Von Andrea Brandt und Barbara Supp
Es ist ein medizinisch, aber auch sozial und psychologisch aufregendes Sujet: Wer oder was definiert nun tatsächlich die Geschlechtszugehörigkeit? Die Chromosomen? Die Optik? Die Hormone? Und welche Rolle spielt die Umwelt dabei?
Gibt es zwei Geschlechter oder drei? Oder zwei und vieles dazwischen?
"Und Gott schuf den Menschen als Mann und Frau", heißt es in der Kirche, und Elisabeth Müller, Kirchenmusikerin, sagt, sie müsse sich oft zügeln, um nicht dazwischenzugehen: "Schuf er nicht. Er schuf auch uns."
Sie heißt Elisabeth mit Vornamen, mag aber die Anrede "Frau Müller" nicht. Sie sagt: "Weiblicher Mensch." Sie lacht tief und glucksend. Sie sagt "weiblicher Zwitter". Oder "Hermaphrodit".
Ein trüber Hamburger Herbstabend, im Kino lief "Die Katze wäre eher ein Vogel", ein Film über das Leben Intersexueller, man sitzt mit einer Gruppe Frauen beim Italiener und debattiert über den Film.
Zumindest äußerlich sind sie Frauen. "XY-Frauen", sagen sie selbst.
So nennen sie sich im Internet und im Leben, eine intersexuelle Selbsthilfegruppe mit diversen Diagnosen, gutgelaunt in einem sarkastischen Realismus und darunter schlafend eine Wut, die schnell wachzurufen ist, bei fast allen gleich.
Nach ihrer "Behandlungszufriedenheit" befragt, lachen sie grimmig.
Ihre Wut gilt ja Medizinern, denen vor allem. Gilt einer Medizin, von der man beforscht und behandelt und womöglich operiert wurde, einer Medizin, die aus Horden von Menschen in weißen Kitteln bestand, man musste die Beine breitmachen, damit alle alles sahen, man wurde begafft, manche kicherten, manche stellten sich auf die Zehenspitzen, um etwas zu sehen.
Es wurde Kindern, die nicht weiblich genug für ein Mädchen aussahen, die Klitoris abgeschnitten, bis vor wenigen Jahren noch wurde sie vorn gekappt, und das heißt: Eine sexuelle Empfindung gibt es dort nicht mehr.
Es wurden künstliche Vaginen gebaut, bei Kleinkindern, und weil sie zusammenzuwachsen drohten, musste die Scheide regelmäßig "bougiert" werden, also: mit einem Dildo, oder dem Finger der Eltern, penetriert.
Fotografiert wurde viel. Nicht wenige fanden sich in medizinischen Lehrbüchern wieder, nackt, als Anschauungsexemplar.
Elisabeth Müller ist jetzt 44, und dass man anfing, sie zu Ärzten zu schleppen, das ist etwa 40 Jahre her. Warum, wusste sie nicht, nur, dass es Mädchen gibt, die keine Kinder kriegen können, sagten ihr die Eltern, und dass sie, aber das ahnte sie wohl mehr, eines davon sein könnte. Ein gutbürgerlicher Haushalt in Norddeutschland, liebevoll; einmal, erinnert sie sich, sagte man ihr: Frag ruhig, du kannst alles fragen, aber sie wusste nicht, was sie fragen sollte, und fragte nicht. Sie war sich ziemlich sicher, ein Monster zu sein. Und darüber sprach sie lieber nicht.
Auch Christiane Völling, die Klägerin von Köln, musste mit sich selbst ausmachen, dass sie so anders war. Sie wuchs auf als Thomas, als zweitjüngstes von sieben Kindern, still, in sich gekehrt, kein bisschen draufgängerisch wie die Brüder. Sie liebte Märchen. Half der Mutter beim Kochen. Beim Fußball, sagt sie, habe sie nur widerwillig mitgemacht: "Im Tor ließ ich immer die harten Bälle durch, weil ich mir nicht weh tun wollte."
Sie wuchs sehr früh und schnell und dann gar nicht mehr, mit 13, 14 Jahren, als die anderen in die Länge schossen - der Stillstand. Sie sei halt ein "Spätzünder", beruhigten die Eltern.
