AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 7/2008
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11.02.2008
 

TV-Shows

Denn sie wissen, was sie tun

Von Henryk M. Broder

"Deutschland sucht den Superstar" ist kein Grund, den Untergang des Abendlandes heranwehen zu sehen - im Gegenteil: Die RTL-Castingshow ist ein unterhaltsames Fanal jener Selbstüberschätzung, die eine Gesellschaft durchaus benötigt.

Die Mutter aller deutschen Castingshows ist hart, aber herzlich - und total erfolglos gewesen.

Sie startete 1981 im öffentlich-rechtlichen dritten Programm des Norddeutschen Rundfunks (NDR). Paul Kuhn war der Moderator. In der Jury saßen Karl Dall, Elisabeth Volkmann und Carlo von Tiedemann. Die Teilnehmer waren unbekannte Talente, die mit Hilfe der "Gong-Show" bekannt werden wollten.

Das Format hatte seinen Namen deshalb, weil Nieten von der Jury gelegentlich mitten in der Darbietung weggegongt wurden. Wer seinen Akt zu Ende bringen durfte, wurde immerhin benotet. Und wer am Ende die meisten Punkte hatte, bekam eine Trophäe als Andenken. Das war's.

Nach nur vier Folgen wurde die "Gong-Show" abgesetzt und tauchte 1992 im damals noch sehr pubertären Privatfernsehen von RTL wieder auf, moderiert von Götz Alsmann. Zu den Juroren gehörten unter anderen Wigald Boning und Ingolf Lück. Die Kandidaten waren, wie schon beim NDR, ambitionierte Amateure. Unvergessen der Auftritt einer jungen Frau, die "Oh mein Papa" sang - im Kopfstand, ohne dass ihr das lange Kleid über den Kopf rutschte.

Die Parade der Dilettanten lief spätabends, war in Wohngemeinschaften ein Hit, hatte aber auch bei RTL schlechte Quoten. Sogar ihr Ende blieb weitgehend unbemerkt, ähnlich wie der dritte Aufguss, den Sat.1 zehn Jahre später noch einmal probierte.

Das alles war lediglich eine müde Ouvertüre zu "Deutschland sucht den Superstar" ("DSDS") mit Chefjuror Dieter Bohlen, der 1981, als alles anfing, gerade mal 27 Jahre alt war und als Produzent die Band "The Teens" betreute. Die ist inzwischen spurlos im Abgrund der Popmusik verschwunden, während Bohlen eine Karriere gemacht hat, die ihm nicht einmal ein bestochener Wahrsager prophezeit hätte.

Seinen Durchmarsch zum Erfolg hat er vor allem zwei Tugenden zu verdanken: einem Riecher für den Massengeschmack, den er gnadenlos mit musikalischen Grausamkeiten ("Cheri Cheri Lady") bedient, und einem nicht vorhandenen Peinlichkeits-Gen, das es ihm ermöglicht, immer das zu sagen, was er gerade denkt, auch wenn er mal nichts denkt, ohne sich um etwaige Folgen zu kümmern.

Im Showbusiness, das auf Opportunismus und Verlogenheit basiert, ist das eine extrem seltene und deswegen sympathisch anmutende Eigenart.

So kommt nun bei "DSDS" zusammen, was zusammengehört: ein alternder Pop-Proll mit der Weisheit gefühlter 150 Jahre Jugend-, Musik- und vor allem Boulevarderfahrung. Und Zehntausende Teenager, bei deren Stimmchen selbst stressresistente Wanderratten glatt zerplatzen - und die vor allem eines gemeinsam haben: ihr kaum noch zu überbietendes Maß an Selbstüberschätzung, deren Bedeutung für jede Gesellschaft aber gar nicht hoch genug veranschlagt werden kann.

Denn gerade diese Selbstüberschätzung ist eine extrem produktive Haltung, ja letztlich der Motor jedes Fortschritts überhaupt.

Von Gutenberg bis Bill Gates, von Luther bis Lassalle, von Marco Polo über Humboldt bis zu Steve Fossett, Realisten treten immer auf der Stelle, Phantasten kommen voran - oder stürzen ab. Und natürlich stürzen die meisten ab, auch bei "DSDS".

Dabei schafft es der Zeremonienmeister Bohlen, sich immer wieder selbst zu toppen. Kaum hat er einem "DSDS"-Kandidaten bescheinigt, "Scheiße zu singen ist auch 'ne Begabung", fällt ihm zu einem anderen Kandidaten ein noch deftigeres Kompliment ein: "Das klingt, als wenn sie dir den Arsch zugenäht haben."

Solche Sätze sind es, mit denen er sich den Vorwurf der "Menschenverachtung" hart erarbeitet hat. Freilich geht die Klage am Kern der Sache vorbei: "DSDS" ist keine Selbsthilfegruppe für Legastheniker, die man nur liebevoll auf ihre Rechtschreibfehler hinweisen darf, damit sie nicht verschreckt reagieren. Es ist ein Spiel, dessen erste und einzige Regel lautet: "Survival of the fittest".

Folglich kommt es nicht nur auf ein wie immer definiertes musikalisches "Talent" an, sondern noch mehr auf Originalität, Selbstvertrauen und Durchsetzungsvermögen; Eigenschaften, die in der Welt der Wirtschaft, der Wissenschaft und selbst der Kultur heute von jedem verlangt werden, der was werden möchte. Im Sport sowieso. Alle übrigen können ja bei Attac oder Greenpeace als ehrenamtliche Helfer anheuern.

Obwohl also die Voraussetzungen klar sind und kein Kandidat unter Androhung oder Anwendung körperlicher Gewalt in den Ausleseprozess getrieben wird, hagelt es nun Abscheu und Empörung. Der Deutsche Kulturrat, von dem man auf Anhieb nicht sagen kann, was er sonst so macht, fordert bereits Maßnahmen gegen die RTL-Verantwortlichen, nachdem einer der Kandidaten, Raymund R., vor laufender Kamera zusammenklappt war.

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insgesamt 114 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
13.02.2008 von chrimi: Geisteshaltungen

[QUOTE=kleinbürger;1943739] Vielleicht nicht über die journalistische Qualifikation von Broder, aber doch über seine Vorliebe für Bohlen. Denn was ist DSDS anderes als Pornografie für Sozialdarwinisten? mehr...

13.02.2008 von DochDannKamAsti: .

Der Schwachsinn der von Privatsendern zunehmend verbreitet wird hat das gleiche Niveau wie die Bildzeitung. Beides ist sicherlich nicht der Untergang des Abendlandes, beschleunigt ihn allerdings durchaus erheblich. Herrn Broders [...] mehr...

12.02.2008 von fred2007: Zeugnis besser ablegen

Nein, es ist folgendermaßen: Diejenigen, die sich im Bereich Kunst und freier künstlerischer Entfaltung auf Zeugnisse verlassen oder sich darauf berufen, haben von vorn herein verloren. In jeder Beziehung: Sei es auf Akademien [...] mehr...

12.02.2008 von camemberta: Nunja

Liebe Elisabeth, da hat aber Fred2007 einfach Recht mit seiner Folgerung, dass die meisten dieser Kandidaten wirklich ALLES machen würden, um ja mal ins Gespräch zu kommen. Entweder, weil sie es wirklich nicht umreißen oder weil [...] mehr...

12.02.2008 von camemberta: Höflichkeit?

Es wird also gefordert, den Losern von DSDS mit mehr Takt zu begegnen. Im ersten Moment ein sehr menschliches Ansinnen - doch die Wirklichkeit IST nicht taktvoll. Da können Hartz-4-Empfänger, die meisten Rentnerinnen, über [...] mehr...

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