Als Seismograf in eigener Sache wird Öffentlichkeit für Walser zum Resonanzboden von Gefühlsschwankungen, zum gleichsam "persönlichen" Gradmesser von Zustimmung und Dissenz. Im Bereich der Literatur mag Walser seine "persönliche" Sicht auf die jüngste deutsche Vergangenheit in künstlerischer Freiheit kultivieren - im Bereich der Politik, zumal in der Frankfurter Paulskirche und vor über 670.000 Fernsehzuschauern, schrumpft ein sich bloß introspektiv gebender Blick zum Tunnelblick. Dabei müsste er die unterschiedliche politische Bedeutung unterschiedlicher Orte aus Erfahrung kennen. Würde er auch im Literaturhaus Stuttgart wie in der Paulskirche seinen eigenen Worten zufolge "vor Kühnheit" zittern, wenn er dort auf Auschwitz zu sprechen käme? Offenbar möchte er um jeden Preis in seiner Wagenburg der Innerlichkeit verharren, gleichzeitig aber aus deren Deckung heraus künstlerische Narrenfreiheit auch für den rauen Bereich der Politik in Anspruch nehmen.
Walsers besondere Ausformung eines labilen Erinnerungszustandes hinterlässt Spuren in Formulierungen wie "Dauerpräsentation unserer Schande". Warum beklagt er in seiner "Sonntagsrede" nur die "Schande" und spricht fast nie von "Schuld"? Zwar erkennt er sie als "zurechnungsfähiger Mensch" an, nicht aber im Sinne einer aus diesen Verbrechen erwachsenden Bringschuld den Opfern gegenüber. Daher schmiedet er sich anstelle des Begriffs der "Schuld" denjenigen der "Schande". Und gegen das angeblich ständige Vorhalten dieser "Schande", dessen Quelle ahnungsvoll im Dunkeln bleibt, kann er sich, im Unterschied zur "Schuld", wortreich wehren.
Walsers Sprachverwirrung durch Begriffe wie "Schande" anstelle von "Schuld" oder "Beschuldigte" statt "Schuldige" schlägt unverkennbar eine Schneise in Richtung Schlussstrich, zumindest aber in die des Revisionismus. Die Nähe von Walsers "Moralkeule" zu der im rechtsextremen Milieu verwendeten "Auschwitz-Keule" ist unübersehbar. Begrifflich wie argumentativ nimmt Walser Auschwitz nicht als Schuld wahr, sondern nahezu ausschließlich als Vergegenwärtigung "unserer Schande" und damit als Schandfleck auf der deutsch-nationalen Identität. Es ist sein "persönlicher" Versuch, den Bodensee-Blick auf die deutsche Geschichte ungetrübt zu wahren. Begriffe wie "Schande", "Drohroutine", "Moralkeule" werden in Stellung gebracht, um aus dem Schandfleck der Nation die zu Unrecht bedrohte Nation zu konstruieren - bewusst oder unbewusst: ein erster Schritt zur Täter-Opfer-Umkehr. Instrumentalisierendes Interesse an der schuldhaften deutschen Vergangenheit, so insinuiert Walser, ohne dabei Ross und Reiter zu nennen, haben vor allem Juden. Er ist geschickt genug, es bei Suggestivfragen zu belassen, die zugehörigen Antworten lediglich anzudeuten, sie dem Hörer oder Leser gleichsam aufzudrängen. Welche Vorurteile auch immer damit klammheimlich bestärkt werden: Juristisch bleiben Walsers Äußerungen unangreifbar.
Argumentationsmuster solcher Art werden keineswegs durch Walsers Hinweis erträglicher, er habe "in der Paulskirche in einer persönlichen Sprache geredet über ein Thema, über das sonst in öffentlichen Sprachen geredet und geschrieben wird". Im vorliegenden Zusammenhang stehen nicht "Selbsterfahrung" und "tendenzlose Bekenntnisse" im Vordergrund, sondern - Ort, Anlass und Kontext gemäß - inhaltliche Aussagen frei von mehrdeutigen, missverständlichen Formulierungen. Und sollte er tatsächlich bis heute den Unterschied zwischen Frankfurter Paulskirche und Literaturhäusern verkannt haben, dann geriete seine damit verbundene trotziglutherische Haltung des "Hier stehe ich, ich kann nicht anders" in die Nähe des Starrsinns. In Anspruch, Wortwahl und Auftritt erinnert Walser mich gelegentlich an Maurice Sendaks Kinderbuchtitel "Es muss im Leben mehr als alles geben".
Möge Martin Walser als ständiger Beobachter seiner selbst, als literarischer Ritter ohne Furcht und Tadel weiterhin "persönliche" Forschungsreisen in den Mittelpunkt seiner Innerlichkeit unternehmen und uns noch lange an seiner untergründigen Gefühlstektonik teilhaben lassen. Das wirft nicht nur ein Schlaglicht auf herrschende "Normalität" im Umgang mit der jüngsten deutschen Vergangenheit, mit Erinnerung und deren Brechungen. Es zeugt vor allem davon, wie "Es" aus den Betroffenen spricht und hinter wohlgesetzten Worten unversehens Verborgenes preisgibt.
Widerspruch ist willkommen, denn wir bleiben dort lebendig, wo wir gefährdet oder gefordert sind.
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