Hätten die Hebamme, die Eltern, der Hausarzt genauer nachgeforscht, dann wäre frühzeitig entdeckt worden, dass das Kind an dem sogenannten Adrenogenitalen Syndrom (AGS) mit Salzverlust litt, einer der klassischen Formen von Intersexualität. Kinder mit AGS wachsen zunächst rasant, kommen früher in die Pubertät, bleiben später aber kleiner als Altersgenossen. Wird die Krankheit nicht behandelt, kann sie zu Erbrechen, Durchfall, Schwächeanfällen führen - und zu lebensbedrohlichem Salzverlust.
Weil keiner half, entwickelte das Kind offenbar unbewusst Überlebensstrategien. Sie habe Salz gegessen, löffelweise - so wie andere Kinder Süßes. Nachts, wenn die Schmerzen kamen, wenn sie sich übergeben musste und vor Angst nicht schlafen konnte, habe sie sich immer gesagt: "Ich bin ein Mädchen, ich darf nicht vergessen, dass ich ein Mädchen bin." Woher sie das wusste? Gespürt habe sie das, das war "wie ein kleiner, unterirdischer Fluss".
Dass "mit dem Thomas etwas nicht stimme", sei ihm durchaus aufgefallen, sagt heute der fünf Jahre ältere Bruder, ein Finanzbeamter. Geredet, sagt der Bruder, habe er über seinen ungeheuren Verdacht mit niemandem - nicht mit den Geschwistern, nicht mit den Eltern. In der Familie sei ohnehin "nicht viel miteinander gesprochen" worden.
Beim Sonntagsspaziergang hätten Passanten öfter gesagt, was für ein "hübsches Mädchen" die Kleine sei, erinnert sich Christiane. Die Eltern hätten jedes Mal entrüstet reagiert: Nein, das sei doch ein Junge. Bloß kein Tratsch, keine Tuschelei.
Bloß keine Aufregung. Bloß keine Konflikte. Nichts in Frage stellen. So sei die Stimmung in der Familie gewesen, sagt Völlings jüngere Schwester, eine Grundschullehrerin. Die Mutter früh herzkrank, überfordert mit den vielen Kindern. Der Vater, Ingenieur, schon im Ruhestand, als die Jüngsten gerade aufs Gymnasium kamen, in sich selbst verkapselt, möglicherweise depressiv.
Der Hausarzt wusste, was mit Christiane los war, seit jener Blinddarmoperation mit 17, aber darüber sprechen wollte er nicht. Und als sie ihn zur Rede stellte, sagte er: "So Menschen wie dich hat man früher auf dem Jahrmarkt ausgestellt."
Man hat diese Menschen als Kuriosität, als Sensation behandelt, als Monstrosität. Weil sie Ängste wecken und Zweifel, weil sie die Ordnung einer Gesellschaft in Frage stellen. Die Anderen, die Randgestalten, so sah man sie, wenn man sie sah.
Ein unglückliches Wesen, jener Hermaphroditos in den "Metamorphosen" des Ovid. Ein schöner, argloser Knabe, dem eine lüsterne Nymphe so sehr verfiel, dass sie die Götter um Verschmelzung bat. In Papua-Neuguinea, in der Dominikanischen Republik gibt es in der Wirklichkeit Menschen, die offen zwischen den Geschlechtern leben, sie sind Teil der Gesellschaft, aber arriviert sind sie nicht. Die indischen Hijras leben meist von Prostitution.
"Brauchen wir wirklich ein wahres Geschlecht?", fragt Michel Foucault, der Philosoph, und vermerkt eine "Beharrlichkeit, die an Starrsinn grenzt", mit der die Gesellschaften des Abendlands diese Frage bejaht haben. Körperpolitik - das ist für ihn jene Zuschreibung, die den Körper der Macht unterwirft, für Foucault ist der Körper der ultimative Ort für ideologische Kontrolle, Überwachung, Disziplin.
Noch im preußischen Landrecht von 1794 wurde anerkannt, dass es "Zwitter" gebe, und der Umgang mit ihnen war relativ liberal. Erst sollten "die Aeltern", später der Zwitter selbst entscheiden, "zu welchem Geschlechte er sich halten wolle". Dieses Privileg geriet in Vergessenheit, als im 19. Jahrhundert zunehmend Ärzte sich dafür verantwortlich erklärten, das "wahre Geschlecht" jedes Kindes zu ermitteln. Heute herrscht der Zwang in Deutschland, eine Woche nach der Geburt ein neues Kind einem Geschlecht zuzuweisen, durch die Eintragung im Standesamt. Auch wenn man es nicht genau weiß.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
© DER SPIEGEL 47/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH