Von Fiona Ehlers
Sebastian kommt spät heute, aber er kommt. Er hetzt die Stiege hinauf, trägt Blaumann und Kapuzenpulli, fläzt sich in die Essecke im Wohnzimmer der Familie Lechner. Schwätzt, ohne Luft zu holen, über seinen Tag in der Fabrik, über sein Jahr im Knast. Sagt mindestens einmal pro Satz: "Mama". Lacht viel.
Mama lacht auch.
Sebastian ist 22 Jahre alt, blond, muskulös, Ziegenbart, kein Kind mehr. "Gestatten, Sebastiano", sagt Sebastian. "Mein Vater ist Sizilianer." Dass er ihn nie kennengelernt habe, dass seine leibliche Mutter ihn rausgeschmissen habe, da war er sechs, dass er im Knast immer an Mama gedacht habe, an Hermi, seine Gastmutter, nicht verwandt, nicht verschwägert.
Weil er wusste, dass sie ihn nicht im Stich lassen würde, dass sie auf ihn wartet.
Hermine Lechner und ihr Mann sitzen neben Sebastian in ihrem Einfamilienhaus in einem Dorf bei Überlingen am Bodensee. Die Frage ist, was Sebastian mitgenommen hat aus seiner neuen Familie, bevor er in den Knast kam. "Moment", sagt Werner Lechner, Ende 50, Bierbauch, schweres Oberschwäbisch, "da müsse mir erscht gucke, was alles fehlt." Hermine Lechner, Pantoffeln, grauer Pagenkopf, sagt: "Na, Liebe hasch mitgnomme und Gefühle. Mir sind wie Wahlverwandte für den Kerle."
Sie sind beide hart im Nehmen, körperlich fit und zuständig für schwere Fälle, für die härteren der harten Jungs, die man in heile Familien steckt, damit sie wieder klar- kommen im Leben. Sebastian frisierte Mofas, fuhr Auto ohne Führerschein, sammelte Delikte an über die Jahre, wurde schließlich mit Rauschgift erwischt, das hat ihn in den Knast gebracht, seit zwei Monaten ist er wieder frei. Jetzt jobbt er als Gabelstaplerfahrer und schlägt sich so durch. Aber er kommt fast jeden Tag zu Besuch oder ruft an. Drei Jahre lebte er bei den Lechners, die ihn nicht aufgeben wollten, die hartnäckig blieben, trotz aller Eskapaden, und eigentlich weiß er jetzt erst, seit der langen Trennung und dem Knast, wie sehr er seine Gastfamilie braucht.
In diesem gediegenen Wohnzimmer erzählt er von der Wut, die ihn packt, wenn ihm jemand dumm kommt, etwas sagt gegen Italiener, gegen Ausländer. Da sieht er rot, da schlägt er zu, "willsch 'n Problem, kriegsch 'n Problem, halt dei Gosch oder 's scheppert!" Legt sich an mit jedem, sogar mit dem Wärter im Knast. Aber das passiere jetzt nicht mehr so oft, sagt Sebastian, er habe sich jetzt viel besser im Griff.
Er knöpft sich Kevin* vor, das derzeitige Gastkind der Lechners, der sitzt auch mit am Tisch, 15-jährig und sichtlich beeindruckt von dem wilden Bruder. Sebastian nennt Namen von Jugendgerichtshelfern, die okay seien, von Anwälten, wenn doch mal was passiere. Er sagt: "Wenn ich wiederkomm, hasch dir 'n Praktikum besorgt. Du musch dei Leben auf d' Reihe kriege, net ein Scheiß nach 'm andere mache wie ich. Und wehe, du tusch der Hermi was an, des überlebsch net!"
Gerettet, so einigermaßen jedenfalls, haben Sebastian die Geduld und die Zuwendung seiner Gastmutter, seiner Mama. Auch wenn es ein wenig gedauert hat, bis er das begriff. Gerettet hat ihn die Familie.
Die Lechners sind keine Missionare; ihre Ansagen sind autoritär, aber sie kommen locker rüber, sie lachen gern. Wenn die Jungs nachts zu spät nach Hause kommen, ist die Tür verschlossen, sie müssen klingeln und kriegen Ärger. Wenn sie ein Mädchen mitbringen, müssen sie es wenigstens vorstellen. Lechners erziehen diese Kuckuckskinder, wie sie ihre drei eigenen erzogen haben, die längst aus dem Haus und auch keine Engel sind. Sie muten ihnen einiges zu, "oberklare Leitplanken", wie sie das nennen, also strenge Regeln, Bett- und Essenszeiten, Umgangsformen. Und die Vergangenheit scheint vergangen, sogar, wie es aussieht, für Sebastian.
Der Junge war ein Jumega-Kind. "Junge Menschen in Gastfamilien" ist ein Jugendhilfe-Projekt von Arkade, einem gemeinnützigen Verein im oberschwäbischen Ravensburg, der die Familie als letztes Rezept verschreibt für schwererziehbare, gewalttätige, kriminelle Jugendliche. Für hoffnungslose Fälle, die schon überall waren, in Heimen, in der Psychiatrie, im Jugendknast. Es klingt simpel und hausgemacht, dieses Rezept, und das ist es auch.
