AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 43/2006
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SPIEGEL-Gespräch "Für mich gibt es keine Rückkehr"

3. Teil

SPIEGEL: Gibt es trotzdem nach so einem Politikerleben an der Spitze einen Restgroll, der einen nicht loslässt?

Schröder: Was ihn angeht, wirklich nicht. Er ist mir gleichgültig.

SPIEGEL: Und andere? – Bismarck hat in seinem Tagebuch einmal geschrieben: "Habe die ganze Nacht durchgehasst."

Schröder: Wenn er nur eine Nacht gebraucht hat, war er ja sehr schnell entlastet. Kritiker, die besonders unfair waren – nehmen wir mal meinen Vorgänger im Amt –, sind mir gleichgültig. Sie berühren nicht mein Leben.

SPIEGEL: Bei Ihrem in der Öffentlichkeit zu Recht heftig kritisierten Auftritt in der Wahlnacht haben Sie die Kollegen vom Fernsehen angegriffen und insgesamt die Medien dafür verantwortlich gemacht, dass Sie nun nicht mehr Kanzler sind. Wenn man Ihr Buch liest, spielt das keine Rolle mehr. Haben Sie sich damals vergaloppiert?

Schröder: Eine Studie der Katholischen Hochschule in Eichstätt hat festgestellt, dass von den Medien eine sehr einseitige Parteinahme für die Union betrieben worden ist. Das ist auch nicht vergessen. Aber wenn man das beschreibt, dann könnte es ja so aussehen, als wäre man immer noch nicht fertig damit. Ich wollte vermeiden, dass jemand, der das Buch liest, zu der Auffassung kommt: Der hat eigentlich die Tatsache, dass er es nicht mehr ist, nicht verwunden. Ich habe es aber verwunden.

SPIEGEL: Vielleicht wäre ja ein Kompliment an die Medien richtig gewesen …

Schröder: Nein.

SPIEGEL: Nämlich zu sagen: Die haben schneller als wir handelnde Politiker erkannt, dass unser rot-grünes Programm kurz vor der Schleswig-Holstein-Wahl abgelaufen war, dass unsere Agenda 2010 festgefahren war in der eigenen Partei, dass wir nicht mehr weiterkamen.

Schröder: Ich habe zu Beginn des Wahlkampfs in einem Hintergrundgespräch gesagt: Die rot-grüne Gemeinsamkeit ist vielleicht nicht mehr so groß, wie sie sein müsste, wenn man eine Neuauflage im Sinn hat. Da ist etwas dran. Insofern könnte die Große Koalition als entschiedene Weiterführung nicht nur des Reformprogramms nach innen, sondern der relativen Unabhängigkeit in der Außenpolitik nach außen eigentlich eine gute Konstellation sein.

SPIEGEL: Hält die schwarz-rote Koalition?

Schröder: Diese Koalition wird vermutlich bis 2009 bleiben. Die SPD steht. Und in der CDU würde ein Scheitern auch ein Scheitern der Kanzlerin bedeuten mit der Folge, dass ihre politische Karriere beendet wäre. Dass sie das unbedingt verhindern will, liegt auf der Hand. Wenn die SPD die Nerven behält, ist sie in der besseren Situation.

SPIEGEL: Angela Merkel taucht in Ihrem Buch kaum auf. Warum eigentlich nicht?

Schröder: Weil ich über meine Zeit geschrieben habe und nicht über sie.

SPIEGEL: Aber sie war im Wahlkampf die Gegnerin.

Schröder: War sie es wirklich? Ich hatte doch den wunderbaren Professor aus Heidelberg und den Vorteil, dass man ihn in der CDU sehr schnell fallengelassen hat.

SPIEGEL: Gibt es außenpolitisch etwas, zu dem Sie sagen, da hat die Nachfolgerin Sachen zurechtgerückt, die ich selber in meiner Kanzlerschaft nicht mehr zurechtrücken konnte, zum Beispiel im Verhältnis gegenüber Amerika?

Schröder: Nein. Ich sehe in der Außenpolitik viel sachliche Kontinuität.

SPIEGEL: Mit Präsident Bush ist die heutige Kanzlerin herzlicher unterwegs als ihr Vorgänger.

Schröder: Bitte schön!

SPIEGEL: Sie stehen zu jeder Ihrer Äußerungen, auch was den "lupenreinen Demokraten" Putin anbelangt?

Schröder: Auch was den lupenreinen Demokraten angeht. Ich habe daran nichts zu korrigieren.

"Ich bin ja alles andere als ein Gegner Amerikas."

SPIEGEL: In manchen Fragen gibt es jetzt einen anderen Grundton. Merkel hat beispielsweise die Menschenrechtsfrage gegenüber China angesprochen.

Schröder: Jo! Das hat die Chinesen ungeheuer beeindruckt.

SPIEGEL: Sie meinen nicht, dass in puncto Menschenrechte in Ihrer Zeit des Guten zu wenig getan wurde?

Schröder: Nein. Wir haben den Rechtsstaatsdialog mit China begonnen. Er wird sich mittelfristig als wirkungsvoller erweisen als all diese letztlich doch nur für die mitreisenden Journalisten gemachten Äußerungen.

SPIEGEL: Dennoch hat es natürlich etwas damit zu tun, für welche Werte man steht, auch in der Öffentlichkeit. Ihre Nähe zu Putin ist ja durchaus nicht ganz zu Unrecht kritisiert worden.

Schröder: Ich finde, sie ist zu Unrecht kritisiert worden. Es gibt keinen Punkt, wo diese Nähe, wie Sie es nennen, etwa unterschiedliche Interessen überdeckt hätte. Das stimmt nicht.

SPIEGEL: Unterschätzen Sie nicht die autoritäre Struktur Russlands?

Schröder: Das ist immer die Frage, wo das Land herkommt und wo es hin soll. Es ist schon ein Unterschied, ob man in Russland Regierungschef ist oder in einer der Demokratien wie Frankreich oder Großbritannien. Unsere will ich in dem Zusammenhang jetzt nicht so vollmundig nennen. Wir mussten das ja auch lernen und mussten von außen Hilfe haben, um es zu lernen.

SPIEGEL: Gegenüber Amerika waren Sie weniger taktvoll.

Schröder: Nein, überhaupt nicht. Ich bin ja alles andere als ein Gegner Amerikas. Sonst wäre ja die Hälfte der Gesellschaft in den USA das auch. Wir haben in Deutschland – das ist zugegeben nicht das Problem Ihrer Zeitschrift – in wesentlichen Teilen der Publizistik das Problem, dass jede sachlich begründete Kritik an Amerika als Antiamerikanismus diffamiert wird. Das ist natürlich falsch.

SPIEGEL: Die Gas-Pipeline-Firma, deren Aufsichtsrat Sie nun vorsitzen, residiert im schweizerischen Zug, einem weltweit bekannten Steuerparadies. Passt das zu einem Sozialdemokraten?

Schröder: Ich habe mit der Wahl dieses Ortes nichts zu tun. Das ist vor meiner Tätigkeit zwischen den drei Joint-Venture-Partnern, den zwei deutschen Unternehmen und Gasprom, vereinbart worden. Zweitens ist es absolut üblich, dass man ein Joint Venture nicht in dem Land macht, wo die Joint-Venture-Partner residieren – und wenn, dann beim Mehrheitsgesellschafter.

SPIEGEL: Bis in den Führungszirkel der SPD hat Ihre Entscheidung, an so maßgeblicher Stelle bei Gasprom mitzumachen, für Befremden gesorgt. Ist ein deutscher Bundeskanzler nicht auf Lebenszeit den Interessen seines Staates verpflichtet und nicht denen eines anderen?

Schröder: Selbst wenn ich die Frage mit Ja beantworten würde – was nur tendenziell stimmt: In dem Moment, wo ein Bundeskanzler aus dem Amt scheidet, wird er auch wieder Privatperson, zumal wenn er in einem Alter ist, wo man noch etwas arbeiten muss und Anwalt ist. Dann ist er auch den Interessen seiner Mandanten verpflichtet und nicht nur denen des Staates. Ihre Vorstellung von einem ehemaligen Regierungsmitglied ist vordemokratisch. Im Übrigen hieße das ja immer noch, dass das Engagement in dieser Pipeline-Gesellschaft gegen die Interessen Deutschlands gerichtet sei. Das Gegenteil ist der Fall. Insofern hatte ich mir eigentlich viel Lob erwartet. Aber das war wohl eine überzogene Erwartung.

SPIEGEL: Konrad Adenauer ist erst mit 73 Jahren Bundeskanzler geworden. In zehn Jahren könnten Sie ja vielleicht noch einmal antreten. Was halten Sie davon?

Schröder: Nein. Das will ich mit aller Deutlichkeit klarstellen. Diese Angst kann ich jedem nehmen. Für mich gibt es keine Rückkehr in die Politik.

SPIEGEL: Noch mal in die große Halle?

Schröder: Auf keinen Fall.

SPIEGEL: Als Wahlkampfzugpferd?

Schröder: Nein. Wenn mich in einem Wahlkampf jemand fragt und mir Programm und Person gefallen, dann schließe ich nicht aus, zu helfen. Aber auf den Straßen und Plätzen gehe ich in Zukunft vor allem nur noch spazieren.

SPIEGEL: Herr Schröder, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führten die Redakteure Gabor Steingart und Stefan Aust.

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