AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 3/2008
  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Bildung Diebstahl der Kindheit

2. Teil: Lehrbuchstoff muss gnadenlos durchgepeitscht werden

Teure Nachhilfe-Institute sind die großen Profiteure der Reform. Im Saarland sei die Zahl der vom Ministerium akkreditierten privaten Einrichtungen seit der Umstellung im Jahr 2001 etwa um ein Viertel gestiegen, rechnet Klaus Kessler von der Lehrer-Gewerkschaft GEW vor. Und in Baden-Württemberg, wo die Schulzeitverkürzung seit 2004 landesweit gilt, habe sich seitdem die Zahl der Fünft- und Sechstklässer, die in Nachhilfe-Instituten pauken, etwa verdreifacht, sagt Marion Steinbach vom Bundesverband Nachhilfe- und Nachmittagsschulen.

DER SPIEGEL

Mit ihrer Nachhilfe-Empfehlung geben Lehrer aber oft nur den Druck weiter, der auf ihnen selbst lastet. Denn häufig wurden parallel zur Schulzeitverkürzung auch strengere Prüfungsrituale eingeführt - in Hessen etwa landesweite Vergleichsarbeiten und das zentrale Landesabitur. Die Folge: "Die Lehrer müssen jetzt gnadenlos den kompletten Lehrbuchstoff durchpeitschen, zum Wiederholen und Vertiefen bleibt keine Zeit mehr", sagt Kerstin Geis, Vorsitzende des Landeselternbeirats: Schließlich könne jede Lücke genau die Themen betreffen, die später vom Ministerium im Abitur abgefragt werden.

"Uns fehlt jetzt im Unterricht die Übungszeit, die viele Schüler brauchen", bestätigt Bruno Bodenheimer, der Direktor des Taunusstein-Gymnasiums, "besonders in einem Alter, in dem sie mit sich und ihrer Pubertät genug zu tun haben." In den Klassen fünf bis sieben werde nun in den Fremdsprachen "ein Grammatikkapitel nach dem nächsten durchgezogen" - darunter leide "natürlich" auch die Qualität des Unterrichts.

Für den Schulleiter war die G-8-Reform "eine unfreiwillige Einführung der Ganztagsschule durch die Hintertür - aber ohne die Gymnasien wie Ganztagsschulen auszustatten". Häufig gebe es weder Räume noch Personal für eine Hausaufgabenbetreuung, geschweige denn ein pädagogisches Konzept und Fachkräfte für den Langzeit-Schulaufenthalt. "Es ist sogar schon schwierig, eine durchgehende Aufsicht für die Schüler zu organisieren, die jetzt so oft am Nachmittag hier sind", sagt Bodenheimer. Viele hessische Gymnasien hätten nicht einmal die Möglichkeit, den Schülern ein Mittagessen anzubieten.

Wo die Schulbehörden versagen, bleibt den Eltern oft nur die Selbsthilfe: Im nordrhein-westfälischen Gymnasium Korschenbroich schmieren rund 150 Mütter und Väter in 22 Teams täglich Brötchen mit selbstgeschnitzeltem Möhren- und Paprikaaufstrich. Ein warmes Mittagsmahl gibt es nicht: "Das ist mit ehrenamtlicher Arbeit gar nicht zu schaffen", sagt eine Mutter, die schon jetzt ohne Bezahlung "10 bis 15 Stunden pro Woche" im Schulcafé hilft, Einsatzpläne schreibt oder Hygienekurse für die Verpflegungsteams organisiert.

Die Schulleitung überlegt nun, ob sie das G-8-Pensum künftig mit durchgehendem siebenstündigem Unterricht von 7.45 Uhr bis 14 Uhr an allen fünf Schulwochentagen bewerkstelligen soll oder lieber mit langem Nachmittagsunterricht bis 15.30 Uhr an ausgesuchten Tagen. "Dann brauchten wir aber zweimal pro Woche echten Ganztagsunterricht einschließlich Mittagessen", sagt Vizeschulleiter Wolfgang Lieser. Aber woher nehmen?

