "Wahrheiten. Reimrufe. Wortverwunderungen. Spracherkundungen. Weltverwünschungen. Alltagskopien. Liebeserklärungen. Manchmal geniale Verse".
Natürlich finden sich auch Fehler in so einem Buch, nicht alle so harmlos wie im Fall des Hamburger "Star-Club", der auf St. Pauli zu finden war und nicht gegenüber dem ehemaligen Kellerlokal "Palette", nach dem der bekannteste Roman von Hubert Fichte benannt ist. Übrigens las der Autor nicht 1968 im "Star-Club" aus seinem Roman, sondern schon 1966, als das Buch erst entstand. Und Wolf Biermann hat erklärt, dass er nicht deswegen seinen langjährigen Verlag Kiepenheuer & Witsch (in dem auch das Weidermann-Buch erscheint) verlasse, weil ihm die Einschätzung des Kritikers nicht passe, sondern weil der ihm eine Mitgliedschaft in der KPD angedichtet habe.
Einen Fehler hat Weidermann nicht wieder begangen: Seine Nähe zu den Autoren, seine Begeisterungsfähigkeit hatte ihn vor zwei Jahren dazu verführt, für die Publikation eines Romans zu plädieren, den der Rowohlt-Verlag aus guten Gründen vor Erscheinen zurückgezogen hatte, nämlich Thor Kunkels "Endstufe". Nach Weidermanns Artikel in der "FAS" veröffentlichte ein anderer Verlag das missglückte Werk. In dem Buch "Lichtjahre" wird Kunkel nun mit keiner Zeile mehr erwähnt.
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© DER SPIEGEL 15/2006
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