Wirtschaft


AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 7/2008
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Altersvorsorge Die Hungerrentner von morgen

2. Teil: Angst vor Altersarmut breitet sich aus wie eine Epidemie

Die Politik hat in der Tat kräftig mitgewirkt am Aufschwung solcher flexiblen, aber fragilen Erwerbsformen. Sie seien "politisch gewollt und finanziell gefördert" worden, bemerkt Uwe Fachinger, Ökonom an der Hochschule Vechta, doch dabei werde ausgeblendet, dass sie "die sozialen Sicherungssysteme vor besondere Herausforderungen stellen". Mit anderen Worten: Eine spätere Politikergeneration wird es ausbaden müssen, dass ihre Vorgänger solche Jobs unzureichend abgesichert haben.

Kaum weniger schädlich wirken sich die Reformen aus, die ausgerechnet den unteren Stufen der Einkommensskala weitere Einbußen bescheren. Konnten Arbeitslose früher ihre Rentenansprüche während der Jobsuche annähernd wahren, hat die Regierung nun die Beiträge zusammengestrichen, die sie für sie abführt. Ein Arbeitslosengeld-II-Empfänger steigert sein Ruhegeld pro Jahr um lächerliche 2,19 Euro.

Kein Wunder, dass sich die Angst vor Altersarmut derzeit wie eine Epidemie ausbreitet, nicht nur unter Billigjobbern. Sandra Schmidt, 37, Verkäuferin in einem Supermarkt in Bramsche, verdient 1200 Euro netto, das ist ganz ordentlich für ihre Branche. Ihr Lebensabend scheint gesichert, entnimmt sie zumindest ihrer Renteninformation. Geht sie mit 67 in den Ruhestand, bekommt sie rund 1015 Euro Rente, steht dort. Beruhigt hat sie die Auskunft dennoch nicht.

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Damit die Prognose eintrifft, müsste sie noch drei Jahrzehnte weiterarbeiten, dann hätte sie fast 50 Jahre gerackert. "Schwer vorstellbar" sei das, sagt sie, zumal sich die Arbeitswelt im Einzelhandel rasant verändert: Von den 50 Kollegen in ihrem Supermarkt arbeiten nur noch 16 Vollzeit, eine einzige ist älter als 50 Jahre. Setzt ihr Arbeitgeber sie auf Teilzeit oder wird sie erwerbsunfähig, würde ihr Rentenanspruch rasch auf Hartz-IV-Niveau zusammenschnurren. Wo das Normalarbeitsverhältnis zur Ausnahme wird, entwickelt sich Altersarmut zur Regel.

Was zu tun wäre, sei ihr "vom Kopf her klar", sagt Schmidt. Neulich erst habe es ihr ein Versicherungsvertreter vorgerechnet. 120 Euro müsste sie monatlich in eine Riester-Rente investieren, dann würde ihr der Staat rund 60 Euro zuschießen. Nur, woher, bitte, soll sie das Geld nehmen? Sie wohnt in einer billigen 55-Quadratmeter-Dachwohnung. Das Auto teilt sie sich mit zwei Bekannten. Und was sie im Monat übrig hat, braucht sie, um ihre alleinerziehende Schwester zu unterstützen. "Mein Opa hat sich noch auf die Rente gefreut", sagt sie, "wir haben Angst davor."

Mit diesem Gefühl lässt sich Geld verdienen. Die Banken nutzen die Furcht vor späterer Verarmung neuerdings als wichtige Argumentationshilfe, um ihre Anlageprodukte zu verkaufen. Sie haben die tatsächlich Bedürftigen, Leute wie die Supermarktangestellte Schmidt, dabei freilich nicht im Sinn. Die Finanzinstitute zielen eher auf die Mittel- und Oberschicht, auf Kunden also, die solvent genug sind, über Jahre hinweg ein paar hundert Euro pro Monat auf die Seite zu legen.

Wohin die Entwicklung führt, lässt sich unschwer erkennen: Die künftige Altenrepublik Deutschland wird eine Drittel-Gesellschaft sein. Ein Drittel der Rentner verfügt über die gesetzliche Rente, eine betriebliche Absicherung, Sparvermögen und Immobilienbesitz: Sie haben ausgesorgt. Das zweite Drittel wird mit der gesetzlichen Rente und etwas Erspartem mit Müh und Not über die Runden kommen. Das letzte Drittel aber wird seinen Lebensabend in mehr als bescheidenden Verhältnissen fristen: Sie bleiben ausgegrenzt.

Mag sein, dass manche aus den Problemgruppen noch etwas in der Hinterhand haben - eine Erbschaft etwa oder das Vermögen des Partners -, das sie im Alter finanziell unabhängig macht. Doch nur für einen kleinen Teil der Bevölkerung wird der Traum von spätem Reichtum wahr, der Rest bleibt in der Armutsfalle gefangen.