"Die meisten Schulen sind bei der G-8-Umstellung sträflich alleingelassen worden", beklagt Ernst Rösner vom Institut für Schulentwicklung in Dortmund. Im Prestigewettlauf um die durchgreifendsten Bildungsreformen nach dem Pisa-Schock von 2001 hatten viele Landesregierungen enorm aufs Tempo gedrückt - und fahrlässig bei der Umsetzung geschlampt.

Bayerns Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) zum Beispiel überraschte zur Jahreswende 2004 sogar sein eigenes Kultusministerium mit dem Entschluss, die kürzere Schulzeit schnellstmöglich auch im Freistaat einzuführen. Außer am festen Willen des Regierungschefs mangelte es jedoch an fast allem. Als schon nach wenigen Monaten der erste G-8-Jahrgang starten musste, gab es noch nicht einmal passende Schulbücher. Drei Jahre sollte es dauern, bis alle Gymnasien wenigstens mit den nötigen Lehrmitteln ausgestattet waren.

Eine Entschlackung des Unterrichts hat jedoch bis heute kaum stattgefunden, was inzwischen auch Stoibers Amtsnachfolger kritisch anmerkte. Die Schüler müssten doch noch Zeit für Jugendarbeit und Ehrenamt haben, forderte Günther Beckstein Ende November bei der Evangelischen Landessynode und kündigte eine neue Überprüfung der Lehrpläne an.

Im Nachzügler-Land Rheinland-Pfalz will Kultusministerin Doris Ahnen (SPD) aus den Fehlern lernen und die kürzere Schuldauer nur in solchen Gymnasien erlauben, die ein umfangreiches Ganztagskonzept vorlegen können - nicht nur mit der Möglichkeit zum Mittagessen, sondern auch mit "zusätzlicher Lernzeit zur gezielten Förderung, Zeit zum Üben und Vertiefen und für die Hausaufgaben" sowie mit "Kreativ-, Sport- und Entspannungsphasen" in der Schule.

Doch solche vorausschauenden Pläne sind die große Ausnahme in der deutschen Bildungslandschaft. Meist wird an G8 halbherzig herumgedoktert - und auch das nur auf Druck. In Hessen etwa, wo Ende Januar gewählt wird, erreicht die Unzufriedenheit mit G8 und anderen Reformen der CDU-Kultusministerin Karin Wolff laut einer Umfrage inzwischen gefährliche 60 Prozent der Wähler. Nachdem der Landeselternbeirat zu einem landesweiten "Protesttag" kurz vor der Wahl aufgerufen hatte, zeigte sich die Ministerin einsichtig: "Es muss jetzt gehandelt werden", verkündete sie energisch.

Viel Greifbares folgte den starken Worten allerdings nicht: Die Kultusminister der Länder sollen auf Initiative Hessens erst mal "die Erfahrungen bei der Ein- und Durchführung des achtjährigen Gymnasiums auswerten", so Wolff - dann werde man weitersehen.

Nicht wenige Eltern haben von solchen Scheinnachbesserungen inzwischen genug und orientieren sich um. "Das Kuriose ist", sagt Bildungsforscher Rösner, "dass die konservativen Kultusminister durch die missratene G-8-Reform der einst in Verruf gekommenen Gesamtschule zu einer Renaissance verholfen haben." Der deutsche Gesamtschulverband meldet wieder steigende Anmeldungszahlen etwa aus Hamburg oder Niedersachsen. In Nordrhein-Westfalen habe man zu Beginn des laufenden Schuljahres fast 17 000 Schüler zurückweisen müssen, weil es zu wenig Gesamtschulplätze gebe, so der Verband.

Gesamtschüler haben für den Weg zum Abitur in der Regel nach wie vor neun Jahre Zeit - eine Alternative, die jetzt etwa auch der Taunussteiner Junggymnasiast Leon ins Auge fasst.

