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Ausgabe 1/2007
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30.12.2006
 

Extrembergsteigen

Mama Himalaja

Von Michael Wulzinger

2. Teil: Lesen Sie hier weiter

Sie ist viel rumgekommen. Vier Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs reiste sie durch das zerbombte Deutschland, und 1957 brach sie auf zu einer zwei Jahre dauernden Weltreise, die sie auch nach Katmandu führte. Sie war hingerissen von der Stadt, die ihr vorkam "wie eine märchenhafte Fata Morgana, eine Oase der Fruchtbarkeit in einem Meer aus senkrechten Wänden", und sie war hingerissen von der Fremdheit des Landes, "an dem man erkennen kann, was aus der Welt wird". Nach mehr als hundert Jahren Isolation hatte Nepal erst 1950 seine Grenzen für Ausländer wieder geöffnet.

Ein Jahr nach ihrer Rückkehr in die USA wanderte Hawley aus. Sie hatte New York und das tägliche Rattenrennen satt, Katmandu war der größtmögliche Gegensatz. Dort galt ihr Interesse von Anfang an der Geschichte des Bergsteigens, was auch damit zu tun hatte, dass sie sich Geld verdienen musste. Hawley hatte als Korrespondentin bei der Nachrichtenagentur Reuters angeheuert, und es waren vor allem die Expeditionen auf die Achttausender, die Neuigkeiten produzierten. Die Erde hatte noch weiße Flecken, viele davon lagen im Himalaja.

Wie wertvoll die persönlichen Kontakte waren, die Hawley zu den Bergsteigern knüpfte, zeigte sich beispielhaft 1963. Einer amerikanischen Expedition, die auf den Mount Everest wollte, war erstmals die Überschreitung des Berges gelungen, und dies auch noch von der Westseite aus. Es war eine Pioniertat, die ein enormes Medieninteresse erzeugte. Hawley erfuhr die Sensation vor allen anderen Korrespondenten, und der Bericht, den sie in die Redaktion kabelte, landete schließlich auch auf dem Tisch von John F. Kennedy. Fortan bekam sie Reportageaufträge der bekanntesten Magazine, und bald schon galt sie als beste Kennerin einer Region, für die es größtenteils nicht einmal brauchbares Kartenmaterial gab.

In den mehr als 40 Jahren seitdem hat sie dieser Todeszone Konturen gegeben, und natürlich hat sie sich nicht nur Freunde gemacht. So hat sie sich mit dem englischen Bergsteiger Alan Hinkes angelegt, der sich im Mai vergangenen Jahres als der erste Brite feiern ließ, der alle Achttausender bezwungen hat.

Miss Hawley aber hatte Zweifel. Sie mied die Gartenparty in Katmandu, die die britische Botschaft zu Hinkes' Ehren ausrichtete. Stattdessen erörterte sie in ihrem Frühjahrsbericht 2005 für die "Himalayan Database" eine Expedition von 1990, die Hinkes zum Cho Oyu (8188 Meter) geführt hatte. Ein Teilnehmer hatte ihr gebeichtet, dass Hinkes nur das unter dem Gipfel liegende Plateau erreicht habe.

Hinkes bestreitet, getäuscht zu haben. Es sei neblig gewesen, doch er sei sicher, den Gipfel erreicht zu haben. Aber Hawley bleibt stur. Er solle den Cho Oyu erneut in Angriff nehmen, "und man kann nur hoffen, dass es nicht wieder neblig ist".

Auch der kasachische Kletterer Anatolij Bukrejew, der mit spektakulären Touren auf sich aufmerksam gemacht hatte, ehe er im Dezember 1997 unter einer Lawine an der Annapurna (8091 Meter) verschüttet wurde, bekam ein Problem mit Hawley. Seinen Schilderungen nach einer Expedition auf den Shisha Pangma (8027 Meter) entnahm sie, dass Bukrejew nur einen Nebengipfel erreicht hatte. Anders als Hinkes nahm der Kasache ihre Belehrung gelassen hin. Einem Mitstreiter vertraute er an, Hawley habe ihn angeherrscht. "Ich muss noch mal hin, Elizabeth sagt, ich sei nicht ganz oben gewesen."

