AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 7/2008
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Jugendgewalt Wo die wilden Kerle wohnen

3. Teil: Lernen, mit Worten zu streiten

Selma, auch sie türkischer Abstammung, ist so ein Kind, dessen Mutter hilflos zusah, wie das Leben der Tochter aus dem Ruder lief. Einer Tochter, der schließlich keiner mehr eine Chance gab, weil sie gewalttätig war und wild.

Selma ist gerade 15 geworden, sie sieht aus wie 18, ein hübsches Mädchen, immer wild entschlossen - nur vergisst sie meist, wozu.

Eine Begegnung mit ihr ist wie ein Pokerspiel: Wie nah lässt sie einen heran, wann blufft sie, wann plant sie die nächste Attacke?

Zur Begrüßung reicht sie artig die Hand, Minuten später rotzt sie auf den Boden und fragt: "Ey, haste mal 'ne Kippe?" Sie trägt bauchfrei und Push-up-BH, auf der strassbesetzten Gürtelschnalle steht ihr Name. Sie flirtet mit jedem Schaufenster, in dem sich ihre zierliche Gestalt spiegelt, mit jedem Jungen, der des Weges kommt. Ihr Körper sagt: Hier bin ich, nimm mich. Ihr Mundwerk spricht eine andere Sprache: "Hau ab, Kanak!" Selma sagt, sie finde sich "voll gestört" und kurz darauf, "bin schon 'ne Süße, nä?"

Sie sagt, sie wolle mal Friseurin werden oder ein Buch schreiben über ihr "verkacktes Leben".

Als Selma acht war, begann sie zu rauchen, mit neun den ersten Joint, nahm Koks, trank Alkohol, hatte früh Sex. War selten zu Hause, zog mit ihrer Mädchen-Gang durch Augsburg. Hatte nur drei Dinge im Kopf: Straße, Stress, Schlägereien. Deutsche kannte sie kaum, nur die Polizei. Ärger wegen Schwarzfahren, Betrug, Anzeigen wegen Körperverletzung.

Ihre Betreuerin von Jumega findet sie "voll nervig, weil die so verständnisvoll tut und eh nix checkt". Selma sei zerrissen im inneren Chaos, sagt ihre Betreuerin, das verdränge sie mit Coolness und Aggression. Sie brauche einen "Schutzraum, in dem sie nachreifen kann".

Heute kommt ihre Mutter zu Besuch, zum ersten Mal. Selma holt sie vom Bahnhof ab, eine blasse Frau mit strähnigem Haar, 37 Jahre alt. Sie haben sich zwei Monate nicht gesehen, seit Selmas Umzug nach Ravensburg nicht mehr, sie wollen wieder warm werden miteinander bei Tee und Nudelsuppe im China-Imbiss. Selma fragt: "Wie warst du denn so früher, als es mich noch nicht gab, als ich noch ein geiler Gedanke war?" Die Mutter sagt, eigentlich wollte sie Erzieherin werden, aber sie begriff, dass sie keine Ahnung hatte, wie das geht: Kinder großziehen. Sie bekam drei Töchter, die erste, als sie so alt war wie Selma heute.

Selma sagt, sie war ein Papakind. Wenn wieder Drogenfahnder vor der Tür standen, versteckte sie das Heroin ihres Vaters im Schulranzen, sagte nichts, wenn er ihre Spardose aufbrach. Saß mal im Bus mit einer Freundin, ihr Vater stieg dazu, lallend, pöbelnd. Ihre Freundin fragte: "Kennst du den?" "Nö", sagte Selma, "nie gesehen."

Eines Morgens, da war sie zehn, hockte sie neben ihrem Vater, stupste ihn an, er rührte sich nicht, war schon kalt, gestorben an einer Überdosis.

Mit elf rastete Selma aus. Es ging um Kontaktlinsen. Sie wollte grüne, die Mutter sagte, kommt nicht in Frage. Selma griff zum Küchenmesser und ging auf sie los. Sie kam in die Psychiatrie, dort blieb sie vier Monate. Als die Ärzte nicht mehr wussten, was sie mit ihr anstellen sollten, vermittelte das Jugendamt sie an Jumega. Selma schlägt jetzt die Hände vors Gesicht, weint. Minuten später hebt sie den Kopf, sagt "Scheiße, egal, keine Ahnung" und korrigiert ihr verheultes Make-up im Taschenspiegel.