Eine passende Schule hat sich der Elfjährige sogar schon ausgesucht: Die Wiesbadener Helene-Lange-Gesamtschule, die gerade mit dem deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde, auf individuell gestalteten, projektbezogenen Unterricht setzt und überdies beim Pisa-Leistungstest hervorragend abschnitt.

"Ich glaube", sagt Leon, "dort könnte ich wieder Spaß am Lernen haben."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
insgesamt 2953 Beiträge
Klo 15.01.2008
Die überstürzte und unvorbereitete Einführung des G8 ohne Entrümpelung der Lehrpläne ist das größte Desaster der Nachkriegs-Bildungspolitik.
Zitat von sysop40-Stunden-Woche? Viele Gymnasiasten wären schon über 50 Stunden froh. Überstürzt und miserabel vorbereitet haben die meisten Bundesländer die Schulzeit bis zum Abitur auf zwölf Jahre verkürzt. Stiehlt die Schule den Schülern die Kindheit?
Die überstürzte und unvorbereitete Einführung des G8 ohne Entrümpelung der Lehrpläne ist das größte Desaster der Nachkriegs-Bildungspolitik.
PaulNeu 15.01.2008
Wieso schaffen es andere Länder, die Schüler mit 18 zur Hochschulreife zu bringen und nach weiteren 4 bis 5 Jahren zum Hochschulabschluss? Warum dauert die Ausbildung in D so unendlich lange?
Wieso schaffen es andere Länder, die Schüler mit 18 zur Hochschulreife zu bringen und nach weiteren 4 bis 5 Jahren zum Hochschulabschluss? Warum dauert die Ausbildung in D so unendlich lange?
NilsBoedeker 15.01.2008
Hi es muß halt gespart werden... idealerweise an Kindern und der Ausbildung... gestern, heute, morgen... Das Abitur in 12 Jahre ist nix anderes... Es ist naiv zu glaube das sich Sparmaßnahmen in dem Bereich nicht irgendwann [...]
Hi es muß halt gespart werden... idealerweise an Kindern und der Ausbildung... gestern, heute, morgen... Das Abitur in 12 Jahre ist nix anderes... Es ist naiv zu glaube das sich Sparmaßnahmen in dem Bereich nicht irgendwann übel rächen werden bzw. sieht man ja schon die "Erfolge" der Sparmaßnahmen der vergangenen Jahre/Jahrzehnte
qsecofr 15.01.2008
Ich denke den wird nichts gestohlen! In Sachsen und Thüringen geht es doch auch! In der DDR hat es auch funktioniert, das man sein ABI nach 12 Jahren hatte. Dieses jammern ist schon etwas ätzend. Ronald Leipzig
Ich denke den wird nichts gestohlen! In Sachsen und Thüringen geht es doch auch! In der DDR hat es auch funktioniert, das man sein ABI nach 12 Jahren hatte. Dieses jammern ist schon etwas ätzend. Ronald Leipzig
Anima 15.01.2008
Ich kann dies nur bestätigen. Meine Tochter geht in die 6. Klasse Gymnasium. Seit dem sie auf dem Gymnasium ist, geht es ihr nicht besonders gut. Offensichtlich leidet sie unter dem Stress und ist öfters krank. Dies ist meiner [...]
Ich kann dies nur bestätigen. Meine Tochter geht in die 6. Klasse Gymnasium. Seit dem sie auf dem Gymnasium ist, geht es ihr nicht besonders gut. Offensichtlich leidet sie unter dem Stress und ist öfters krank. Dies ist meiner Meinung nach noch ein Meilenstein der Politiker in einem kinderfeindlichem Land. Anstatt sich wirklich ein Beispiel an den Lehrmethoden der PISA-Siege, z.B. Finnland, zu nehmen, wird geflickschustert was das Zeug hält. Leider bestätigt sich auch hier: es gibt in diesem Land keine Lobby für die Kinder.
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
alles aus der Rubrik Abi - und dann?

© DER SPIEGEL 3/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Social Networks

Entdecken Sie außerdem SchulSPIEGEL auf...






TOP



TOP