Vom Jahrhundert der Katastrophen bleibt das Vokabular der Überspannung. Mancher Deutsche kommt davon nicht los, als sei es ihm zur zweiten Natur geworden, am Abgrund zu stehen. Dem gestrigen Alarmismus frönen ausgerechnet die Modernisten, die Deutschland einen Ruck verpassen möchten. Das deutsche Haus sei "in seinen Grundfesten verrottet und bald nicht mehr lebenswert", schreibt ein angesehener Wirtschaftsjournalist. "Entweder die Wende - oder Deutschland ist am Ende", donnerte ein Wahlkämpfer. Alarmzentrale bleibt die "Bild"-Zeitung: Täglich befällt sie "dieses Gefühl, im Land Kafka aufzuwachen, in dem es nicht mehr stimmt".
Unstimmig ist vor allem der überkommene Politik-, Wirtschafts- und Kulturpessimismus. Die Deutschen sind Papst und Exportweltmeister, aber auch Champions im Volkssport, das eigene Land schlechtzumachen. Der deutsche Michel als Miesepeter: Er sieht schwarz für die Zukunft und rot bei jedem Missstand, auch wenn's der vereinten Nation gold geht. Ein Land stemmt die Riesenlast der deutschen Einheit und beklagt seine Kraftlosigkeit. Ein Gewinner der Globalisierung stempelt sich zum Verlierer. Eine der besten Demokratien in Europa tut, als sei sie verkommen.
Wie eh und je rotieren die Maschinen der Selbsthassindustrie. Doch der Katastrophismus, den die Geschichte nährte, geht mittlerweile an der Wirklichkeit wie an der Mehrzahl der Bürger vorbei. Das einst verhasste, später ungeliebte Volk wirkt heute gelöst, weil es gemocht wird.
Als die deutsche Elf 1954 die Fußballweltmeisterschaft gewann, war das "Wunder von Bern" Sinnbild der Rückkehr in die Weltgemeinde, die Respekt zollte. An der WM 2006 erwies sich jedoch, dass längst auch Zuneigung im Spiel ist. Gäste aus aller Welt freuten sich am lockeren Gastgeber. Das Wunder von Berlin: Wer geschätzt wird, entspannt sich.
Ist es ein Kompliment zu sagen, dass Deutschland davon profitiert, weniger deutsch zu sein? Der sprachkundige, mobile Teil des Nachwuchses studiert gern im Ausland und erschließt mit Rucksack oder Businesstrolley fremde Welten. In Musik, Literatur und Film vermengt sich Hiesiges und Fremdes. Die hybride Kultur zählt zu den saftigen Früchten der Globalisierung, sie hat den Schwung des Regisseurs Fatih Akin ("Gegen die Wand") oder des Autoren Feridun Zaimoglu ("Zwölf Gramm Glück"). Parallelgesellschaft hin, Rütli-Schule her - die Zuwanderer haben ihre Wahlheimat mehr entkrampft als verkrampft. Befreiend ist das neue Verständnis von Staatsbürgerschaft, der überfällige Abschied vom germanischen Blutrecht der Abstammung: eine stille Revolution an der Jahrtausendwende. Überall wirkt ein zwangloser Patriotismus, der allzu Deutsches entdeutscht.
Aus der europaweit grassierenden Fremdenfeindlichkeit erwächst in der Bundesrepublik - anders als in meiner Schweizer Heimat - keine Volkspartei mit einem Wähleranteil von 27 Prozent. In sieben von neun Nachbarstaaten Deutschlands haben Rechtspopulisten die Politik verrohen lassen. Glücklich das Land, dem es erspart bleibt, in jahrelanger Mühe Jean-Marie Le Pen und Jörg Haider abzuhalftern, Christoph Blocher und Pia Kjærsgaard im Zaum zu halten. Und was in Deutschland die Neonazis treiben, ist eine widerliche Marginalie, mehr nicht.
In seiner "Geschichte eines Deutschen" schrieb Sebastian Haffner 1939, seine Landsleute seien "in gesundem Zustand zweifellos ein feines, empfindungsfähiges und sehr menschliches Volk". Nirgends habe die nationalistische Krankheit "einen so bösartigen und zerstörerischen Charakter wie gerade in Deutschland, und zwar, weil gerade 'Deutschlands' innerstes Wesen Weite, Offenheit, Allseitigkeit" sei: Deutscher Nationalismus vernichte die Grundwerte der Nation.
Im Jahr 2007 ist nun aber der Umkehrschluss zulässig, dass die Rückkehr zu einem "gesunden" Nationalbewusstsein den von Haffner geschätzten deutschen Tugenden neues Relief verleiht.
Gerade das Aufarbeiten der Stasi-Vergangenheit hat zum Differenzieren eingeladen. Die Spurensuche in Archiven veranschaulicht zur Genüge die Schwierigkeit eines fairen Urteils über "Das Leben der Anderen": Der Oscar-gekrönte Spielfilm verkörpert das Wissen um die Ambivalenz, den Willen zum Hinschauen. Aus solchem Feingefühl spricht Souveränität und eine unaufdringliche Moral.
Allerdings wäre ein moralinfreies Deutschland wie alkoholfreies Bier: vernünftiger vielleicht, aber unecht. Verwegen die Hoffnung, im öffentlichen Diskurs käme erst das Denken, dann die Moral, wogegen Bertolt Brecht nichts einzuwenden hätte. So gehört es zum guten Ton, die Linkspartei.PDS zu verketzern - obwohl sie die deutsche Politik ungemein entschärft. Ohne die PDS als solides Auffangbecken für Verlierer der Vereinigung und der Reformen hätten fremdenfeindliche Rechtsextremisten viel mehr Zulauf. Die missliebige Partei, die aus der DDR hervorging, ist ein Glücksfall für die deutsche Demokratie: ein Faktor der Stabilität.
Die PDS mag ihre integrative und mäßigende Rolle sogar zu gut erfüllen, denn Deutschlands zentrale Frage - der seit 1989 verpfuschte Aufbau Ost - bleibt seit einem Jahrzehnt ein Nebenthema der Politik. Wird die Republik nonchalant, oder ist sie im Gegenteil so weise, mit einem unmöglichen Problem zu leben, statt es zu lösen?
Helmut Kohl hat das Aussitzen vorgemacht, und seine gleichmütigen Landsleute sind realpolitischer, als sie vorgeben. Sie ziehen in den ruhigeren Norden von Afghanistan, weil das unumgänglich und eventuell nützlich ist, meiden aber den zum Scheitern verurteilten Feldzug in den Irak. Die Kanzlerin hofiert den unvermeidlichen George W. Bush und paktiert mit dem Gas- und Erdöllieferanten Wladimir Putin - ein Doppelspiel, das weder die Briten noch die Franzosen beherrschen. Und das Land, das sich als edler Vorreiter im Umweltschutz sieht, lehnt ein Tempolimit auf Autobahnen ab, denn "das Klima wird dann eben bei 130 versaut": Der Spott des Umweltministers Sigmar Gabriel verrät, wie Deutschland seinen Opportunismus auskostet. Moralisten werden darin Heuchelei sehen, Psychologen aber fröhliche Selbstdistanz, bislang keine deutsche Eigenschaft. Kann es sein, dass sich die Deutschen des 21. Jahrhunderts weniger ernst nehmen?
Das Lob der Deutschen verbindet sich mit der Hoffnung, dass es sie noch eine Weile gibt. Frankreich zählt 63 Millionen und Deutschland 82 Millionen Einwohner. Doch vergangenes Jahr kamen in Deutschland bloß 670.000 Babys auf die Welt, in Frankreich 830.000. Solange der Staat zu wenige Infrastrukturen bereitstellt, um berufstätige Mütter zu entlasten, versagt er ihnen viele Kinder. Und Kinderhaben ist Lebensfreude - die Freude, Leben weiterzugeben. Eine zeitgemäße Familienpolitik, wie sie heftig debattiert wird, wäre der nächste Schritt auf dem langen deutschen Weg zum Optimismus.
Jetzt schon ist Deutschland so ausgeglichen, dass sich seinen Nachbarn und Partnern keine deutsche Frage mehr stellt. Die deutsche Wiedervereinigung war Voraussetzung und Vorbote der europäischen Wiedervereinigung. Beide haben sowohl die Bundesrepublik als auch den Kontinent entspannt. Anders herum: Ein gleichgewichtiges Deutschland wird nur in einem Europa des Ausgleichs und Augenmaßes gedeihen. Und in der Tat: Angela Merkels Europapolitik deutet auf ihren Sinn für Balance. Deshalb ist die Kanzlerin zurzeit die zweitstärkste Führungsfigur der EU nach dem einflussreichen Luxemburger Jean-Claude Juncker.
Trotzdem - es bleibt das Bewusstsein der Unwägbarkeit deutscher Geschichte. Wer hätte im "Deutschen Herbst" vor 30 Jahren gedacht, die Bundesrepublik des Jahres 2007 würde im Lot sein und im Banne von Knut stehen? Und wer ahnt, wie die Deutschen des Jahres 2037 sein werden?
Die Franzosen bleiben sich allzu treu, ihre Revolutionen bringen mehr Abwechslung als Veränderung. Das unerschütterliche Großbritannien hat sich schon immer modernisiert, indem es fast alles beim Alten beließ. Und Deutschland? Es ist berechenbarer geworden. Und behält etwas Unbestimmtes. Das schafft Spannung: die besondere deutsche Spannung. Heute ist sie sehr zu genießen.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
© DER SPIEGEL 20/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH