Von Andrea Brandt und Barbara Supp
Eine Art letzter Versuch, ob sich mit Hilfe von Experten ihr Leben zum Guten wenden könnte. Sie hat ihn bereut.
Das Landgericht Köln wird sich nun mit der Frage beschäftigen müssen, ob Völling, damals gerade 18 Jahre alt, hinreichend aufgeklärt worden ist, als ihr am 12. August 1977 laut Operationsbericht der Klinik Köln-Merheim die "normal großen Ovarien" und die Gebärmutter entnommen wurden. Hinreichend aufgeklärt vor allem über die damals mögliche Alternative: ein Leben als Frau, mit einer operativ auf Normalgröße verkleinerten Klitoris. Und mit sehr viel Glück, nach einer Östrogenbehandlung, vielleicht sogar mit der Möglichkeit, Kinder zu bekommen.
Dass die behandelnden Ärzte diese Möglichkeit kannten, sie aber nicht ausführlich mit ihr besprachen: Es spricht einiges dafür. Wie sonst lässt sich zum Beispiel ein Brief aus der Krankenakte erklären, den der zuständige Oberarzt am 5. Juni 1979, eineinhalb Jahre nach der Operation, an das Kreiswehrersatzamt Krefeld schrieb? Darin bittet er "dringend" darum, seinen Patienten auszumustern. Völling sei "genotypisch weiblich", die "normalen weiblichen inneren Organe" seien operativ entfernt worden. Bei Mitteilungen an den Patienten, so der Arzt, solle berücksichtigt werden, dass "Herr V. über das Ausmaß der Erkrankung noch nicht vollständig informiert worden ist". Die erwähnten Diagnosen dürften ihm daher "auf keinen Fall mitgeteilt werden".
Man kann nicht sagen, dass Völling sich in den Jahrzehnten danach offensiv gegen die männliche Rolle gewehrt hätte. Sie ließ mehrere Operationen zur Penisaufrichtung über sich ergehen. "Was hätte ich denn tun sollen", fragt sie, "ich kannte ja keine Alternativen."
Die Wende brachte erst der wissenschaftliche Fragebogen aus Hamburg, den ein Urologe ihr 2006 in die Hand drückte. Die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte führte zum seelischen Zusammenbruch, zur Therapie. Und schließlich dazu, dass Völling in ihren alten Patientenakten forschte und Klage einreichte.
Sie versucht ihren Namen zu ändern, seit mehr als 14 Monaten kämpft sie darum, ihren Eintrag im Personenstandsregister zu korrigieren: weiblich statt männlich, Christiane statt Thomas. Doch im Personenstandsgesetz, Paragraf 21, ist nicht definiert, wie die Geschlechtszugehörigkeit festzustellen ist - über die Chromosomen oder über das Erscheinungsbild. Mittlerweile befasst sich schon der zweite Amtsrichter mit Völlings Fall, ein Ende des Verfahrens ist nicht in Sicht.
Zu Hause, in dem 27-Quadratmeter-Apartment in einem Wohnheim für Krankenhauspersonal, hat sie sich heute mit allerlei Nippes ihre eigene Welt eingerichtet. Feen-Figuren und Elfen mit Glitzerflügeln stehen im Regal, Duftschalen, eine künstliche Wiese mit Margeriten, Kornblumen, Schmetterlingen.
Draußen, da kommt sie zurecht, irgendwie. Sie steht morgens auf, geht ins Krankenhaus, bettet Patienten um, verteilt Medikamente, wäscht Kranke. Acht Stunden, manchmal länger. Gern auch an Sonn- und Feiertagen, weil dann die Zeit am schnellsten vergeht. "Ich funktioniere nur", sagt sie, "leben ist das nicht." Sexualität, Liebe - das habe sie nie kennengelernt. "Verlieben", fragt Völling, "kann man das einschalten wie eine Lampe?" Den Forschern der Universität Hamburg gab sie zu Protokoll, sie empfinde sich als asexuell, ekle sich vor ihrem Genitale: "Es ist ein totes Ding, ein kaputtes Teil, das mir nicht gehört."
Man hat mit ihr "so ziemlich alles falsch gemacht, was man falsch machen konnte", sagt die Forscherin Hertha Richter-Appelt. Aber wer alles irrte, wird 30 Jahre danach nur schwer zu entwirren sein. Und dass Fehler so verbreitet waren, könnte nun paradoxerweise zum Handicap werden bei ihrer Schmerzensgeldklage. Sachverständige müssen klären, ob die Behandlung des Patienten, Aufklärungsfehler inbegriffen, den medizinischen Standards im Jahr 1978 entsprochen habe. Womöglich hat sie das.
Etliche Ärzte, die sie damals behandelten, leben nicht mehr. Der letzte Fassbare, der Chirurg, der das Messer führte, dürfte die Verantwortung für sein Tun anderen zuweisen. Öffentlich äußern will er sich vor Verhandlungsbeginn nicht.
Sie lebt auf diesen Prozess hin, unterstützt von der Sympathie der XY-Frauen, die ihren Prozess als Präzedenzfall beobachten. Sie weiß, sie wird immer irgendwie "dazwischen" bleiben, aber Schritt für Schritt, mit psychologischer Begleitung, versucht Christiane Völling nun trotz allem, sich in ein neues Leben vorzutasten.
Noch hat sie nicht den Mut aufgebracht, Arbeitskollegen zu offenbaren, dass sie mit weiblichem Vornamen angeredet werden möchte. Doch sie hofft, dass die Menschen um sie herum ihre Veränderungen registrieren. Sie hat sich Antworten und Erklärungen zurechtgelegt: "Aber noch hat mich leider niemand gefragt." Rein äußerlich sind es winzige Veränderungen, zu winzig vielleicht, um anderen aufzufallen. Vor einem Jahr hat sie mit einer Östrogenbehandlung begonnen. Seitdem ist ihre Taille schmaler, die Hüften und Oberschenkel sind runder geworden. Sie trägt jetzt eine Damenuhr mit hellbraunem Lederarmband. Hat die eckige Männerbrille mit Metallrahmen gegen ein randloses Modell getauscht. Zieht Jeans mit goldener Stickerei auf den Po-Taschen an.
Für Völling sind es kleine Revolutionen. Ihr passen nun Damenhosen, Größe 38.
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