Sie nimmt ihre Mutter mit zu ihrer neuen Familie, zu Petra Ludwig und ihrem Mann Ali, Bar-Besitzer, unangepasst. Er Kosovo-Albaner, ehemaliger Fußballtrainer. Sie stammt aus Chemnitz, hat zwei erwachsene Söhne und lebt seit der Wende im Westen, "als Entwicklungshelferin".

Selma sagt, sie findet Petra und Ali cool, "die passen voll gut zu mir, nä?" Davor lebte sie bei strenggläubigen Türken, auch eine Jumega-Gastfamilie, ihre Mutter hatte sich das so sehr gewünscht. Selma sollte lernen, wie man betet und was im Koran steht. "War nicht so mein Ding", sagt Selma über diese Zeit, "ich glaub, ich bin eher weltlich." Zu ihren neuen Gasteltern sagt sie oft: "Ich will nicht so werden wie ihr, ich bin kültüriell anders." Die Ludwigs lassen ihr viele Freiheiten, sie wollen, dass sie bleibt, sie kämpfen jeden Tag um sie, auch wenn das manchmal weh tut.

"Mama zieh dich warm an. Und hock nicht so viel vor der Glotze mit Papa."

Selma zeigt ihrer Mutter ihr Zimmer, "schön aufgeräumt, nä?", und öffnet dann grinsend den Schrank, in den sie am Morgen Klamotten und Schulkram gestopft hat. Sie setzen sich aufs Sofa im Wohnzimmer. Alle paar Minuten klingelt eins von Selmas drei Handys, sie raucht die peinliche Stille weg und feilt an ihren Nägeln. Es geht darum, dass Selma die Schule schwänzt, 8. Klasse Hauptschule. Es geht um ihre Zukunft und um geklaute Turnschuhe.

"Hallo?", sagt Petra Ludwig. "Das wird Konsequenzen haben, mein Fräulein!"

"Echt?", fragt Selma, und man gewinnt den Eindruck, als fände sie das gar nicht so übel.

Sie pustet die Haare aus der Stirn, sagt: "Ich klau ja nur, weil ihr mir nie genug Geld gebt, alle anderen kriegen mehr!"

"Halleluja, Baby", ruft Petra Ludwig, "merkst du nicht, dass du auch uns damit in die Scheiße reitest? Wenn du wenigstens dumm wärst, dann würd ich ja sagen, in Ordnung. Aber du bist nun mal schlau, was soll also dieses blöde, blonde Getue?"

Selma schweigt. Sie muss lernen, mit Worten zu streiten, nicht mit Fäusten. Ihre leibliche Mutter sitzt dabei, auch sie schweigt, aber erleichtert wirkt sie doch.

Später an diesem Abend steht Selmas Gastvater hinter dem Tresen in der "Sport-Bar". Er ist als Kriegswaise in einem Heim in Pristina aufgewachsen. Er sagt: "Wir müssen Selma vermitteln, dass es andere Werte gibt als Handys und schicke Turnschuhe." Manchmal denke er, in Deutschland gebe es von allem zu viel, zu viel Freiheit, zu viel Verlockung, zu viele Sozialarbeiter. "Es geht auch ohne, auch aus mir ist was geworden."

Sebastian, der Junge mit der Knasterfahrung, steht ein paar Tage später an der Uferpromenade von Überlingen, dort wohnt er jetzt, und blickt über den Bodensee. Zeigt in Richtung Schweiz, zeigt Konstanz, zieht sein Handy aus der Jeans und sagt: "Boa ey, Wahnsinn! Was Schöneres gibt's net. Ich ruf die Mama an."

Ben, der Punk in der Doppelhaushälfte, diskutiert leicht erregt mit seinem Gastvater. "Ommm", sagt der, "entspann dich." Ben sagt, "du hast mir gar nichts zu sagen, ich bin ja jetzt Klassensprecher." "Wer hätte das gedacht", sagt der Vater, "sogar in diesem Kerl steckt ein guter Kern."

Murat, in Dürmentingen, setzt sich an den Esstisch der Hönigs, steckt ein Bild, das der Schulfotograf von ihm gemacht hat, in einen Umschlag und schreibt ein paar Zeilen an seine Mutter: "Mama zieh dich warm an weil ich will nicht mehr hören das du wieder Krank bist. Und hock nicht so viel vor der Glotze mit Papa. Gut besserung. Euer Murat." 

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