Von Cathrin Gilbert
Das Boss-Shirt ist ein wenig zu eng für einen Mann von 53 Jahren, in den silbernen Locken etwas zu viel Gel. Er trägt ein schweres Kreuz auf der Brust und Adidas-Turnschuhe. Mit ausgestrecktem Zeigefinger steht Djair Silvério da Cunha da, mitten auf einem Bolzplatz im Armenviertel von Santos, einer Hafenstadt eine Stunde südlich von São Paulo entfernt, und zeigt auf ein Plakat. "Das ist er, mein Sohn", sagt er und wischt sich den Schweiß von der Stirn. "Sieht er nicht stark aus, mein Großer?"
Auf dem Plakat brüllt Diego wie ein Löwe, der Mund aufgerissen, die Mähne flatternd im Wind, er trommelt sich mit der rechten Hand auf die Brust. Ein Löwe mit Zahnspange.
Der Bolzplatz ist eine Stiftung von Diegos früherem Verein FC Santos. Die Kinder aus dem Elendsviertel sollen für den Fußball begeistert werden, und Diego dient als Vorbild, einer, der es geschafft hat nach Europa. Neben dem Bolzplatz steht ein kleines weißgetünchtes Gebäude, das aussieht wie ein Vereinsheim, in dem sich die Kinder umziehen. "Das ist keine Umkleidekabine", sagt Djair, "sondern eine Leichenhalle für die Toten aus der Favela."
Früher hat Djair Silvério da Cunha als Wirtschaftsingenieur gearbeitet, heute plant er die Karriere seines Sohnes. Er habe kein Vertrauen in diese geldgierigen Berater und lasse nicht zu, dass sein Sohn wie ein Pingpongball von Verein zu Verein geworfen werde. "Das Fußballgeschäft", sagt er, "ist eine große Mafia."
Diegos Vater hat sich nicht viele Freunde gemacht in diesem Geschäft. Er gilt als unbeherrscht und als ein Mann, der immer nur für Probleme sorgt. Es gibt Leute, die behaupten, ohne den Vater wäre Diego längst ein Weltstar.
Die Familie lebt nun von dem, was sie mit Diego verdient. Bei jedem neu abgeschlossenen Vertrag seines Sohnes bekommt Djair eine Provision. "Aber das ist doch ganz normal, oder?", sagt er. Ein ziemlich außergewöhnliches Modell: Der branchenfremde Vater sitzt zwölf Flugstunden entfernt in Brasilien und steuert von dort aus die Karriere seines Sohnes.
Seit eineinhalb Jahren spielt Diego für Werder Bremen und wurde dort zum besten Spieler der Liga. Vor ein paar Wochen haben ihn 275 Bundesliga-Profis in einer Umfrage zum dritten Mal gewählt, jedes halbe Jahr stimmen sie ab. Franck Ribéry bekam nur 22 Prozent der Stimmen, Rafael van der Vaart noch weniger.
Sie haben ihn gewählt, weil er der einzige Fußballer in der Bundesliga ist, der Fußball nicht spielt, sondern zaubert. Im April vergangenen Jahres im Spiel gegen Alemannia Aachen lupfte er aus 63 Metern den Ball ins Tor. Seitdem vergleicht man ihn in Deutschland mit Maradona. In Brasilien gibt es solche Vergleiche nicht. Noch nicht.
Diego wohnt in einem Einfamilienhaus in Schwachhausen, einem Stadtteil von Bremen. Zwei Gartenzwerge stehen im Vorgarten, im Wohnzimmer hängt ein Flachbildschirm, und in der Küche arbeitet Janaína, seine Haushälterin, die er aus Brasilien mitgebracht hat, damit sie ihm "Feijão" kocht, schwarze Bohnen; mit Reis. Diegos Freundin lebt noch in Santos. Ein Zuhause fühlt sich anders an.
In einem Monat wird Diego 23 Jahre alt, er wirkt schüchtern, fast kindlich, und hat ein Grübchen in der linken Wange, wenn er verlegen ist. Abends nach dem Training sitzt er am Computer und redet mit Mama Cecília in Brasilien, manchmal stundenlang. An ihren Computern haben sie Webcams, damit sie sich sehen können.
Diego kommt aus Ribeirão Preto, einer Stadt mit 570.000 Einwohnern, 320 Kilometer nordwestlich von São Paulo. Es gibt wenige Orte in Brasilien, wo die Extreme dieses Landes deutlicher zu spüren sind. Ribeirão Preto ist eine Insel in einem Meer von Zuckerrohrplantagen. Vor den schicken Hochhäusern liegen Bettler und Junkies in den Eingängen, ehemalige Feldarbeiter.
Diegos Familie lebt in einem dieser Hochhäuser. Djair hat gut verdient als Ingenieur, er gehört zur oberen Mittelschicht des Landes, die 120 Quadratmeter große Luxuswohnung haben sie sich gekauft, bevor Diego nach Europa ging. Es riecht nach Putzmittel, alles ist akkurat, im Wohnzimmer hängen Fotos des berühmten Sohns, vor dem Balkon spannt sich Maschendraht, um Einbrecher abzuhalten. Diegos Kinderzimmer sieht aus, als wäre er gestern ausgezogen, dort steht auch der Computer samt Webcam. "Mein Mann wollte die Kamera schon abbauen", sagt Cecília. Djair halte nicht viel von diesem "Rumgeglucke".
Sie hätte Diego als Kleinkind lieber beim Tennis oder Volleyball angemeldet, aber er habe sich einfach nicht aufhalten lassen. "Anfangs haben mich meine Freundinnen gefragt, wie ich dem Jungen das nur antun könne, mit den Slumkindern zu spielen. Später haben sie mich gemieden."
Der Weltfußballer Ronaldo, der heute beim AC Mailand spielt, stammt aus Bento Ribeiro, einem der ärmsten Stadtteile Rios. Nationalspieler Adriano, der lange in Italien spielte, war zehn Jahre alt, als sein Vater in der Favela Vila Cruzeiro in Rio angeschossen wurde. Und Robinho, der jüngste Star Brasiliens, bekam erst mit 14, auf dem Internat des FC Santos, sein erstes Paar Fußballschuhe. Slumkinder können Schnösel wie Diego nicht ausstehen. "Dass er sich beim FC Ribeirão Preto durchgesetzt hat, gleicht einem Wunder", sagt Cecília, die Mutter. "Die anderen haben Diego anfangs nur gehänselt."
© DER SPIEGEL 5/2008
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