Mittwoch, 10. Februar 2010

SchulSPIEGEL



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07.05.2007
 

Erziehung

Die Weltverbesserungsanstalt

Von Fiona Ehlers

Als Gegenentwurf zur deutschen Regelschule und zum Lob der Disziplin wird eine Legende wiederentdeckt: Summerhill, der Hort der antiautoritären Pädagogik. Was für Menschen entlässt dieses britische Internat in die moderne Welt - Romantiker oder Global Player?

Sie kamen mit dem Flugzeug aus Japan, Südafrika, dem europäischen Kontinent in den hintersten Winkel der Grafschaft Suffolk, nach Leiston, 150 Kilometer nordöstlich von London, nah am Meer. Sie bogen in die Einfahrt mit dem Schild "Achtung! Spielende Kinder!", ließen sich "Besucher"-Sticker an die Brust kleben und betraten das Gutshaus aus rotem Backstein.

Verwohnt sieht es aus, aber gemütlich. So, wie man sich die Villa Kunterbunt vorstellt; altmodische Veranda, die Dielen knarren, die Treppengeländer sind blank gerutscht, in der Halle hängen noch Girlanden vom Valentinstag.

Sie haben einen weiten Weg hinter sich bis nach Summerhill, einst Vorzeigeschule der antiautoritären Pädagogik, heute so etwas wie eine Legende. Als sie hörten, dass die Schule noch existiert, waren sie überrascht. Sie erinnerten sich an die Erziehungs-Bibel von Alexander S. Neill, dem Gründer von Summerhill, irgendwo hinten steht sie im Bücherregal und vergilbt. Sie ließen sich aktuelle Broschüren schicken mit Fotos von glücklichen Kindern und beeindruckenden Lebensläufen, jetzt sitzen sie hier, acht Elternpaare mit Töchtern und Söhnen, an niedrigen Tischen im Speisesaal - um zu prüfen, ob die Schule noch in die Gegenwart passt oder schon wieder.

Es ist ein warmer Frühlingsmorgen, "Tag der zukünftigen Eltern" im revolutionärsten Internat der Welt: Der Unterricht ist freiwillig, Stundenpläne sind nur zwingend für Lehrer. Die Schüler bestimmen, wie sie leben wollen und nach welchen Regeln. Noten und Zeugnisse gibt es nicht, Fluchen und Sex sind erlaubt, Religion ist tabu. Acht Lehrer leben hier zurzeit und 81 Schüler zwischen 6 und 16, die meisten aus Europa, ein Viertel Asiaten. Am Eingang werden Souvenirs verkauft: "Summerhill - seit 86 Jahren der Zeit voraus".

Ein paar der Eltern reden wie versponnene Weltverbesserer, sie glauben, dass Glück wichtiger sei als Leistung, und fragen, wie es die Schule mit Spiritualität halte. Kann mein Kind Yoga lernen, Tai-Chi, gibt es auch Tiere?

Aber einer sitzt unter ihnen, Winfried Felser aus Köln, Doktor der Betriebswirtschaft, 42 Jahre alt, wertkonservativ, wie er sagt, "weit davon entfernt, ein 68er zu sein" - ihn haben Frust und Ratlosigkeit außer Landes getrieben. Er macht sich Sorgen um seine Tochter. Sie besucht eine deutsche Regelschule, in der, wie fast überall, Verrohung herrsche und Lustlosigkeit, andererseits Leistungsdruck, Drill und Anpassung. Sie hat Lehrer, die Lehrpläne herunterbeten, Mitschüler, die stupide auswendig lernen und sofort vergessen; das Leben findet erst nach Schulschluss statt.

Felser kommt aus einer Republik, die hitzige Debatten führt über Schulsysteme mit und ohne Zukunft, er weiß nicht mehr, was richtig ist oder falsch, er fragt: "Wie steht es hier mit dem Bildungsniveau, gibt es da Evaluationen?" "Kennen Sie Pisa?" "Was wird aus den Absolventen, kann meine Tochter später studieren?"

Es sind die Fragen eines Vaters, der das Buch "Lob der Disziplin" von "Deutschlands strengstem Lehrer", dem ehemaligen Salem-Leiter Bernhard Bueb, gelesen hat, es macht ihn wütend. Er sagt, er hoffe auf einen Ort, der Werte vermittelt, Solidarität, Eigeninitiative, wo aus Kindern mündige Bürger werden, ohne dass Erzieher Macht ausüben, deshalb sei er hier.

Seine Tochter Alara, ein pummeliges, aufgewecktes Kind mit braunen Locken, zehn Jahre, Gymnasialempfehlung, sitzt neben ihm und lässt sich jedes Wort übersetzen. Alara lerne gern, aber auf Zwang reagiere sie mit Faulheit. Ja, sie werde oft schikaniert, Kinder müssten ihre Kanten abschleifen, sei der Kommentar ihrer Lehrer. Am Ende des Tages, hat sie ihren Vater wissen lassen, werde sie entscheiden, ob sie in Summerhill bleiben wolle.

Zoë Readhead, 60, rotes Haar, Gummistiefel, sitzt inmitten der Eltern auf einem Tisch und baumelt mit den Beinen. Für sie ist Pisa eine Stadt in Italien, Disziplin ein Wort, das sie nicht benutzt.