Jeder Achte in Deutschland muss mit höchstens 60 Prozent des mittleren Durchschnittslohns zurechtkommen, bei Singles sind das weniger als 781 Euro verfügbares Einkommen im Monat. Die Niedrigverdiener von heute werden die Hungerrentner von morgen sein, sofern die Politik nicht doch noch einen Ausweg findet.

Seit einigen Wochen werden in Berlin verschiedene Konzepte diskutiert. Sie haben eines gemein: Alle weisen beträchtliche Risiken und Nebenwirkungen auf.

Das gilt beispielsweise für den Vorschlag des Wirtschaftsweisen Bert Rürup, niedrige Altersgelder durch steuerfinanzierte Zuschüsse aufzustocken, allerdings nur für Arbeitnehmer, die 35 Jahre eingezahlt haben. Diese Finanzhilfe könnte zwar manchen Kleinrentner über die Armutsschwelle hieven, zugleich ruft sie aber neue Ungerechtigkeiten hervor. Wer etwa mit seinen Altersbezügen knapp oberhalb der Zuschussgrenze liegt, geht leer aus.

Auf ähnliche Bedenken stößt die Idee des CDU-Sozialexperten Peter Weiß zur Reform der Riester-Rente. Damit Arbeitnehmer nicht vergebens fürs Alter vorsorgen, will der Christdemokrat die private Zusatzvorsorge zumindest teilweise vor dem Zugriff des Staates bewahren. Wer im Alter auf Grundsicherung angewiesen ist, soll wenigstens die Hälfte seiner Riester-Rente behalten dürfen. So will Weiß verhindern, dass Geringverdiener aus Angst vor späteren Verlusten überhaupt nicht privat vorsorgen.

Doch der Vorstoß wirft Fragen auf: Warum werden Riester-Verträge geschützt, nicht aber private Wertpapierdepots? Vor allem: Warum sollen sie besser behandelt werden als die gesetzliche Rente, die weiter voll auf die Grundsicherung angerechnet wird? Die CDU-Führung hat das Konzept ihres Sozialexperten vorerst einmal zu den Akten gelegt.

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Kaum besser sind die Aussichten für die Gewerkschaftsforderung nach einer allgemeinen Erwerbstätigenversicherung. Demnach sollten alle Beschäftigten, auch Selbständige, in die Rentenkasse einzahlen. Doch auch der Gewerkschaftsvorschlag stößt auf Vorbehalte, nicht zuletzt bei jenen, denen er eigentlich zugutekommen soll. Viele Selbständige wollen nicht in die Staatsversicherung gezwungen werden, sie sorgen lieber privat vor. Andere warnen, dass sie sich Rentenbeiträge von fast 20 Prozent in den ersten Geschäftsjahren schlicht nicht leisten könnten.

So groß sind die Tücken der Konzepte, dass nicht wenige Experten einen echten Systemwechsel favorisieren: die Einführung einer steuerfinanzierten Grundrente, auf die keine Privatvorsorge angerechnet wird. Dann würde die Allgemeinheit für die Basisversorgung aufkommen, für den Rest müsste jeder selbst sorgen.

An einer solchen Debatte freilich haben die Parteiführer von SPD und Union derzeit kein Interesse. Zu präsent sind noch die quälenden Konflikte um die rot-grünen Rentenreformen und die Agenda 2010, einen neuen Prinzipienstreit um den Sozialstaatsumbau wollen sie vermeiden. Eine weitere Rentenreform, signalisiert das Kanzleramt, sei frühestens "Gegenstand der nächsten Legislaturperiode".

So lange kann nicht jeder warten. Dieter Zimmermann, 69, hat einen anderen Weg gefunden, um seinen Lebensstandard im Alter zu wahren. Er ist dorthin gezogen, wo er mehr für sein knappes Geld bekommt.

Voriges Jahr packte der ehemalige Mitarbeiter der einstigen US-Fluggesellschaft TWA die Umzugskisten und zog von der Taunus-Gemeinde Oberursel ins sächsische Görlitz, direkt an die polnische Grenze. Städte wie Görlitz oder Leipzig werben gezielt um West-Rentner und organisieren eigens für sie Infoveranstaltungen.

Nun kann sich Zimmermann eine Wohnung in einer Gründerzeitvilla leisten, vorher lebte er im Hochhaus. Der Rentner fühlt sich wohl in seiner neuen Heimat: "Hier kann ich mir auch mal ein schönes Essen im Restaurant gönnen." Und zum Einkaufen fährt er manchmal hinüber nach Polen. Dort ist vieles noch mal billiger.

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