AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 6/2008
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Debatte Innerliche Wagenburg

2. Teil

Als Seismograf in eigener Sache wird Öffentlichkeit für Walser zum Resonanzboden von Gefühlsschwankungen, zum gleichsam "persönlichen" Gradmesser von Zustimmung und Dissenz. Im Bereich der Literatur mag Walser seine "persönliche" Sicht auf die jüngste deutsche Vergangenheit in künstlerischer Freiheit kultivieren - im Bereich der Politik, zumal in der Frankfurter Paulskirche und vor über 670.000 Fernsehzuschauern, schrumpft ein sich bloß introspektiv gebender Blick zum Tunnelblick. Dabei müsste er die unterschiedliche politische Bedeutung unterschiedlicher Orte aus Erfahrung kennen. Würde er auch im Literaturhaus Stuttgart wie in der Paulskirche seinen eigenen Worten zufolge "vor Kühnheit" zittern, wenn er dort auf Auschwitz zu sprechen käme? Offenbar möchte er um jeden Preis in seiner Wagenburg der Innerlichkeit verharren, gleichzeitig aber aus deren Deckung heraus künstlerische Narrenfreiheit auch für den rauen Bereich der Politik in Anspruch nehmen.

US-Soldaten, NS-Opfer (1945): "Die Welt ist eine unerträgliche"
DPA

US-Soldaten, NS-Opfer (1945): "Die Welt ist eine unerträgliche"

Walsers besondere Ausformung eines labilen Erinnerungszustandes hinterlässt Spuren in Formulierungen wie "Dauerpräsentation unserer Schande". Warum beklagt er in seiner "Sonntagsrede" nur die "Schande" und spricht fast nie von "Schuld"? Zwar erkennt er sie als "zurechnungsfähiger Mensch" an, nicht aber im Sinne einer aus diesen Verbrechen erwachsenden Bringschuld den Opfern gegenüber. Daher schmiedet er sich anstelle des Begriffs der "Schuld" denjenigen der "Schande". Und gegen das angeblich ständige Vorhalten dieser "Schande", dessen Quelle ahnungsvoll im Dunkeln bleibt, kann er sich, im Unterschied zur "Schuld", wortreich wehren.

Walsers Sprachverwirrung durch Begriffe wie "Schande" anstelle von "Schuld" oder "Beschuldigte" statt "Schuldige" schlägt unverkennbar eine Schneise in Richtung Schlussstrich, zumindest aber in die des Revisionismus. Die Nähe von Walsers "Moralkeule" zu der im rechtsextremen Milieu verwendeten "Auschwitz-Keule" ist unübersehbar. Begrifflich wie argumentativ nimmt Walser Auschwitz nicht als Schuld wahr, sondern nahezu ausschließlich als Vergegenwärtigung "unserer Schande" und damit als Schandfleck auf der deutsch-nationalen Identität. Es ist sein "persönlicher" Versuch, den Bodensee-Blick auf die deutsche Geschichte ungetrübt zu wahren. Begriffe wie "Schande", "Drohroutine", "Moralkeule" werden in Stellung gebracht, um aus dem Schandfleck der Nation die zu Unrecht bedrohte Nation zu konstruieren - bewusst oder unbewusst: ein erster Schritt zur Täter-Opfer-Umkehr. Instrumentalisierendes Interesse an der schuldhaften deutschen Vergangenheit, so insinuiert Walser, ohne dabei Ross und Reiter zu nennen, haben vor allem Juden. Er ist geschickt genug, es bei Suggestivfragen zu belassen, die zugehörigen Antworten lediglich anzudeuten, sie dem Hörer oder Leser gleichsam aufzudrängen. Welche Vorurteile auch immer damit klammheimlich bestärkt werden: Juristisch bleiben Walsers Äußerungen unangreifbar.

Argumentationsmuster solcher Art werden keineswegs durch Walsers Hinweis erträglicher, er habe "in der Paulskirche in einer persönlichen Sprache geredet über ein Thema, über das sonst in öffentlichen Sprachen geredet und geschrieben wird". Im vorliegenden Zusammenhang stehen nicht "Selbsterfahrung" und "tendenzlose Bekenntnisse" im Vordergrund, sondern - Ort, Anlass und Kontext gemäß - inhaltliche Aussagen frei von mehrdeutigen, missverständlichen Formulierungen. Und sollte er tatsächlich bis heute den Unterschied zwischen Frankfurter Paulskirche und Literaturhäusern verkannt haben, dann geriete seine damit verbundene trotziglutherische Haltung des "Hier stehe ich, ich kann nicht anders" in die Nähe des Starrsinns. In Anspruch, Wortwahl und Auftritt erinnert Walser mich gelegentlich an Maurice Sendaks Kinderbuchtitel "Es muss im Leben mehr als alles geben".

Möge Martin Walser als ständiger Beobachter seiner selbst, als literarischer Ritter ohne Furcht und Tadel weiterhin "persönliche" Forschungsreisen in den Mittelpunkt seiner Innerlichkeit unternehmen und uns noch lange an seiner untergründigen Gefühlstektonik teilhaben lassen. Das wirft nicht nur ein Schlaglicht auf herrschende "Normalität" im Umgang mit der jüngsten deutschen Vergangenheit, mit Erinnerung und deren Brechungen. Es zeugt vor allem davon, wie "Es" aus den Betroffenen spricht und hinter wohlgesetzten Worten unversehens Verborgenes preisgibt.

Widerspruch ist willkommen, denn wir bleiben dort lebendig, wo wir gefährdet oder gefordert sind.


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insgesamt 82 Beiträge
Larnaveux 04.02.2008
Interessante und teilweise auch wirklich gut nachvollziehbare Sichtweise von Salomon Korn. Ich als mehr als zwanzig Jahre nach dem Holocaust Geborener kann aber mit den Begriffen von "Schuld" und "Schande" [...]
Interessante und teilweise auch wirklich gut nachvollziehbare Sichtweise von Salomon Korn. Ich als mehr als zwanzig Jahre nach dem Holocaust Geborener kann aber mit den Begriffen von "Schuld" und "Schande" für mich persönlich nichts bezogen auf die Zeit des Dritten Reiches anfangen. Mich persönlich trifft weder eine Schuld noch eine persönliche Schande in diesem Zusammenhang. Damit braucht übrigens Herr Korn auch keine Sorge haben, dass ich einen wie auch immer gearteten Schlußstrich ziehen möchte. Meine Verantwortung sehe ich darin, meinen Kindern die schreckliche Geschichte des Holocaust nicht vorzuenthalten, eine Geschichte, in der große Teile der Deutschen (und nicht nur der Deutschen) schuldig eines Massenmordes ungeahnten Ausmaßes an ihren Landsleuten und anderen Menschen wurden. Und dass das möglich war, das ist wirklich eine Schande. Insofern spüre ich persönlich Betroffenheit über diese schlimme Episode der Deutschen Geschichte, ich spüre eine Verpflichtung, dies nicht beiseite zu legen, sondern die Erinnerung daran in die nächsten Generationen zu tragen, auf dass so etwas nie wieder geschieht. Und ich spüre die bohrende Frage in mir: Wie hättest Du Dich verhalten, hättest Du damals gelebt? Hättest Du Deine jüdischen Freunde unter Einsatz Deines Lebens versteckt? Eine Frage, die man moralisch leicht beantworten kann, in realiter aber nur dann, wenn man die Zeit wirklich erlebte. Das ist für uns Nachgeborene die furchtbare Frage: Können wir unseren heutigen moralischen Forderungen soweit Folge leisten, käme es wieder zu so einer Situation? Ich hoffe, wir alle müssen diese Frage nie beantworten, einfach, weil wir so eine unfassbare Situation von vornherein vermeiden. Aber mit Schuld oder Schande hat für mich ganz persönlich die Nazizeit nichts zu tun. Schuld und Schande sind Begriffe, mit denen sich die damals Lebenden auseinander zu setzen haben, nicht aber die Folgegenerationen. Für diese gilt, ihnen als Herzensangelegenheit die Vermeidung solcher Dinge einzupflanzen, ohne dass sie heute Schuld und Schande trifft.
Da Ich zur Zeit der Rede noch nicht im politik-fähigen Alter war, kein Spiegel-Abbonement bin und den Autor auch darüber hinaus nicht kenne, kann ich bestimmt nicht alle Äußerungen so verstehen, wie sie gemeint waren. Aber ich bin [...]