Zoë Readhead ist die Tochter von Alexander S. Neill, seit 27 Jahren leitet sie das Internat. Sie kennt diese Fragen, sie kommen in Wellen, immer dann, sagt sie, wenn Konservative die Debatten bestimmten oder Erziehungsbücher zum Bestseller gejubelt werden müssten. "Gutes Benehmen kommt von allein, wie auch die Lust am Lernen", so denkt sie, und dass ihr Internat besser in die Gegenwart passe denn je. "Wir haben die Wirren der antiautoritären Erziehung überlebt, Skandale in der Presse, den Prozess um die Schließung. Wir haben bewiesen, dass wir funktionieren."

Die Klingel schrillt. Zum Unterricht geht niemand

Summerhill sei eine Schule ohne Zwang. Eine Schule ohne Regeln sei sie nie gewesen. "Sehen Sie, da hängen sie", sie zeigt auf eine Mappe an einer Pinnwand. 152 Gesetze momentan, sie regeln Bettzeiten, die Höhe des Bußgelds. "Wir haben mehr Gesetze als andere Internate und kosten weniger: je nach Alter zwischen 10.000 und 17.000 Euro im Jahr. Have a look."

9.30 Uhr, die Schulglocke schrillt, die Eltern betreten den Hof, und endlich sieht man auch Kinder. Sie düsen auf Skateboards, basteln an Baumhäusern, ein Japaner kickt Bälle auf ein Tor. Miss-Sixty-Jeans oder Push-up-BH, die Uniformen der Konsum-Kids, sind hier out. Summerhill-Kinder tragen lässige Mützen und Flicken auf den Knien.

Meylis, 15, wartet am Pool. Sie ist im Besucherkomitee, führt zu den Klassenräumen, hell und improvisiert, zu den Schlafbaracken, Eintritt für Fremde verboten. Abseits, hinter Gebüsch, stehen Wohnwagen. Dort leben die Lehrer, erklärt sie, die verdienen wenig hier, Luxus interessiert die nicht.

Meylis und ihre Mitschüler müssen niemandem gefallen, schon gar nicht Erwachsenen. Früher waren sie auf normalen Schulen und haben gelitten. Tertius, 14, ein blonder Knirps mit Skateboard, sagt: "Früher war ich hyperaktiv, jetzt bin ich ruhiger." Er rammt das Bein eines Besuchers, lässt ihn stehen, kommt zurück und reicht Tee. Susan, 15, Koreanerin: "Für Asiaten zählt nur der Erfolg, wir sind von Versagensangst zerfressen, ich bin lieber hier." Meylis, Brille, altklug: "Das Wichtigste ist die Freiheit. Wir engagieren uns für die Gemeinschaft und haben immer eine Meinung."

Der Traum von einer Schule also, Vorbild für eine bessere Gesellschaft? Man kann Summerhill altmodisch finden oder modern. Ein Relikt aus studentenbewegten Tagen. Oder ein Modell der Zukunft. Weil die Schule keine Anpasser produziert, sondern Demokraten. Weil sie statt der von Bueb geforderten Sekundärtugenden wie Ordnung und Fleiß auf Toleranz setzt, auf Kritikfähigkeit und Mitbestimmung.

Welchen Eindruck man mitnimmt aus Summerhill, hängt davon ab, was man hineinbringt - Vorurteile, Erinnerungen an die eigene Schule, die Antwort auf die Frage, ob man es selbst hier geschafft hätte.

Summerhill, so viel ist klar, macht es Fremden nicht leicht: Kritiker erwarten verwöhnte Chaoten, kaputtgeschmissene Fenster, Orgien, Anarchie. Wenig davon werden sie hier finden. Verehrer hingegen sind enttäuscht, dass nicht ständig Flower-Power herrscht, sondern oft gar nichts passiert. Ein unspektakulärer Alltag: Wecken ist um 8 Uhr, um 9.30 beginnt der Unterricht für die, die wollen, dann Lunch, Unterricht, Abendbrot, Bettruhe. "Ombudsmen" schlichten Streitereien, "Fines Officers" kassieren Taschengeld von denen, die sich nicht an die Regeln halten. Nur Putzen, Waschen und Kochen erledigt das Personal. Der Rest kann sehr langweilig sein.

Die Kinder sind stolz auf ihre Tradition, und doch klingt vieles, was sie sagen, auswendig gelernt. Das mag daran liegen, dass Fremde immer dieselben Fragen stellen: Fühlt ihr euch vorbereitet aufs Leben? Was lernt man, wenn man nichts lernen muss?

Sie sind es gewohnt, besichtigt zu werden wie seltene Exemplare der Gattung Kind. Sie machen sich nicht viel aus Fragen, sie stellen lieber selbst welche: "Ist Erfolg wichtig? Wer bemisst Erfolg? Ob wir Sex haben miteinander? No way, das wäre ja wie Inzest. Was wir gegen Langeweile tun? Gar nichts! Wenn wir sie nicht mehr aushalten, treibt sie uns in den Unterricht, und dort manchmal zu Höchstleistungen."

Über ihre Probleme mit der Freiheit oder den Frust mit der fremden Sprache sprechen sie nicht - keine Lust. Und wenn Summerhill-Kinder keine Lust haben, ist nichts zu machen. Sie verabschieden sich höflich, aber bestimmt. Die Klingel schrillt, zum Unterricht geht niemand.

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