AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 36/2006
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04.09.2006
 

Kultur

Zu Fuß im wilden Osten

Von Reinhard Mohr

Band 4 der SPIEGEL-Edition: Wolfgang Büschers virtuoser Reisebericht über seine 82-tägige Wanderung von Berlin nach Moskau

Mit diesem Buch wurde Wolfgang Büscher bekannt, ja sogar ein wenig berühmt. Die atemraubende Erzählung seines 82-tägigen Fußmarsches von Berlin nach Moskau im Sommer 2001 war nicht nur ein gefeierter Bestseller, vom Publikum geliebt, von den Kritikern gelobt - sie war auch ein Opus magnum, ein Werk, dessen literarische Qualität schwer zu überbieten war. Auch wenn Büscher, inzwischen Autor der Wochenzeitung "Die Zeit", auf Vorschlag von Bundespräsident Horst Köhler den Ludwig-Börne-Preis 2006 für sein jüngstes Buch "Deutschland, eine Reise" erhielt - sein Meisterwerk hat er schon 2003 abgeliefert.

Es ist immer noch schwer zu entscheiden, was mehr Bewunderung verdient: der Mut, sich völlig allein auf den über 2500 Kilometer langen Weg zu machen, die Zähigkeit und Ausdauer des Rucksackreisenden, der morgens nicht wusste, ob er abends irgendeine Schlafgelegenheit finden würde, oder die nie versiegende Neugier der Beobachtung, die sich in einer ebenso reflektierenden wie phantasiereichen Prosa niederschlug.

Schon die ersten Sätze, stilistisch zwischen Alfred Döblin und Céline angesiedelt, ziehen den Leser in Bann: "Verkehr kam auf, in den Alleen schrien die Vögel, zitternd sprang die Stadt an ..." In extra angefertigten Wanderstiefeln brach er an diesem frühen Morgen auf und folgte der Strecke, die schon Napoleon und Hitlers Heeresgruppe Mitte genommen hatten. Es dauert nicht lang, und er passiert jene "Allee der Gehenkten" kurz vor den Seelower Höhen, wo die SS 1945 Deserteure an Bäumen aufgeknüpft hatte.

Doch Einbildungskraft und Sprachvermögen des Autors verwandeln selbst die Erinnerung an vergangenes Grauen in leuchtende poetische Gegenwärtigkeit. Innerhalb eines Satzes verbindet er genaue Betrachtung, ästhetische Inszenierung und geschichtsbewusste Reflexion. So ist Büschers Erkundung der östlichen "Terra incognita" weder ein Selbsterfahrungstrip im Ich-ich-ich-Tremolo noch eine gebildete, aber langweilige Vermessung der postsowjetischen Welt: Der Wanderer aus Deutschland komponiert die Bruch- und Fundstücke aus dem "Tagebau des Tragischen" derart virtuos, dass das anspruchsvolle Werk sogar unterhaltsamer ist als manch marktgerecht hingedrechselte Zeitgeist-Fibel.

Die Beschreibung eines Augenblicks, die Skizze einer Person, Gesellschaftsanalyse wie unterm Mikroskop - alles passiert wie im Vorübergehen und ist doch präzise und eindringlich. Ob in Tschernobyl oder Katyn, im endlosen Landregen auf der einsamen Straße oder in einem weißrussischen Schmugglerinnenbus - falsche Romantik kommt nie auf. Doch das ganze Unternehmen entspringt durchaus einer romantischen Idee, ein bisschen so wie bei Johann Gottfried Seume, der vor zweihundert Jahren von Sachsen nach Syrakus lief.

Auch bei Büscher fasziniert vor allem der ständige Perspektivenwechsel bei der Suche nach der "wahren" Wirklichkeit: Eben noch ein schäbiger Kioskvorhang mit russischer Depressionsästhetik, dann wieder ein pittoreskes Pferdefuhrwerk, das die Chaussee entlangrumpelt wie zu Vorväter Zeiten - damals, als Anton Tschechows Brüder und Schwestern riefen: "Nach Moskau, nach Moskau!"

Nur einmal, kurz vor dem ersehnten Moskau, als es im Hotel wieder mal keine Dusche gibt und sich draußen träge Katzen im Dreck zwischen den Trümmern räkeln, bricht es aus dem tapferen Wandersmann kulturpessimistisch und russlandkritisch heraus: "Hausschrott. Staatsschrott. Essundtrinkschrott. Autoschrott. Atomschrott. Stadtlandflussschrott. Benimmschrott. Kirchenschrott. Seelenschrott ... Was habt ihr aus eurem Land gemacht?"

Es ist das schönste Wunder dieses Buches, dass der Leser den wilden Osten erleben kann, ohne selbst einen Schritt vor die Tür zu setzen.

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