AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 26/2007
  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
25.06.2007
 

Debatte

Der Dichter und die Brandstifter

Börne-Preisträger Henryk M. Broder über die erneute Kapitulation im Fall Salman Rushdie

Kann das wahr sein? Ist das die Zukunft der Berichterstattung: der inszenierte Kniefall? Auf CNN wird Lord Ahmed, der erste Muslim, der zum Mitglied des britischen Oberhauses ernannt wurde, zu Salman Rushdie befragt, der demnächst zum "Ritter" geschlagen wird. Rushdies Ernennung zum Sir hatte die "religiösen Gefühle" der islamischen Welt verletzt - wieder einmal.

Autor Rushdie: "Absolute Rede- und Meinungsfreiheit"
Zur Großansicht
AP

Autor Rushdie: "Absolute Rede- und Meinungsfreiheit"

Lord Ahmed also: "Ich trete für die absolute Rede- und Meinungsfreiheit ein, aber diese Freiheit muss mit Verantwortung praktiziert werden."

Der Reporter verzog keine Augenbraue. Er fragte nicht nach, wie absolut das "absolut" gemeint war und was von der Meinungsfreiheit übrig bleibt, wenn ein Buch mit einem Mordaufruf beantwortet wird. Zur Erinnerung: Vor 18 Jahren hatte Salman Rushdie mit seinen "Satanischen Versen" einige Mullahs in Iran so sehr erzürnt, dass sie ein Kopfgeld auf ihn ausgelobt hatten.

Was war es im Einzelnen, das Lord Ahmed so wütend machte? "Er hat ein schlechtes Buch geschrieben, es beleidigt nicht nur den Propheten Mohammed, sondern auch Jesus und Maggie Thatcher, und das ist genauso schlimm."

Der CNN-Reporter lächelt. Und nickt. Und schweigt. Man möchte ihm Börnes Satz zurufen, der schrieb: "Im Dienste der Wahrheit genügt es nicht, Geist zu zeigen, man muss auch Mut zeigen." Wenigstens den Mut, einem britischen Lord zu widersprechen.

Zu gern hätte man erfahren, warum Millionen gläubiger Muslime sich über ein Buch aufregen, das die wenigsten von ihnen gelesen haben. Auch ein zärtlicher Hinweis darauf, das Jesus täglich mit Häme und Spott überzogen wird, ohne dass beleidigte Christen "Tod den Ungläubigen!" schreien, wäre nicht verkehrt gewesen.

Protestierende Muslime am 21. Juni in Karatschi, Pakistan
Zur Großansicht
AFP

Protestierende Muslime am 21. Juni in Karatschi, Pakistan

Man hätte auch anmerken können, dass Literaturrezensionen im westlichen Kulturkreis im Normalfall nicht aus Mordaufrufen bestehen und dass es meist die Kritiker sind, die um ihr Leben bangen müssen, seit Goethe mal geschrieben hat: "Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent."

Rushdie, so viel stand nach dem CNN-Interview mit Lord Ahmed fest, war der Provokateur, und die Muslime, die schon vor 18 Jahren wegen der "Satanischen Verse" Amok liefen und heute wieder seinen Kopf verlangen, sind die ewig unschuldigen Opfer, die nichts dafür können, dass sie gelegentlich ausrasten.

Und die Politik? Sie rutscht der Publizistik hinterher. Auf den Knien.

Während in Teheran und Islamabad die britischen Botschafter zur Entgegennahme von Protestnoten "einbestellt" und auf Massendemos in iranischen und pakistanischen Städten britische Flaggen und Puppen von Königin Elizabeth und Salman Rushdie verbrannt wurden, war das offizielle London von Ausmaß und Heftigkeit der Reaktionen "überrascht".

Die britische Regierung ging umgehend auf Deeskalationskurs, und auch der britische High Commissioner vor Ort, Robert Brinkley, versuchte es mit einer Mischung aus Dementi und Anbiederei. Es sei "einfach nicht wahr", erklärte der Vertreter der Krone in Islamabad, dass es sich um "eine Beleidigung des Islam und des Propheten Mohammed" handle. "Der Islam ist heute die zweitgrößte Religion in Großbritannien, für die wir einen großen Respekt empfinden."

Ist es nicht interessant, wie die Welle der Solidarität mit Rushdie inzwischen von einer Welle der Kapitulation überrollt wird? Es zeigt sich, wie recht der große Vorsitzende Mao mit dem Satz hatte: "Bestrafe einen, erziehe hundert." Sogar die "taz" fragt, "ob es denn tatsächlich nötig war, Rushdie den Adelstitel anzubieten (und ob es klug von ihm war, ihn anzunehmen)". Und was müsste künftig alles unterbleiben, um solche Reaktionen zu vermeiden? Der Genuss von Alkohol und der Verzehr von Schweinefleisch? Frauenfußball im Beisein von Männern und Schönheitswettbewerbe mit Bikini-Mädchen? Gemischter Sport- und Schwimmunterricht?

Der "Dialog auf gleicher Augenhöhe", um den sich derzeit alle bemühen, findet unter verkehrten Vorzeichen statt. Das Muster findet man schon bei Max Frisch: Die Brandstifter zündeln, und Biedermann will es nicht wahrhaben.

"Dieser Mann", sagte Lord Ahmed auf CNN über Salman Rushdie, "hat nicht nur überall auf der Welt Gewalt verursacht, seinetwegen sind auch viele Menschen getötet worden. Vergeben und vergessen ist eine Sache, aber einen Mann zu ehren, an dessen Händen Blut klebt, das geht zu weit."

Unter den wenigen, die es wagten, Ursache und Wirkung wieder in das richtige Verhältnis zu bringen, war auch die kanadische Autorin Irshad Manji, eine liberale Muslima. Sie sei auch beleidigt, schrieb sie, "weil es eine Fatwa gibt, die Frauen dazu verurteilt, zu Hause zu bleiben und sich jederzeit zu bedecken", und weil "so viele andere Muslime nicht beleidigt sind", wenn bei Bombenanschlägen Muslime in Stücke gerissen werden. Es sei, "höchste Zeit, die Scheinheiligkeit im Namen des Islam zu verbannen". Denn: "Salman Rushdie ist nicht das Problem. Die Muslime selbst sind es."

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 188 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
09.07.2007 von Aisha: Und doch hat Broder alle Finger in die Wunden gelegt

Genau, es waren normal fanatische Islamisten, die den von ihnen Entführten ermordeten. Nicht anders wie viele Morde an Serben und Kroaten im muslimischen Bosnien, der Al-Qaida-Brückenkopf in Süd-Europa. mehr...

06.07.2007 von semir: ...

Martin Luther King wollte unbedingt seine Meinung sagen und wurde nicht von einem Moslem erschossen.In Pakistan hat ein Reporter über den Beschuss - durch US Trupen - eines Dorfes berichtet. Er wurde entführt und später [...] mehr...

02.07.2007 von fusbalsau: Re

Das kommt sicher auch vor. Wenn Sie meine Beiträge gelesen haben, dann wissen Sie aber, dass ich den Anti-Appeasement-Standpunkt teile und daher kaum Argumente für diesen fürchte. Und gerade wenn ich einen Standpunkt im Prinzip [...] mehr...

02.07.2007 von Joerg grimm: Kann schon sein, doch...

Sie werden aber zugeben muessen dass man sich immer dan besonders wegen der Form auf den Schlips getreten fuehlt, wenn man die schlechteren Argumente hat und somit die Wahrheit eben schmerzt. mehr...

30.06.2007 von Hallenbad-Pirat: Im richtigen Verhältnis sehen

Ein aggressiver Islam hatte schon Zulauf, bevor man sich öffentlich mit ihm auseinander gesetzt hat und bevor vernünftige Fragen öffentlich gestellt wurden. Die Knallfroschbastler sind Extremfälle, es gibt weniger krasse [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Gesellschaft

© DER SPIEGEL 26/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP