Lale Sadigh kam bei ihrem ersten Rennen auf Platz drei, und natürlich gratulierte ihr kein Konkurrent. Als sie ihren weiblichen Fans zuwinkte, die kreischend auf die Zäune geklettert waren, befahl die Rennleitung, sie solle sich anständig benehmen. Zur Siegerehrung musste sie einen schwarzen Mantel über den Overall ziehen.
Ein Jahr danach gewann sie die Meisterschaft in der Klasse bis 1600 Kubik, aber die Medien berichteten nicht. Immer noch blendet das Fernsehen die Live-Übertragung aus, wenn sie einen Pokal erhält. Die Zeitungen nennen am nächsten Tag zwar ihren Namen, Fotos zeigen sie nicht.
Beim vorletzten Rennen der Saison 2006 rief der Stadionsprecher Lale Sadigh in die Arena zum Start, die Ordner ließen sie aber nicht durchs Tor. Befehl von oben. Nachher sagte man ihr, der Chef des Verbands habe entschieden, sie dürfe nie wieder fahren.
Er hatte Angst vorm neuen Präsidenten, Mahmud Ahmadinedschad ist ein konservativer Extremist. "Man wollte verhindern, dass ich noch mal die Meisterschaft hole", sagt Lale Sadigh.
Sie sitzt in der Hotellobby, in einem gelben Sessel, lacht zwischen den Sätzen, klimpert mit den getuschten Wimpern. Ihr Espresso ist längst kalt.
Dann erzählt sie, wie sie mit ihrem Vater in Teheran zu einem Ajatollah ging. Sie baten ihn um eine Fatwa, und der Geistliche erklärte in dem Rechtsgutachten, es gebe keine religiösen Gründe, die Frauen verbieten würden, gegen Männer Rennen zu fahren. Einzige Bedingung: Die islamische Kleiderordnung müsse eingehalten werden.
Die Piloten tragen einen feuerfesten Anzug, Handschuhe, Haube, einen Helm; sobald das Rennen beginnt, sind nicht einmal die Augen hinter dem Visier zu sehen. Mehr verhüllt geht nicht. Darum müssen sie Frauen nun starten lassen.
Dennoch ziehen die religiösen Eiferer sie regelmäßig aus dem Verkehr. Manchmal muss sie sich vorkommen wie die Figur in einem Marionettentheater, bei dem man die Fäden nicht sieht.
Im Moment darf sie nicht starten, weil sie beim letzten Rennen betrogen haben soll. "Ich habe aber nichts Verbotenes getan", schwört sie.
Der Motorsportverband versteckt sich im zweiten Stock eines Flachbaus mit dunklen Gängen. Der Vizepräsident hockt gebeugt am Schreibtisch, ein etwas fülliger Mann mit viel Gel im Haar. Hossein Schahriari sagt, Lale Sadigh sei mit einem Auto gefahren, das nicht registriert war.
Woher wissen Sie das?
"Jeder hat seine kleinen Spione."
Er serviert eine wilde Geschichte, sie handelt von einem gebrochenen Siegel am Motor, von Startnummern, die umgeklebt wurden, von Mechanikern, die das Auto umlackiert hätten, von einer versteckten Kamera, die alles aufgezeichnet habe.
Kann man die Bilder sehen?
"Nein."
Warum nicht?
"Muss es für alles einen Grund geben?"
Haben Sie mit Lale Sadigh über den Fall gesprochen?
"Nein."
Warum nicht?
"Mir gefallen die Fragen nicht."
Er erklärt das Interview für beendet, seine Zeit sei leider knapp.
Am nächsten Tag feiert die paramilitärische Bassidsch-Brigade, das Rollkommando der Revolution, in Teheran ihren Gründungstag. Tausende junge Männer und Frauen marschieren auf, mit starrem Blick und Sturmgewehr in der Armbeuge, in Tarnfleckenanzug oder Tschador.
Sohre Watanchah hat morgens auf dem Schwarzmarkt Benzin gekauft, legal darf man im Schnitt nur drei Liter am Tag tanken, zu wenig für ihren Corolla. Danach war sie in der Werkstatt zum Ölwechsel.
Sie ist bisher 35 Rallyes gefahren, 27mal stand sie auf dem Podium. Seit 15 Monaten ist sie Profi. Ein Mischkonzern sponsert sie mit 5000 Euro im Jahr, er hat den Toyota bezahlt, übernimmt die Kosten für Ersatzteile, Reparaturen und die Reisen zu den Rennen. Wenn sie mehr Geld braucht, fragt sie ihren Vater, er handelt mit Marmor und Granit: "Er hilft mir, dass ich so leben kann, wie ich es mir vorstelle. Er will nicht, dass ich mich verstecken muss."
Sie träumt davon, irgendwann im Ausland zu starten. So wie Lale Sadigh, die in Italien, im Autodromo Nazionale in Monza, Formel 3 gefahren ist und zu Tests in Kalifornien war. Sohre Watanchah müsste in Dubai eine spezielle Prüfung ablegen, die 1000 Dollar kostet. Der iranische Motorsportverband hat ihren Antrag abgelehnt. Stattdessen schickt er elf Männer an den Persischen Golf.
Nun versucht sie, die Sache selbst zu organisieren. Sie hat sich ein Visum besorgt und das Prüfungskomitee in Dubai gefragt, ob sie die Fahrschule auch privat besuchen darf. Auf die Antwort wartet sie noch.
Am Abend geht sie auf eine Party, Sohre Watanchah trägt eine braune hautenge Hose, schwarze Lederstiefel und ein schwarzes Top. Vielleicht 40 Gäste sind gekommen, mehr als die Hälfte sind Frauen, keine trägt Kopftuch.
Es wird getanzt und geknutscht. Eine SMS macht die Runde: "Warum trägt Ahmadinedschad Seitenscheitel? Damit er die männlichen Läuse von den weiblichen trennen kann."
Sohre Watanchah raucht eine Winston nach der anderen und isst Kartoffelsalat mit Pinienkernen. Sie trinkt Wodka pur. Schmuggelware. Es gibt fünf Flaschen Smirnoff, das Stück kostet beim Dealer 30 Dollar.
Keine Angst vor der Polizei?
"Die ist kein Problem. Wenn sie kommt, kaufen wir uns frei. Jeder zahlt 80 Dollar, damit ist die Sache erledigt."
Um zwei Uhr nachts fährt sie mit dem Taxi nach Hause. Sie hat einen Schwips. Nach dem Frühstück will sie ins Fitnesscenter, sie muss trainieren, die nächste Rallye steht an. 350 Kilometer, von Teheran nach Sari. Zu Hause ruft sie noch einmal ihre E-Mails ab.
Sie hat Antwort aus Dubai. Sie könne kommen, der Prüfung stehe nichts im Weg, man freue sich, sie bald begrüßen zu dürfen.
Nur ein Etappensieg. Aber ein wichtiger.
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