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Ausgabe 19/2007
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07.05.2007
 

Erziehung

Die Weltverbesserungsanstalt

Von Fiona Ehlers

3. Teil

Im Laufe der Jahre hat Zoë Readhead gelernt, ihre Schule gegen die Außenwelt und deren Anfeindungen abzuschotten. Die Welt von Neills Ideen überzeugen zu wollen, hat sie aufgegeben. Manchmal reist sie noch zu Reformschulkongressen nach Japan oder Deutschland, aber auch dort gilt - so radikal wie das Original sind nur wenige. Meist sind die Eltern das Problem. Auch einige Summerhill-Eltern, sagen die Lehrer, misstrauen der Idylle: Sie laden ihre Problemkinder hier ab, doch sobald aus ihnen soziale Menschen geworden sind, melden sie sie wieder ab und schicken sie auf Internate mit gymnasialer Ausbildung. Summerhill als Besserungsanstalt, ist das der Trend? "Ich hoffe nicht", sagt Zoë Readhead und lächelt müde.

14 Uhr, Vollversammlung im Gutshaus. 50 Kinder sitzen in der Halle, auf Treppenstufen und Fensterbrettern, aneinandergekuschelt, konzentriert. Sie stimmen ab, ob die Besucher teilnehmen dürfen. Sie dürfen. Tertius, der blonde Knirps, ist Vorsitzender und ruft die Fälle auf: Wer wann übers Wochenende weg darf, wer wie viel Milch bekommt. Dann wird verhandelt, ob ein Junge sein Holzgewehr mit sich herumtragen darf, obwohl das ein paar Kindern Angst macht. Sie melden sich, argumentieren geübt, lachen viel. Die Kinder beschließen eigene Gesetze, es ist der Höhepunkt jeder Woche, ein hartes Stück Arbeit. Sie lernen, Demokratie zu produzieren, nicht nur zu konsumieren. Sie haben eine Stimme, Rechte, aber auch Pflichten. Wer stiehlt, lärmt oder nervt, bekommt keinen Pudding oder wäscht ab.

Winfried Felser, der Deutsche, wirkt enttäuscht. "Pünktlich sind sie ja und lassen einander ausreden", sagt er. "Aber das dauert ja ewig, wenn alle mit allen über alles diskutieren." Seine Tochter hat sich davongeschlichen. Sie tobt vorm Haus und malt sich aus, wie es wäre, hier zu leben. "Ich könnte ja die Lehrer fragen", flüstert sie, "ob sie mir Extra-Hausaufgaben geben." Noch lebt sie in einer anderen Welt.

Angela Neustatter, 62, ist die Enkelin von Neills erster Frau Lillian, vier Jahre war sie Schülerin in Summerhill und musste sich ihr Leben lang dafür rechtfertigen. Journalisten fand sie damals doof, weil die ihr Geld zusteckten, damit sie vor Kameras rauchte oder nackt im Pool badete. Heute ist sie selbst Journalistin, arbeitet für den "Guardian" und schreibt Bücher über Menschen, die aus dem System rutschen: jugendliche Straftäter, schwangere Teenager. Neben ihr auf dem Sofa im Londoner Szenestadtteil Islington liegen Zeitungen: Mobbing an Schulen, tödliche Bandenkriege, Parallelwelten in Koranschulen - die Schlagzeilen eines gewöhnlichen Tages. Wäre die Welt besser, gäbe es mehr Schulen wie Summerhill? Summerhill funktioniere nur für die, die es sich leisten können, daran zu glauben, sagt sie. Kinder haben Macht - so etwas passe nicht in die heutige Gesellschaft, das sei nicht erwünscht.

Angela Neustatter glaubt an die Idee, aber sie kritisiert die Praxis. "Neill war davon überzeugt, dass Kinder leidenschaftlich gern lernen. Aber er hat nie darüber nachgedacht, wie man sie mit Leidenschaft unterrichtet." Nach Summerhill wechselte sie auf ein Schweizer Internat, das war "wie ein Fünf-Gänge-Menü nach all der makrobiotischen Kost". Dieses erhebende Gefühl, endlich Shakespeare zu lesen, angeleitet von Lehrern, die begeistern. In Summerhill warf mal einer ein Buch nach ihr, weil sie den Unterricht störte, das hat sie beeindruckt. Die meisten Lehrer aber seien Luschen gewesen oder hätten ihre Kindheit nachgeholt auf Kosten der Kinder.

Neustatter sagt, sie wolle nicht unfair wirken oder bitter, denn eines habe sie aus Summerhill mitgenommen, davon zehre sie noch heute: "Diesen fundamentalen Optimismus und den Glauben, dass die Welt es wert ist, in ihr zu leben." Aus Summerhillianern seien verantwortungsvolle Bürger geworden, Tony Blair könne stolz auf sie sein. Doch gerade der war einer der ärgsten Feinde.

Blair war gerade zwei Jahre im Amt, der Neoliberalismus in aller Munde, es war das Jahr 1999, die Links-Regierung wollte die Privatschule, die keinen Penny vom Staat bekommt, schließen. Wie schon zu Neills Zeiten kamen Schulinspektoren Ihrer Majestät. Diesmal beanstandeten sie keine undichten Toiletten, diesmal ging es um das Prinzip Summerhill, um die Frage: Schule ohne Unterrichtspflicht, passt das noch in die Welt? Sie wollten Summerhill schließen, ihr Befund: Die Schüler würden "Faulheit als Übung in persönlicher Freiheit missverstehen", ihre Bildung sei bruchstückhaft.

Die Schule zog vor den High Court in London, und der Erziehungsminister lenkte ein. Er bot an, den freiwilligen Unterricht zu tolerieren, sofern Summerhill die Schüler künftig zur Teilnahme "ermutigen" würde. Im Gerichtssaal hielten die Kinder ihr Meeting ab und stimmten dafür, den Deal anzunehmen.

Heute sitzt Anwalt Geoffrey Robertson, 60, der damals Summerhill vertrat, in seinem Londoner Büro und sagt: "Wir brauchen Summerhill mehr denn je." Für viele Kinder sei das Internat keine Lösung, sie brauchten früh feste Strukturen. Aber für Kinder, die Panik haben vor Prüfungen oder auf dem Schulhof verdroschen werden, sei es die Rettung. Er schüttelt den Kopf über die Deutschen und ihren neu erschallten Ruf nach Disziplin, der sei gefährlich, sagt er, Deutsche neigten zu Extremen, "das liegt wohl am Charakter, ich dachte, das hätten sie überwunden!"

Am Ende des Tages stehen Sterne über Summerhill, Licht dringt aus den Klassenräumen, und ein paar Kinder sitzen im Unterricht. Geschichte bei Nina, Wiener Kongress als Rollenspiel. "Stellt euch vor, ihr wärt Preußen oder Österreich und müsstet verhandeln", sagt sie und verteilt die Rollen. Maximus, MP3-Player im Ohr und schwer pubertierend, stolpert herein. "Wer soll ich sein? Fürst Metternich? Bin ich aber nicht!" Ob er wenigstens einen Krieg anzetteln dürfe, fragt er, ruft "peng, peng!" und erschießt sich. "Setz dich, mach mit, oder du fliegst!", sagt Nina. Er bleibt.

Die Fremden aber müssen gehen. Lehrerin Nina weist den Weg zum Ausgang. So sind die Regeln. Sie wollen unter sich sein. In ihrer Welt, auf einer Insel.

Winfried Felser, der Deutsche, sitzt derweil im Flugzeug nach Köln. Seine Tochter trägt ihr neues Summerhill-T-Shirt. Zu Beginn des Sommer-Terms wird sie wiederkommen.

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02.09.2008 von janewayn: Internate

In Summerhill wäre ich gerne gewesen. Pauschal über Internate zu urteilen halte ich für unklug. Es kommt immer drauf an, was das für ein Internat ist. Es kann gute Gründe geben, warum ein Kind besser in einem Internat aufgehoben [...] mehr...

01.09.2008 von monalisa72:

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