Wirtschaft


AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 5/2008
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Unternehmenskultur "Eine Sache des Wollens"

2. Teil: "Kinder sind kein Hindernis"

Vertrauensarbeitszeit heißt das Zauberwort, mit dem der drittgrößte Microsoft-Ableger außerhalb der USA nicht nur gute Renditen erwirtschaftet, sondern auch wiederholt zum beliebtesten Arbeitgeber Deutschlands gewählt wurde. "Wir vereinbaren mit jedem Mitarbeiter bestimmte Ziele. Wie die erreicht werden und wo, ist zweitrangig", sagt Hirl-Höfer.

Erfrischend einfach klingt das und unkompliziert, doch für viele Unternehmen sei das noch weit entfernte Zukunft, bilanziert die McKinsey-Studie "Women matter" (zu Deutsch: Frauen sind wichtig). Denn fast allerorten sind die Regeln des Berufslebens auf Männer zugeschnitten, deren Gattinnen Haushalt und Kindererziehung regeln.

Das Prinzip etwa, jederzeit und überall einsetzbar zu sein, verträgt sich nicht mit der Doppelbelastung von Frauen. Dem erwarteten lückenlosen Lebenslauf können besonders Mütter nicht gerecht werden.

"Solange die Kriterien für Beförderungen nicht geändert werden, wird sich nur Unwesentliches an der Situation von Frauen in Führungspositionen ändern", resümiert die Studie.

Bei Microsoft fängt das Umdenken schon ganz unten an: Frauen werden bei gleicher Qualifikation bevorzugt eingestellt und machen derzeit 28 Prozent der 2200 Angestellten aus. Jeder wird zweimal im Jahr beurteilt und bewertet seinerseits seine Vorgesetzten. Die wiederum müssen verstärkt weiblichen Nachwuchs fördern und sollten auch Frauen für ihre Nachfolgeplanung berücksichtigen.

Wirklich entscheidend für die Gleichberechtigung von Frauen ist indes, dass das Alphatier den Weg leuchtet. Wenn die Firmenleitung das Ziel Frauenförderung nicht aktiv unterstützt und aggressiv einfordert, werde sich nichts ändern, warnt McKinsey.

"Kinder sind kein Hindernis. Es ist eine Sache des Wollens", sagt Microsoft-Chef Berg. Dorothee Belz, 46, Chefsyndikus, weiß dieses Klima zu schätzen. Bis 2002 hat die Juristin im Männerreich von Mediengröße Leo Kirch gearbeitet. 2003 wechselte die ehemalige Staatsanwältin für Wirtschaftskriminalität zu dem Software-Konzern - und entdeckte vier Wochen später, dass sie schwanger war. Ihr neuer Arbeitgeber war nicht verstimmt. Sie solle so weiterarbeiten, wie es ihr passe.

"Frauen müssen dafür bezahlen, dass sie arbeiten"

Zwei Wochen vor der Geburt verließ Belz ihr Büro, zwei Monate danach richtete sie sich ein Homeoffice ein, nach fünf Monaten kam sie Vollzeit zurück. Ihre Mutterpflichten organisiert sie mit Hilfe von Kindermädchen, Großmutter und Kita. Anstrengend sei das schon und auch teuer: "Frauen müssen dafür bezahlen, dass sie arbeiten dürfen." Dafür erntet sie im Bekanntenkreis auch noch schiefe Blicke und offene Vorwürfe.

Das Unverständnis Außenstehender nervt gelegentlich auch ihre Kollegin Angelika Gifford, 41. Die für Kunden in der öffentlichen Verwaltung zuständige Direktorin ist seit 15 Jahren im Management bei Microsoft, baute den Bereich Europa, Mittlerer Osten und Afrika auf und den Service im Großkundengeschäft. Doch noch nie hat sie etwas so gestresst wie die Schnapptür in der Kita ihres dreijährigen Sohnes.

Kommt sie nur wenige Minuten zu spät, schnappen Tür wie Kindergärtnerin ein. Dann muss sie klingeln und darf in die vorwurfsvollen Gesichter der Erzieherinnen und pünktlichen Mütter schauen. "Da sagt jeder Blick: Was musst du auch arbeiten gehen!" Wenigstens in der Firma wird Gifford nicht mit Rabenmütter-Vorwürfen konfrontiert.

Doch trotz ihrer geschützten Zone in Unterschleißheim wissen die Managerinnen, wie im wahren Leben mit unterschiedlichem Maß gemessen wird. Gifford ist sich sicher, dass männlichen Managern Fehltritte generell leichter verziehen werden. "Unvorstellbar, wenn Top-Managerinnen bei einem der anscheinend immer noch üblichen 'Herrenprogramme' erwischt würden. Das wäre sofort das Ende ihrer Karriere."

Dorothee Belz fällt auf, dass Frauen vieles differenzierter sehen und Probleme ausdiskutieren wollen. Dann spotten die Männer, man solle es "nicht gar so kompliziert machen". "Dabei ist es gar nicht kompliziert", sagt Belz, "nur komplex". Es sind solche Sätze, die Achim Berg immer wieder von der Weisheit gemischter Teams überzeugen: "Frauen haben einen anderen Führungsstil. Sie profitieren von ihrer sozialen Intelligenz."

Weiblicher Führungsstil als Notwehr?

Doch ist dieser vermeintlich weibliche Führungsstil nicht womöglich eine Art Notwehr? Benehmen sich weibliche Chefs sozialer, mitfühlender, lösungsorientierter, weil genau das von ihnen erwartet und jede andere Form reglementiert wird? Studien bestätigen: Es wird nicht anerkannt, wenn Chefinnen sich wie Chefs aufführen.

Auf der Suche nach einem eigenen Führungsstil befinden sich Frauen also in einer Zwickmühle. Die erwartete Sanftmut und Rücksichtnahme mit den Führungseigenschaften Dominanz und Durchsetzungskraft unter einen Hut bringen, ist ein oft schwieriges Unterfangen.

Offenkundig lohnt es aber, glaubt Microsoft-Chef Berg. Männliche Top-Manager reagierten mit einer deutlichen Verhaltensänderung, sobald Frauen im Team sind: Sie produzieren sich längst nicht mehr so stark wie vorher.

"Es scheint, als lasse das Revierverhalten dann merklich nach. Aber da fragt man am besten mal einen Zoologen", sagt Berg und lacht.

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