Da Ich zur Zeit der Rede noch nicht im politik-fähigen Alter war, kein Spiegel-Abbonement bin und den Autor auch darüber hinaus nicht kenne, kann ich bestimmt nicht alle Äußerungen so verstehen, wie sie gemeint waren. Aber ich bin froh, endlich auf SpiegelOnline eine so brilliante Argumentation zu Schuldfragen des Holocausts und (deutschen) psychologischen Reaktionen darauf zu lesen. Man ist geneigt, sich vorzustellen, wie man den Kommentar abdruckt und hundertfach kopiert, um mit dem schweren Papierstapel in die Stammtischlokale zu marschieren und sie den Leuten mal kräftig um die Ohren zu hauen. Weiter so, mehr davon !
manten75 04.02.2008
Ich bin 32 Jahre alt, mich trifft keinerlei Schuld an den Verbrechen die im 3. Reich geschehen sind. Erbschuld gibt es nicht!
Ich bin 32 Jahre alt, mich trifft keinerlei Schuld an den Verbrechen die im 3. Reich geschehen sind. Erbschuld gibt es nicht!
Reklov 04.02.2008
Sehr geehrter Herr Korn, ein großes Dankeschön für Ihre feine Analyse! Ich meine allerdings, dass von einem so berühmten, intelligenten Mann und exzellenten Sprachbeherrscher politisch klare und eindeutige Worte zu erwarten [...]
Zitat von sysopSalomon Korn über Martin Walsers Haltung zum Holocaust http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,532930,00.html
Sehr geehrter Herr Korn, ein großes Dankeschön für Ihre feine Analyse! Ich meine allerdings, dass von einem so berühmten, intelligenten Mann und exzellenten Sprachbeherrscher politisch klare und eindeutige Worte zu erwarten sind, wenn er sich auf politisches Gebiet begibt. Er muss doch wissen, dass seine Worte als die einer Geistesgröße und moralischen Autorität gewertet werden! Wenn aber nicht einmal Herr Walser einsieht, dass er auf dem Holzweg ist - psychologische Begründungen hin oder her -, reiht er sich doch ein in den anschwellenden Strom braungefärbter Ungeheuerlichkeiten à la Jenninger, Homann, Kanther etc., übrigens alles CDU-Leute. Beispiel im Kleinen: Hier in einem Stadtteil von Freiburg, der ehemals ein katholisches Dorf mit fast hundertprozentiger NS-Anhängerschaft war und heute - selbstredend - noch einen hohen CDU-Wähleranteil hat, darf eine Narrenclique es ungestraft und fast unwidersprochen (Bericht der Bad. Ztg. auf der Lokalseite und bisher nur ein einziger Leserbrief) wagen, in ihrem Blättle einen "lustig/närrischen" Vergleich der "verfolgten" Raucher mit dem Holocaust zu ziehen; allein diese Idee ist so schäbig, dass sie nur im genannten schwarz(braun)en Dunstkreis gedeihen konnte.
Larnaveux, Ich würde sagen, dass ab dem Moment, in dem man sich in den positiven Bezug zu einer Nationalen Identität, zum eigenem "Deutsch-Sein" stellt, eine psychologische Situation ergibt,die, wie im Artikel [...]
Larnaveux, Ich würde sagen, dass ab dem Moment, in dem man sich in den positiven Bezug zu einer Nationalen Identität, zum eigenem "Deutsch-Sein" stellt, eine psychologische Situation ergibt,die, wie im Artikel angeschnitten, sich dagegen wehrt, "identitätsbedrohende Elemente dauerhaft in die eigene Persönlichkeit (zu) integrieren". Die Konsequenz daraus ist eine Haltung zum NS, zum Holocaust und zur eigenen kollektiven Identität, die der Sache nicht gerecht wird, die gefährlich ist. Die Deutschen stecken in ihrer Beziehung zu ihrer nationalen Identität aufgrund ihrer Geschichte in einem extremen Sonderfall. Ich bin zwar der Meinung, jeder Bezug, auf jegliches nationale Kollektiv, also egal, ob nun Holländer oder Iranerin, gehöre dekonstruiert. Die Deutschen jedoch, so glaubt man, müssten in einer Situation sein, die sie dies besonders leicht begreifen lässt ; Das Gegenteil ist der Fall - und dieses erlebte Gegenteil leitet Korn recht anschaulich psychoanalythisch herbei.
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