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Ausgabe 19/2007
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07.05.2007
 

Erziehung

Die Weltverbesserungsanstalt

Von Fiona Ehlers

2. Teil

Wie prägt diese Schule ein Leben, wie kommt man klar hinterher? Antworten haben nur Erwachsene, Ehemalige. Viele haben Vorwürfe, fast alle aber sagen, Summerhill sei das Beste, das ihnen passieren konnte, für eine Weile zumindest.

Alexander Rühle, 36, kommt vom Squash, er ist frisch geduscht, sein Haar ist kurz, er trägt einen Pullunder zum karierten Hemd und empfängt zur Tea-Time in einem Hotel an der Themse. Sein Handy klingelt. "Ja, das machen wir so", sagt er in geschliffenem Englisch, "aber das nächste Mal bitte strukturierter." Auf seiner Visitenkarte steht "Fondsmanager".

Alexander war neun, als ihm seine Mutter abends am Bett aus Neills Buch vorlas. Über das Kinderparadies in England, wo Lehrer Freunde sind und jeder tut, was er will, solange es niemanden stört. Er wollte dort hin, klar, sein Vater war dagegen. Der war Handelsattaché der DDR in Tunesien gewesen, später Republikflüchtling. Alexander besuchte eine strenge Schule in Paris, wenn er quatschte, bekam er ein Pflaster über den Mund.

Der Junge setzte sich durch. Er spielte viel in Summerhill, "um den Hass auf die alte Schule zu überwinden". Aber dann sei etwas mit ihm passiert, sagt er, es war wie Aufwachen. Er lernte Englisch in wenigen Monaten, schaffte Abschlussprüfungen in drei Fächern, hatte viel aufzuholen, paukte. Mit 17 ging er aufs College. Es war kein besonders gutes College. Seine Mitschüler waren Schnösel und Sitzenbleiber, sobald ihnen ein Lehrer den Rücken kehrte, flippten sie aus, jedes Wochenende waren sie blau oder bekifft. Rühle hatte sich längst ausgetobt, Rebellion kam für ihn nie in Frage. "Ich wusste schon damals, dass ich draußen überleben muss."

Rühle legte drei Uni-Abschlüsse hin, arbeitete als Analyst bei einem Hedgefonds. Heute ist er selbständig, sitzt vor sechs Bildschirmen bis tief in die Nacht und liebt, was er tut. Rühle passt in die globalisierte Welt, er sagt: "Früher brauchte man Fließbandarbeiter, heute Querdenker, Kreative, Multitasker - all das bin ich dank Summerhill." Gerade bekam seine brasilianische Frau das erste Kind. Ob er es ins Paradies schickt, überlegt er noch.

300 Kilometer weiter westlich lebt Freer Spreckley, 62, in einem ausgebauten Rinderstall bei Hereford, viel Glas, grandioser Blick rüber nach Wales. Er lebt hier noch nicht lange, mit seiner Frau, einer ehemaligen Summerhill-Lehrerin, und drei Kindern. Früher suchte er seinen Weg in der Welt.

Als Kind war der Brite das Gegenteil von Rühle, dem Deutschen. Freer trug den stolzen Vornamen eines Wikingers, als wäre es ein Versehen. Er war ein trauriger Junge, seine Mutter starb an Krebs, da war er drei.

Als er mit sechs nach Summerhill kam, spielten die Kinder vor dem Gutshaus und sagten, er solle nicht so glotzen, sondern mitspielen. "Das war der Moment, als ich lernte, Kind zu sein. Ein Kind mit Familie."

Spreckley, heute ein stattlicher Mann, Berater für Dritte-Welt-Organisationen, sagt, Summerhill habe ihn gelehrt, glücklich zu sein. Wer könne das schon von seiner Schule behaupten? Aber eigentlich sei es gar keine Schule, eher ein Ferienlager. Als man ihn entließ, war er 16 und konnte weder lesen noch schreiben.

Vor Spreckley auf einem Tisch steht ein getöpfertes Schälchen, sein Abschlusszeugnis aus Summerhill, wenn man so will. Spreckley war sehr gut im Töpfern. Zum Unterricht ging er selten, er litt an Legasthenie. Man hätte ihm helfen können, damals in den sechziger Jahren. Ein Lehrer versuchte es, aber er blieb nicht dran, es war nicht wichtig. Nach Summerhill reiste er fünf Jahre um die Welt, per Anhalter. Er spendete Blut in Kuweit, war bekifft in Kalkutta, im US-Radio trat er auf als eines der berühmten Kinder von Summerhill. Mit Mühe schaffte er den Führerschein, bis heute der einzige Leistungsnachweis seines Lebens.

Er versteckte sein Handicap, kritzelte Kringel, brachte Japanern Englisch bei, Buchstabieren ging nicht, nur Konversation. Als er in Australien Bulldozer fuhr, schlug ihm ein Kumpel auf die Schulter: "Einmal ein Arbeiter, immer ein Arbeiter." Spreckley empfand das als Beleidigung, er wollte so nicht enden, auf dem Bau, als Analphabet. Er schloss sich im Wohnwagen ein, schrieb Wörter aus dem Buch "Wer die Nachtigall stört" und schlug deren Aussprache nach. Nach drei Monaten hatte er sich selbst geheilt. "Wenn man wirklich etwas lernen will, kann man es schaffen", sagt Spreckley, dieser Grundsatz habe ihm damals geholfen, auch der sei ein Erbe aus Summerhill.

Glaubt er, Utopien der Linken ausgebadet zu haben? "Ein wenig schon", sagt er. "Man hätte mehr für mich tun können." Seine Kinder hat er auf normale Schulen geschickt. Manchmal tut ihm das leid.

Eigene Gesetze zu beschließen, das ist harte Arbeit

Zu Spreckleys Zeiten war Summerhill eine unbekannte Provinzschule. Alexander S. Neill hatte sie 1921 in Deutschland gegründet, als "Neue Schule" bei Dresden, bald darauf zog sie um nach England. Neill, Sohn eines schottischen Rektors, war mit 15 Hilfslehrer und musste schlagen und strafen. Sein Traum: eine sorgenfreie Kindheit, die er nie gehabt hatte. Seine Überzeugung: Jedes Kind ist von Natur aus gut und begierig darauf zu lernen. Freiheit ist kein Versprechen, sie beginnt hier und jetzt. Zu einer Zeit, in der Schulen noch Pauk- und Prügelanstalten waren, war Summerhill, die erste freie Schule der Welt, wahrlich revolutionär.

Den Ruf einer Revoluzzer-Schule aber verpasste ihr erst die Generation der 68er. In Deutschland war Neills "Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung" ein Bestseller, doch als man die Studentenrevolte für gescheitert erklärte, vergaß man auch Summerhill. Was gezählt hatte, war die Idee, die Welt durch Erziehung zu verändern. Wie Summerhill funktioniert, hatte kaum einer überprüft.

Der deutsche Buchtitel hängt bis heute wie ein Fluch über der Schule. Dabei hatte Neill den Begriff antiautoritär nie benutzt, sein Motto war "Freiheit, nicht Zügellosigkeit". Seine Schule war kein experimenteller Kinderladen, seine Schüler kamen klar mit der Freiheit. Bis heute, betont man in Summerhill, sei kein einziges Kind schwanger geworden, drogenabhängig oder rechtsextrem. "Lasst mich bloß in Ruhe mit den deutschen 68ern", soll Neill oft gewettert haben.

Neill war ein kauziger Typ im Cordanzug, sagt Freer Spreckley, ein schottisches Raubein, in seinem Mund steckte stets eine Pfeife. Die Kinder riefen "Neill, Neill, orange peel", er nannte sie "bloody folks", verdammte Racker. Er erzählte wundervolle Geschichten wie "Die grüne Wolke", war charismatisch, ein Theoretiker war er nie. Eltern aus aller Welt schrieben ihm Briefe und baten um Hilfe. "In der Erziehung", so sein Befund, "sind alle meschugge." Spreckley gab er "private lessons", so etwas wie Therapiestunden, ein bisschen Freud, ein bisschen Wilhelm Reich. "Meist sprachen wir über meine tote Mutter", sagt Spreckley, schluckt ergriffen und schaut auf sein getöpfertes Schälchen.

Neill starb 1973 mit fast 90 Jahren. Seine einzige Tochter wuchs hier auf, sie war mal das berühmteste Kind der berühmten Kinder von Summerhill. Zoë Readhead machte kein einziges Examen, nur eine Prüfung zur Reitlehrerin. Das war sie viele Jahre lang, bevor sie Schuldirektorin wurde, unterrichtet hat sie nie.

Auch Zoë Readhead kann gut mit Kindern, sie nennen sie "Mummy", manchmal backt sie Apfelkuchen, meist lässt sie die Schüler in Ruhe und kümmert sich um Personal und Finanzen. Sie sagt: "Kinder lernen mehr voneinander als von Erwachsenen." Die Ideen ihres Vaters sind ehernes Gesetz, es hat sich nicht viel geändert.

Mit Erwachsenen allerdings kann Zoë Readhead sehr energisch sein. Summerhill-Leute nennen Fremde "die aus der Außenwelt" und behandeln sie wie Eindringlinge. Journalisten finden sie aufdringlich. Die Lehrer sagen, sie seien gebrannte Kinder, seit ein britischer TV-Sender 1993 einen Film zeigte, in dem Summerhill-Kinder ein Kaninchen schlachten und Lehrer wirres Zeug erzählen. "Die schlimmste Zeit meines Lebens", sagt auch Zoë Readhead und blickt auf ein Foto ihres Vaters, als suche sie Trost.

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Stimmt doch gar nicht, das hat erstaunlich gut funktioniert. Ist halt die Frage, ob eine Schule wie Summerhill ohne eine Persönlichkeit wie Neill eine war, funktionieren kann. Neill hatte den Mut und das Vertrauen, Kinder [...] mehr...

02.09.2008 von janewayn: Internate

In Summerhill wäre ich gerne gewesen. Pauschal über Internate zu urteilen halte ich für unklug. Es kommt immer drauf an, was das für ein Internat ist. Es kann gute Gründe geben, warum ein Kind besser in einem Internat aufgehoben [...] mehr...

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