Seit zehn Jahren haben Jumega-Leiterin Barbara Roth und 18 Mitarbeiter eine Vision: Sie glauben, dass Kinder trotz Armut, Gewalt oder Verwahrlosung zu lebenstüchtigen, zufriedenen Menschen heranwachsen können. Dann nämlich, wenn es in ihrem Leben mindestens einen gebe, der an sie glaubt. Es muss kein Verwandter sein, auch nicht ständig anwesend, ein Lehrer vielleicht, ein Pfarrer, ein Trainer, einer, der das Kind stark macht für Lebenskrisen. Resilienz nennt das die Wissenschaft, Gedeihen unter widrigen Umständen. Vor zwei Jahren hat Jumega bereits die zweite Zweigstelle eröffnet, jetzt hofft das Team, sein Gastfamilienkonzept auch in anderen Bundesländern auf den Weg zu bringen.
Aber warum soll ausgerechnet Familie die Lösung sein, wo Familie doch so oft der Grund dafür ist, dass Kinder krank und gewalttätig werden? "Weil Familien Gefüge aus Rollen und Regeln sind, sie werden gegründet, um Leben gelingen zu lassen", sagt Barbara Roth. "In Millionen deutschen Familien geht das gut, wir wären schön blöd, wenn wir diese Ressource nicht nutzen würden."
Hier in Ravensburg kamen sie auf die Idee, im Süden Deutschlands, nahe dem Bodensee. Ravensburg, das sind knapp 50 000 Einwohner, mittelalterliche Stadtmauern, kopfsteingepflasterte Plätze, weltberühmt durch "Ravensburger", den Spiele-Verlag, wo man sich seit 120 Jahren Gedanken macht, was der Jugend gefallen könnte, "Malefiz" wurde hier erfunden, "Memory", Tausende Puzzles, "Sagaland".
Familie, was heißt das heute? "Eine Menge, da sind wir flexibel", sagen die Sozialarbeiter, sie sitzen in einem Büro in der Altstadt von Ravensburg, unter bunten Ölbildern, in der Ecke ein Tischkicker, auch hier wird viel gelacht. "Die unperfekten Familien sind eigentlich die perfekten", sagen sie. Familien, die erfahren haben, was Scheitern ist, die Trennungen überwunden haben, Verluste, Schicksalsschläge. Zu ihren Stammfamilien zählen eine russische Aussiedlerfamilie, ein schwuler Mann mit Freund und Reiterhof, eine Zirkusfamilie im Wohnwagen, jede Menge alleinerziehende Mütter, ein mehrfach Vorbestrafter, ein Disco-Besitzer. Und viele Bauernfamilien natürlich, die ganz normalen, die bodenständigen, die wissen, wo es langgeht im Leben.
Das Jugendamt schickt die Kinder. Meist sind es die klassischen Drehtürpatienten, die scheinbar austherapierten Fälle. Kinder mit Drogenerfahrungen, die Hyperaktiven, die Misshandelten. Die mit der stillen, selbstzerstörerischen Wut. Die, die heute schwererziehbar sind, später kriminell. Sie sind zwischen 10 und 16 Jahre alt, bleiben sechs Monate bis zwei, ausnahmsweise auch mal drei Jahre. Betreut werden sie von Sozialarbeitern und Pädagogen der Jumega, die wählen die Gastfamilien aus, besuchen sie einmal pro Woche, erreichbar sind sie rund um die Uhr.
Inseriert wird in Zeitungen oder landwirtschaftlichen Fachblättern. "Die anspruchsvolle Aufgabe", steht da, "wird entsprechend honoriert." 1400 Euro im Monat bekommen Gasteltern pro Kind, für Kost und Logis und ein Einzelzimmer. Das ist viel Geld für die Familien, ein Anreiz, aber keine Entschädigung für den Zeitaufwand, für die Verantwortung und die Sorgen. Dieser Satz ist unschlagbar günstig, billiger als ein Platz im Kinderheim, in der Psychiatrie oder im Knast.
Das ist auch der Grund, warum Jumega wächst. In den vergangenen zwei Jahren wurden fast so viele Kinder vermittelt wie in den gesamten acht Jahren davor, 305 Kinder insgesamt. Das Jugendamt scheint zufrieden, und neulich rief Christian Pfeiffer, Deutschlands bekanntester Kriminologe, an und wollte Details wissen. Weil der Mieter seines Hauses auf der Schwäbischen Alb darum bat, ein Zimmer ausbauen zu dürfen, für Gastkinder von Jumega. Ein paar Wochen später saß Pfeiffer bei Anne Will in der Talkshow, lobte das Projekt, und die anderen Gäste lobten Erziehungscamps und Warnschussarrest. Es war Wahlkampf in Hessen, es ging darum, wie man reagieren sollte auf Verwahrlosung und Gewalt.
* Die Namen der Jugendlichen sind von der Redaktion geändert.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
© DER SPIEGEL 7/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH