Dass Gymnasiasten meist 13 Jahre lang in die Schule gehen, war Angela Kasner egal. Sie erwarb schon nach 12 Jahren ihre Hochschulreife - und fand das ganz normal.
Mühe mit der Schule hat die Schülerin aus dem brandenburgischen Templin ohnehin nie: In Englisch war sie stets die Beste; in Deutsch tat sich Kasner nur mit den Aufsätzen manchmal schwer. In Mathe trat sie für ihre Schule sogar bei der Rechen-Olympiade an, und im Russisch-Unterricht störte sie nur, dass ihr "r" wegen der Zahnspange nicht so recht rollen wollte.
Mit glatter Eins bestand "Kasi", so ihr Spitzname, das Abitur - nicht einmal ihre Schwächen in Kunst und Sport änderten etwas daran. Später studierte Kasner Physik, trat der CDU bei und wurde - unter dem Namen ihres ersten Ehemanns Ulrich Merkel - Bundeskanzlerin.
Heute liegt Angela Merkel mit ihrem Zwölf-Jahre-Abitur voll im Trend. Denn in der DDR gab es nie einen Zweifel: Zwölf Jahre Schule sind genug - wie vielerorts auf der Welt. In der Bundesrepublik hingegen war ein 13. Schuljahr Pflicht für Gymnasiasten.
Inzwischen ist auch im Westen Schluss damit. Früher, besser, schneller lernen: So heißt, angesichts des internationalen Wettbewerbs, die Devise im Deutschland nach dem Pisa-Schock. Fast alle Bundesländer haben die Schulzeit am Gymnasium von neun auf acht Jahre verkürzt. "G8" lautet das Schlagwort der Bildungspolitik. Gedacht war es als Formel für den schnellen Weg ins Leben - doch binnen kurzem ist es verkommen zum neuen Synonym für die bundesdeutsche Bildungsmisere.
Denn im Reformrausch stutzten die Kultusminister zwar die Schulzeit - Stoff und Stundenzahl blieben jedoch gleich. Was Unter- und Mittelstufler zuvor in sechs Jahren lernten, wird nun in fünf gezwängt. Die lieben Kleinen sind nun - in jeder Hinsicht - früher fertig. Die Folge: Nachmittagsunterricht schon für Zehnjährige, Hausaufgaben bis zum Abendbrot, Vokabeln pauken am Wochenende.
Sportvereine und Musikschulen jammern über rückläufige Anmeldezahlen - den gestressten Pennälern fehlt schlicht die Zeit. "Unsere zwölfjährige Tochter kommt, einschließlich Hausaufgaben und Üben für die Arbeiten, oft auf über 50 Stunden pro Woche. Das ist ja schlimmer als bei manch einem Erwachsenen", klagt die Berlinerin Veronika Csizi. Da sprach der TV-Moderator und zweifache Vater Reinhold Beckmann vielen genervten Eltern aus der Seele: "Das neue System stiehlt den Schülern die Kindheit."
Von den 15 Kindern, die Clara, 13, aus Hünfelden in Hessen zu ihrem Geburtstag eingeladen hatte, blieb die Hälfte weg. Schuld ist in den Augen ihrer Mutter eindeutig die G8-Reform: "Die meisten sagten: ,Nein, wir haben doch zwei Arbeiten nächste Woche.' Ist das nicht erschreckend?" An Claras Gymnasium, berichtet Mutter Angela Ottersbach, gab es bis vor kurzem noch ein Orchester mit 30 kleinen Streichern. Nach der Einführung von G8 schrumpfte die Truppe im Nu auf kümmerliche 8.
Und nach dem Schulabschluss droht das nächste Ungemach: Wer das Turbo-Abi geschafft hat, muss auch noch um einen Platz im Hörsaal bangen. Denn durch die G8-Reformen strömen in einem Jahr gleich zwei Abi-Jahrgänge an die Unis. Besonders voll dürfte es zwischen 2010 und 2012 werden, wenn in Bayern, Baden-Württemberg, Berlin und Nordrhein-Westfalen die Gymnasien ihre Doppeljahrgänge entlassen.
Zwar sichert der Hochschulpakt den Unis zur Bewältigung des Ansturms fürs Erste eine Milliarde Euro zusätzlich zu; genügen wird das jedoch kaum. Mindestens sechs Milliarden Euro würden benötigt, um "das zu erwartende Abiturientenhoch auch zu einem Absolventenhoch zu machen", hat das Gütersloher Centrum für Hochschulentwicklung ausgerechnet.