In Hawleys Archiv taucht Bukrejew auch als Bergführer einer Expedition auf, die an der größten Tragödie in der Geschichte des Bergsteigens am Everest beteiligt war. Das Drama, bei dem acht Bergsteiger starben, machte auf brutale Art deutlich, wie unvermittelt sich das Hochgebirge in die Hölle verwandelt, wenn Überehrgeiz, Geltungsbedürfnis und Kostendruck die Entscheidungen in dünner Luft beeinflussen.

Bukrejew war für 25.000 Dollar als Bergführer einer US-Expedition angeheuert, die sich Mountain Madness nannte. Sie bestand einschließlich der Sherpas aus 22 Teilnehmern. Scott Fischer, der Expeditionsleiter, traf sich am 28. März 1996 in Katmandu mit Hawley. Am 9. Mai, so sein Plan, wollte die Expedition auf dem Mount Everest stehen, für den 15. Mai war die Rückkehr nach Katmandu vorgesehen.

Drei Tage nach ihrem Interview mit Fischer sprach Hawley in Katmandu mit dem Profi-Bergsteiger Rob Hall, dem Chef der Trekking-Agentur Adventure Consultants aus Christchurch in Neuseeland. Auch Hall wollte mit seiner Expedition, bestehend aus 26 Teilnehmern, auf den Everest, der Gipfeltag war, so hielt Hawley es in ihren Aufzeichnungen fest, einen Tag später vorgesehen als bei Fischers Gruppe.

Elizabeth Hawley hat weder Hall noch Fischer jemals wiedergesehen. Beide Expeditionsleiter kamen beim Abstieg vom Mount Everest ums Leben. Sie waren am Nachmittag des 10. Mai unterhalb des Gipfels in einen Schneesturm geraten.

Einen der ersten Augenzeugenberichte der Katastrophe hörte Hawley eine Woche später von einem Amerikaner namens Jon Krakauer, den sie in seinem Hotel in Thamel traf, dem Touristenviertel Katmandus. Krakauer, ein Journalist aus Seattle, gehörte zu den Überlebenden des Teams von Hall. Er war auf den Everest gestiegen, weil er eine Reportage über die Auswüchse der Kommerzialisierung des Himalaja-Bergsteigens schreiben wollte.

Es wurde ein Buch über den Tod. "Into Thin Air", in eisige Höhen, Krakauers minutiöse Nacherzählung des Dramas, verkaufte sich millionenfach, und die zwei engbeschriebenen Seiten, die Hawley bei dem Gespräch mit Krakauer in ihrer nur schwer zu entziffernden Handschrift notierte, lesen sich wie das Skript zu diesem Bestseller.

Kaum eine andere Akte in Hawleys Archiv ist so umfangreich, doch nur widerwillig spricht die Dame über die Geschichte.

Sie hat es häufig erlebt, dass sich Bergsteiger von ihr verabschiedeten und nicht wiederkamen, sie ist Historikerin, und Historiker, sagt sie, zeigen ihr Mitgefühl nicht.

Die Ereignisse am Mount Everest hatten eine neue, deprimierende Botschaft, auch für Elizabeth Hawley. Zwei kommerzielle Expeditionen waren am selben Tag auf den Gipfel gestrebt, beide befanden sich auf Kollisionskurs, niemand wich zurück, niemand nahm die Gefahren ernst. Es hatte den Anschein, als sei der ganz alltägliche Wahnsinn der westlichen Welt endgültig auch im Hochgebirge des Himalaja angekommen. Was sich damals auf dem Mount Everest abspielte, war so etwas wie die Fortsetzung des Rattenrennens um Macht und Erfolg, dem Elizabeth Hawley eigentlich hatte entfliehen wollen.

In Hawleys Unterlagen zu dem Drama findet sich ein Fax, das sie am 11. Mai 1996 an Adventure Consultants in Christchurch schickte. In Katmandu hatte sie die ersten Gerüchte aufgeschnappt, dass Mitglieder der neuseeländischen Expedition nach dem Abstieg vom Mount Everest vermisst würden, unter ihnen auch der Chef des Unternehmens, Rob Hall.

"Ich kann nur hoffen, dass sie alle überlebt haben", schrieb Hawley, "nicht zu wissen, was passiert, ist noch schlimmer, als Gewissheit darüber zu haben." In dem ihr eigenen Ton fügte sie hinzu: "Dummes Zeug, das Bergsteigen, nicht wahr?"

Das Fax bekam Halls Frau, der es noch am selben Abend gelang, eine telefonische Verbindung zu ihrem Mann herzustellen. Sie hatte das Basislager der Adventure-Consultants-Expedition am Mount Everest angewählt, und Halls Freunde hatten den Anruf zu seinem Funkgerät durchgestellt.

Hall verharrte, zu Tode erschöpft, auf dem Südgipfel auf mehr als 8000 Meter Höhe im Schnee, seit dem Beginn des Sturms waren über 24 Stunden vergangen. Seine Frau war drei Jahre zuvor mit Hall auf dem Mount Everest gewesen, sie machte sich keine Illusionen über seine hoffnungslose Lage.

"Hi, mein Schatz", sagte Hall, "ich hoffe, du liegst warm eingepackt im Bett. Wie geht's dir?"

"Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich an dich denke", antwortete seine Frau. "Du klingst ja viel besser, als ich erwartet habe. Ist dir auch nicht zu kalt, Liebling?"

"Wenn man die Höhe und das ganze Drumherum bedenkt, geht's mir eigentlich verhältnismäßig gut", sagte Hall.

Sie erwiderte: "Ich kann's kaum erwarten, dich ganz gesund zu pflegen, wenn du wieder zu Hause bist. Ich weiß einfach, dass du gerettet wirst. Denk nicht, dass du allein und verlassen bist."

Bevor er das Gespräch beendete, sagte Hall: "Ich liebe dich. Schlaf gut, mein Schatz. Mach dir bitte nicht zu viele Sorgen."

Zwölf Tage später fand man Hall tot in einer Eismulde.

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Ich sehe hier ein reichlich altes Argument...denn das zielt ja zunächst auch einmal auf Krankenkassen ab, die Behandlungkosten tragen würden, die entstehen, weil Leute irgendwas angeblich halsbrecherisches machen. Ich selbst bin [...] mehr...

06.01.2007 von Umbriel:

Auch extrem: Spon verlinkt von der HP den Artikel über Mama Himalaya. Der Link führt auf direktem Weg ins Bezahlsystem für kostenpflichtige Archivware. Bleibt die Frage, wann ich Geld bekomme, wenn jemand meine Forenbeiträge [...] mehr...

06.01.2007 von frittes: Reden wir hier überhaupt vom gleichen Thema?

Derartig undifferenzierte Schwarz-weiß-Standpunkte, die keinerlei "Grauzonen" - und damit auch andere abweichende Meinungen - akzeptieren, sind für eine Diskussion dieser Art absolut kontraproduktiv. Binnen kürzester [...] mehr...

05.01.2007 von Dr_Gonzo:

Ich finde es extrem erheiternd wie oft in Zusammenhang mit diesem Thema kritisiert wird, daß die Allgemeinheit einen Teil der Kosten verursacht durch "Adrenalinjunkies" (-bitte weitere provozierende Synonyme hier [...] mehr...

05.01.2007 von wolleweis: Ist denn nur der Extremsport teuer?

Ich finde das ja ganz lustig, dass hier auf "Extremsportler" losgeschossen wird. Ist denn die Flut von Verletzungen beim normalen Fusball, Mountainbiken, Jogging, Tennis usw nicht teuer? Im Vergleich dazu sind [...] mehr...

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