Von Hilmar Schmundt
Er befindet sich nun in den Räumen der Vogelsammlung, und alles hier wirkt, als sei es unverändert seit der Eröffnung des Gebäudes durch den Kaiser im Jahre 1889. Holzschränke verstauben im Dämmerlicht, darin drängeln sich ausgestopfte Vögel, über 130.000 Bälge, rund 90 Prozent aller Arten weltweit sind vertreten. Es riecht nach Staub und DDR-Bohnerwachs.
Nur einen verschwindenden Bruchteil der Berliner Schatzkammer des Lebens bekommt der Besucher zu Gesicht. Der Reichtum der Sammlungen erschließt sich nur dem, der durch das Labyrinth der Treppen und Keller jenseits der Ausstellungssäle irrt. Mehr als 30 Millionen Objekte sind hier archiviert - als Skelett, ausgestopft, in Alkohol eingelegt oder als Mineral.
"Die Berliner Sammlung gehört zu den fünf wichtigsten der Welt, gemeinsam mit London, Paris, New York und Washington", sagt Matthias Glaubrecht, der die Molluskenabteilung betreut. Hier werden Schnecken, Muscheln und Tintenfische gehortet.
"Unser Museum ist so etwas wie eine riesige Forschungsmaschine mit über 30 Millionen Teilen", sagt Glaubrecht stolz. Er ist nämlich nicht nur Weichtierspezialist, sondern auch für die Abteilung Forschung zuständig, mit seinen 6 Professoren, rund 60 Wissenschaftlern sowie 40 Doktoranden und Diplomanden. Im sogenannten Neubau aus dem Jahr 1917 befindet sich ein Genlabor, und im zweiten Stock des Hauptgebäudes, auf Augenhöhe des Brachiosaurus, steht ein moderner Gerätepark inklusive Elektronenmikroskop.
Dennoch sind die Bedingungen, unter denen hier geforscht wird, oft abenteuerlich. Wer zum Forschungsleiter will, muss durch ein Gewirr von Treppen und Gängen laufen, vorbei an Schildkrötenskeletten und eingelegten Schlangen. Schließlich gelangt er in ein Büro, in dem sich unter den morschen Fenstern Pfützen bilden. Seinen Computer hat Glaubrecht auf kleine Holzklötzchen aufgebockt, zum Schutz vor Wasserschäden.
Auch die Präparate leiden, denn eine Klimaanlage gibt es nicht. An heißen Tagen durchzieht Alkoholgeruch die Gänge - Ausdünstungen aus einer viertel Million Gläsern mit konservierten Tieren, darunter allein 130.000 Fische.
Aber die Urwüchsigkeit der Sammlungen bietet auch viel Raum für neue Entdeckungen. Glaubrecht zieht eine Schublade auf. Unsortiert purzeln Dutzende Schneckenhäuser von einer über 100 Jahre zurückliegenden Afrika-Expedition heraus. "Allein in dieser Schublade steckt Material für eine Doktorarbeit", erklärt er. 6000 solcher Schubladen voller Mollusken umfasst sein Reich.
"Unsere Sammlungen sind kein Selbstzweck", sagt Glaubrecht. Man könne etwa durch die Zusammensetzung von Fossilien den Klimawandel in der Urzeit nachzeichnen. "Oder wir könnten bei der Entwicklung neuer Schmerzmittel helfen, indem wir die Vielfalt der Nervengifte von Kegelschnecken untersuchen."
Er liebt es, durch die Sammlungen zu streifen, um auf Zeitreisen zu gehen. Entlang den kilometerlangen, engen Schrankreihen durchwandert er auch die deutsche Wissenschaftsgeschichte.
"Adelbert von Chamisso" steht zum Beispiel handschriftlich auf einem vergilbten Zettel in einer Vitrine neben einer Gruppe von Alken, deren schwarzweißes Federkleid an Pinguine erinnert. Der preußische Dichter und Naturkundler brachte die Vögel im Jahr 1818 von seiner Weltumseglung mit.
Andere Sammlungsteile stammen vom Forschungsreisenden Alexander von Humboldt. Später kamen die Saurierfunde aus der Kolonie Deutsch-Ostafrika hinzu: 250 Tonnen fossiler Knochen, die heute das Herzstück der Dino-Ausstellung im Erdgeschoss bilden.
Mit dem Zweiten Weltkrieg kam dann der Niedergang. Der Ostflügel wurde am 3. Februar 1945 von amerikanischen Bomben getroffen. Erst jetzt wird die sprichwörtlich "letzte Kriegsruine" saniert; ab 2009 soll sie die "Nass-Sammlungen" beherbergen - dann endlich mit Klimaanlage.
Eigentlich müsste die Humboldt-Universität, zu der das Museum gehört, für die Renovierungen aufkommen. Doch die Uni ist klamm. Daher wird die Eva-Ausstellung aus Lottomitteln finanziert und aus einem EU-Topf für strukturschwache Regionen.
In einigen Jahren, hofft Glaubrecht, könnte das Museum endlich als eigenständige Forschungsinstitution in die Leibniz-Gemeinschaft aufgenommen werden, die gemeinsam von Bund und Ländern getragen wird. Doch seit über zehn Jahren scheitert die Übernahme an einem Problem, das eigentlich durch sie gelöst werden soll: an den baulichen Altlasten des Museums. Auch nach dem Wiederaufbau des Ostflügels fehlten noch hundert Millionen Euro für weitere Umbauten, sagt Leinfelder.
Mehr als um Alkoholdunst und undichte Fenster sorgt sich Glaubrecht jedoch um die öffentliche Wahrnehmung, die Systematiker wie ihn als Borsten- und Beinchenzähler abtut.
"Viele Leute denken, dass die Zeit der Systematik mit Charles Darwin oder Ernst Mayr zu Ende gegangen sei, aber wir stehen erst ganz am Anfang", sagt Glaubrecht. "Wir wissen nicht einmal, wie viele Arten es gibt, vielleicht sind es 13, vielleicht aber auch 30 Millionen."
Die Universitäten jedoch setzten nur noch auf die Molekularbiologie. "Deutschland hat keinen einzigen Lehrstuhl für reine Systematik", klagt Glaubrecht. Auch dazu soll die Ausstellung "Evolution in Aktion" dienen: neue Artenforscher zu rekrutieren.
So gesehen scheint es nicht ohne Hintersinn, dass in der Ausstellung neben Dino-Knochen und ausgestopften Paradiesvögeln auch Büsten dreier großer Naturforscher stehen: Carl von Linné, Darwin und Mayr.
"Ausgerechnet die Fachleute für die Erforschung von Tier- und Pflanzenarten", sagt Glaubrecht, "sind heute selbst akut vom Aussterben bedroht."
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© DER SPIEGEL 28/2007
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