All das schürt Unmut, der sich in handfesten Wahlschlappen entladen kann. Das haben Politiker spätestens bei der Hessen-Wahl erfahren müssen. Regierungschef Roland Koch (CDU), der seit seiner Niederlage Ende Januar ums politische Überleben ringt, hatte auf eine krawallige Jugendkriminalitäts-Kampagne gesetzt.
Doch mehr noch als kriminelle Migranten fürchteten Hessens Wähler offenbar die Schulreformen von Kochs Bildungsministerin Karin Wolff. In einer Forsa-Umfrage kürten die Befragten die Bildungs- und Schulpolitik zum wichtigsten Wahlkampfthema - und ausgerechnet da trauten selbst CDU-Anhänger der Koch-Regierung nicht viel zu.
Besonders am Projekt G8 entzündeten sich die Proteste. Kaum eine Schule war auf das neue Turbo-Abi vorbereitet, viele konnten ihren Schülern nicht einmal ein warmes Mittagessen bieten, geschweige denn passendes Unterrichtsmaterial oder Hausaufgabenbetreuung.
Selbst der konservative Philologenverband kündigte der Koch-Regierung beim Turbo-Abi die Gefolgschaft: Wolffs Reform sei "Hokuspokus", polterte der Landesvorsitzende des Gymnasiallehrerbundes, Knud Dittmann. Zu guter Letzt kostete das G8-Gezerre die Ministerin ihr Amt: Am vorigen Mittwoch erklärte Wolff ihren Rücktritt.
Nun geht unter Kochs Parteifreunden in Hamburg und Bayern die Angst um, dass es ihnen bei den anstehenden Wahlen ähnlich gehen könnte. "Es ist ein heikles Manöver, sich die Gymnasialeltern zu Gegnern zu machen", warnt der Dortmunder Schulforscher Ernst Rösner.
Das weiß auch Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust, der sich an diesem Sonntag der Wahl stellen muss. Denn in der Hansestadt ächzen die Schüler ebenfalls unter der Last eines verdichteten Stundenplans. In ihrer Not schlug Schulsenatorin Alexandra Dinges-Dierig (CDU) vor, ein paar Schulstunden auf den Samstag auszulagern - und erntete wütenden Protest. Im wohlhabenden Stadtteil Volksdorf kam ein Schulleiter gar auf die Idee, Zehntklässler für samstägliche Mathestunden zur Kasse zu bitten - fünf Euro pro Schüler sei für Nachhilfe doch nicht zu viel.
Hastiger noch als in Hamburg oder Hessen wurde G8 im leistungsbewussten Bayern durchgepeitscht. Immer wieder hatte der damalige Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) vor der Landtagswahl 2003 beteuert, am neunjährigen Gymnasium wolle niemand rütteln. Doch kaum hatte er im Parlament die Zweidrittelmehrheit errungen, ordnete Stoiber die Schulzeitverkürzung an - und zwar im Eiltempo. "Nirgends ist G8 so dilettantisch eingeführt worden wie in Bayern", schimpfte Josef Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbands.
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Ich habe auch in Sachsen Abitur gemacht und hatte genügend Zeit früh Sport und Freunde. mehr...
Unterforderung hat nichts mit Vokabeln pauken zu tun. Mein eigener Sohn kam aus der absoluten Unterforderung an der Grundschule ans Gym: Wo er goldrichtig ist. Aber, nachdem man ihn an der Grundschule geparkt hatte (der kann [...] mehr...
Ich hatte das Vergnügen, ABI-Ausbildung zu genießen. Die meisten meiner Kollegen, die sitzen geblieben waren, taten das in der 11 Klasse. Wieso? Weil diese Klassen weder zu der ABI-Note zählen, noch zu Realschulreife. [...] mehr...
Das könnte allenfalls für soche Personen gelten, die auf dem Gymnasium nichts verloren haben. Den zahlreichen unterforderten Schülern macht das nichts aus. mehr...
Sehe ich ähnlich - ich habe mein Abitur in 12 Jahren gemacht (wie schon immer in Sachsen üblich) und muss sagen, dass ich noch genug Zeit für (Leistungs-)Sport und Freizeit hatte. Sicher gab es zwischenzeitlich stressige [...] mehr...
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