Von Volker Hage
Das Alter sei kein Kampf, heißt es in seinem neuen Buch "Jedermann", "das Alter ist ein Massaker"*. Und doch steht der, der das geschrieben hat, in seinem schwarzen Polohemd da, als könnte ihn so leicht nichts umwerfen. Bestens gelaunt lässt uns Philip Roth, 73, in das lichtdurchflutete Apartment nahe der Columbia University ein, im Nordwesten von Manhattan.
Das ist ihm wichtig: Er ist nicht identisch mit dem von Krankheiten gebeutelten namenlosen Helden seiner grandiosen Erzählung. Er strahlt Lebensfreude aus. Über seinen dunklen blitzenden Augen dominieren schwarze buschige Brauen; das Haupthaar hat sich weit zurückgezogen, ist aber nicht vollständig ergraut.
Den Buchrücken der im Frühjahr erschienenen amerikanischen Ausgabe von "Everyman" ziert auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin ein großes Foto: Roth steht mit verschränkten Armen vor dem Schreibstudio seines Hauses in Connecticut. "Ich wollte nicht, dass alte Freunde anrufen und besorgt fragen, ob es wirklich so schlimm um mich stehe", sagt er.
Der Satz mit dem Massaker sei ihm in den Sinn gekommen, als er vor dem Fernseher saß und sah, wie im überschwemmten New Orleans die Altersheime evakuiert wurden. Da habe er plötzlich ausgerufen: "Old age is a massacre!" Es habe ausgesehen, erinnert er sich, als würde man Leute von einem Schlachtfeld holen. "Die Schlacht, die sie geschlagen hatten, war ihr Leben."
Der Held seines Buches stirbt am Schluss, und das ist von Anfang an klar: "Jedermann" beginnt mit einer Begräbnisszene auf dem alten jüdischen Friedhof in der Nähe des Flughafens von Newark - einer gemächlichen Szene. Wie stark dann die Rückblende, die Lebensgeschichte dieses Toten in den Bann zieht, bis zur letzten Seite, das spürt man so richtig erst, wenn man die Eingangsseiten danach noch einmal liest und sich plötzlich wie ein Bekannter unter den wenigen Freunden und Angehörigen fühlt und das intensive Bedürfnis verspürt, Abschied zu nehmen.
Obgleich Roths "Jedermann" von den Themen Krankheit, Alter und Tod bestimmt wird, ist dieses Buch eine großartige Feier des Lebens und zugleich ein literarisches Fest. "Ich wollte über das Sterben schreiben", sagt er. "Innerhalb eines Jahres habe ich drei, vier gute Freunde verloren. Ein Freund wird krank, er stirbt, und dann geht man zur Beerdigung. Ich habe in letzter Zeit so oft in Gräber geblickt, dass ich mir sagte: Also gut, schreib drüber!"
Den letzten Anstoß gab das Begräbnis von Saul Bellow, der im April 2005 starb und für Roth nicht nur ein geschätzter Kollege, sondern ein enger Freund war. "Rund 120 Menschen standen auf dem kleinen Friedhof in Vermont. Es ging allen sehr nah. Die Bedeutung dieses Mannes fügte der eigenen Reaktion noch eine Dimension hinzu. Ein großer Mann war gestorben, wie es nur wenige gibt. Das gab dem Kummer einen speziellen Charakter."
Roth jedenfalls begann gleich am Tag darauf mit der Niederschrift des neuen Buches. Dass diese Erzählung eine Jedermann-Figur zum Helden haben würde, war nicht von Beginn an klar. Erst spät erinnerte er sich an das anonyme englische Theaterstück "Everyman" aus dem frühen 16. Jahrhundert (das auch Hugo von Hofmannsthal als Vorbild für sein "Jedermann"-Stück aus dem Jahr 1911 diente). Er hatte sich schon während seiner Studienzeit damit beschäftigt, las es nun nach mehr als 50 Jahren noch einmal und fand, der Titel sei auch der richtige für seine Erzählung.
"Ich dürfte nicht der einzige Schriftsteller auf der Welt sein, dessen Aufmerksamkeit sich dem Thema Krankheit zuwendet", sagt er an diesem drückend heißen Tag in New York. "Es ist einfach so, dass wir heutzutage am Leben bleiben, wenn wir krank werden. Wir machen weitaus mehr Erfahrung mit Krankheit als etwa die Menschen im 15. und 16. Jahrhundert. Wer damals richtig krank wurde, der starb. Und der Tod kam - wie in dem alten Stück - gerade dann, wenn man ihn am wenigsten erwartet hatte. Der Tod kommt auch heute natürlich noch unerwartet, aber im Großen und Ganzen werden Menschen eine ganze Weile am Leben erhalten, bevor eine Krankheit sie am Ende tötet."
Daher ist die Lebensgeschichte eines Einzelnen als Geschichte seiner Krankheiten eine zeitgemäße Variante des "Jedermann"-Stoffs - nur dass hier der Tod keinen dramatischen Auftritt hat und sich Zeit lässt. Gesellschaftspolitisch ist das Thema der lebensverlängernden Medizin von höchster Aktualität: Fast alle westlichen Gesellschaften, und nicht nur sie, werden es mit den Alten als ständig wachsender Bevölkerungsmehrheit zu tun bekommen.
Roth zeigt sich - auch jenseits seines Buches - an dem Thema stark interessiert: Wie es in Deutschland mit der Krankenversicherung stehe, fragt er, ob sie noch bezahlbar sei. In den USA, beklagt er, würden viele gar keinen Versicherungsschutz genießen. "Ich bin jetzt, seit meinem 65. Lebensjahr, bei Medicare und zahle nichts. Wie alle. Das ist ganz wundervoll. Lyndon Johnson und die Demokraten haben dafür gesorgt."
Roths namenloser Jedermann, Sohn eines jüdischen Schmuckhändlers aus Elizabeth nahe Newark (wo der Autor aufgewachsen ist), hat nach der kleinen Operation im Kindesalter zunächst lange Ruhe, erst mit 34 folgt ein neuer, dieses Mal komplizierter Eingriff in letzter Minute: nach einem Blinddarm-Durchbruch.
Noch einmal gut zwei Jahrzehnte vergehen "bei bester Gesundheit und in jener grenzenlosen Selbstsicherheit, die aus dem Fitsein erwächst", Jahre "ohne den Widersacher Krankheit und das Unheil, das in den Kulissen wartet". Dann, 1989, müssen in einer siebenstündigen Operation fünf Bypässe gelegt werden, neun Jahre später ist die Nierenarterie verstopft. Von da an folgt Jahr um Jahr ein Klinikaufenthalt: Erst bereitet die linke Karotisarterie Kummer ("eine der beiden Hauptarterien, die von der Aorta zur Schädelbasis abzweigen"), dann sind es die Bypässe, die in schrecklicher Regelmäßigkeit verstopfen, was einen Hinterwandinfarkt zur Folge hat.
Die Kette der medizinischen Eingriffe ist zugleich ein erzählerischer Hürdenlauf, den Roth mit Eleganz und großer Bravour bewältigt. Einmal mehr besticht er mit seiner Fähigkeit, exakt recherchierte Kenntnisse verständlich zu machen, ohne in Fachsimpelei zu verfallen. Und er weiß zu dosieren.
Denn natürlich sind nicht nur der körperliche Verfall und das bedrohte Leben Thema von "Jedermann": Die Krankheiten sind vielmehr nur eine Seite dieser sehr gradlinig, ohne alle Schnörkel beschriebenen Existenz. Der Held, der drei Ehen hinter sich bringt, zwei Söhne und eine Tochter in die Welt setzt, als zeichnerisch begabter Art Director im Werbegeschäft Erfolg hat und am Ende in einem noblen Seniorendorf zum Maler wird, sogar noch Unterricht erteilt, dieser Mann lebt durchaus sein Leben - obgleich es auch jenseits der medizinischen Befunde noch genug Schläge für ihn bereithält.
Die Frauen sind es vor allem, die ihm Probleme bereiten. Das Hauptproblem: Sie mögen ihn, sie machen es ihm leicht. Dabei ist er eigentlich jemand, "der alles dafür gegeben hätte, dass seine Ehe ein ganzes Leben lang hielt". Aber die erste Ehe mit Cecilia versandet in einem "langwierigen Ehekrieg", aus dem ihn dann die lebenskluge und verständnisvolle Phoebe befreit. Die zweite Ehe setzt er aufs Spiel, als er Phoebe mit einem dänischen Mannequin betrügt, was bald herauskommt.
Zu allem Überfluss heiratet er nach der Scheidung dieses Mädchen, weil ihm nichts Besseres einfällt, um "das Verbrechen zu vertuschen". Zu spät erkennt er: "Er hatte die hilfsbereiteste Frau, die man sich vorstellen konnte, gegen eine Frau eingetauscht, die unter dem leisesten Druck in Stücke sprang."
Buch-Cover "Jedermann"
Auch wie Roth die Reaktion der verbitterten zweiten Ehefrau darzustellen weiß, ist großartig. Auf wenigen Seiten bietet er die Essenz eines finalen Ehedialogs, den der Erzähler schließlich mit den Worten abbricht: "Aber das alles kennt man in der Tat schon zur Genüge, und es verlangt keine weitere Ausführung."
Nicht allein die Ehefrauen, alle Figuren, die mit Jedermann zu tun haben, stehen dem Leser wie gemeißelt vor Augen: der Vater, der das kleine Juweliergeschäft aufgebaut hat, um seinen beiden "zuverlässigen" Söhnen etwas zu hinterlassen; der große Bruder, der dem Helden zeitlebens Halt gibt; die Tochter, die ihren Vater unerschütterlich liebt (auch wenn er ihre Mutter verlassen hat, als sie 13 war); die zwei Söhne aus erster Ehe, die noch im Erwachsenenalter mit der Trennung der Eltern hadern (und den Vater dafür hassen); Freunde, die im Alter depressiv werden oder an Krebs sterben, eine Malschülerin, die sich ihrer unerträglichen Schmerzen wegen das Leben nimmt.
Im Alter wird es einsam um diesen Jedermann, nur seine Tochter Nancy ruft fast täglich an. Es gebe, sagt er sich, "unglaublich gute Menschen - Wunder, wenn man es recht bedachte -, und es war sein großes Glück, dass eins dieser Wunder seine charakterstarke Tochter war".
Solche Emphase provoziert die Frage, ob es Roth bedauert, nicht auch eine Tochter zu haben. "Ich glaube, das ist ein Wunsch von jedem Mann", antwortet er sofort. "Ich habe zwei Freunde, die beide Töchter haben, die tollsten Töchter. Es ist wundervoll, sie mit ihren Töchtern zu sehen, nun, wo sie in ihren Siebzigern sind und ihre Töchter in den Vierzigern, und sie lieben einander immer noch. Und dann gibt es die Unglücklichen, die von ihren Kindern gehasst werden. Ich habe weder das eine noch das andere."
Es habe sich eben nicht ergeben, ohne dass es geplant war, sagt er nun doch leicht melancholisch. Als ich Roth vor knapp einem Vierteljahrhundert das erste Mal traf, in seinem Haus in Connecticut, in dem er heute noch die meiste Zeit des Jahres verbringt, war er mit Anfang 50 allerdings weitaus resignierter. Damals überlegte er ernsthaft, mit dem Schreiben aufzuhören.
Er hat es nicht getan. Welch wunderbaren Bücher sind seither entstanden, in immer rascherer Reihenfolge: "Gegenleben", "Operation Shylock", "Sabbaths Theater" und vor allem "Der menschliche Makel". Das Alter kann produktiv sein, Werke von monumentaler Kraft entstehen lassen - Roth, längst ein Klassiker zu Lebzeiten, beweist es eindrucksvoll.
Seinen Helden erwischt es schließlich mit Anfang siebzig bei seiner siebten Operation innerhalb von sieben Jahren (die zweite Karotisarterie ist bedrohlich verstopft). Aus der Narkose erwacht er nicht mehr. Und herzzerreißend einfach hat Roth die letzten Worte seines makellosen Erzählwerks gesetzt: "Er war nicht mehr, befreit vom Sein ging er ins Nichts, ohne es auch nur zu merken. Wie er befürchtet hatte von Anbeginn."
Saul Bellow hatte dem Kollegen Roth früh eine Warnung ins Stammbuch geschrieben, lange vor dem internationalen Millionenseller "Portnoys Beschwerden" (1969), mit dem Roth berühmt wurde und eine Zeitlang - wegen der sexuellen Freizügigkeit des Romans - geradezu berüchtigt war. Roth sei äußerst begabt, schrieb Bellow 1959, aber er "zwinkere" beim Schreiben zu viel.
"Stimmt das?", fragt Roth. "Ich habe seither eine Menge anderer Fehler entwickelt. Aber Zwinkern gehört bei ,Jedermann' nicht dazu." Tatsächlich hat sich Roth jetzt, im Alter, selbst übertroffen, und er weiß es. Vier, fünf Fassungen hat er von "Jedermann" geschrieben, und bescheiden sagt er: "Ich habe versucht, die Prosa und das Erzählen so schmucklos und einfach zu halten, wie ich konnte."
Zumindest eine der vielen Operationen, die er seinem Jedermann zumutet, hat er auch am eigenen Leib erfahren müssen: Ihm wurde mit 56, als der eigene Vater gerade im Sterben lag, in einer Notoperation ein fünffacher Bypass eingesetzt. Damit scheint er gut zu leben, aber die Gefährdung bleibt ihm dennoch stets präsent.
Und so lässt sich das Buch vielleicht auch als Wink in Richtung Stockholm verstehen. Es wird Zeit, diesen großartigen Schriftsteller bei der Nobelpreisvergabe nicht länger zu übergehen: Noch lebt er, könnte die implizite Botschaft von "Jedermann" lauten. Und er schreibt wie ein junger Gott.
© DER SPIEGEL 33/2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH