Von Matthias Matussek
Wer hätte gedacht, dass die Talkrunde "Fluch und Segen der 68er" noch einmal so hübsch auf Touren kommen würde. Noch einmal in diesem Jubiläumsjahr die Flugblätter und Theorien und Höhenräusche der Generationenkohorte, die jetzt aufs Altenteil zusteuert. Man sieht es mit leiser Wehmut, denn der gegenwärtige sogenannte Linksrutsch kommt so trostlos und komplett theoriefrei daher, und das Geschäft des "Aufstands" - egal, gegen was - wird mittlerweile fast vollständig von Hollywood-Celebrities besorgt.
Es gibt zu 1968, das - Segen und Fluch - als deutsches Durchbruchsjahr in die Moderne gilt, die unterschiedlichsten Stimmen und Verarbeitungsstrategien: den leidenschaftlichen Revisionismus von Gerd Koenen ("Das rote Jahrzehnt"), den ideologiefreien Recherche-und-Scoop-Journalismus von Stefan Aust ("Der Baader-Meinhof-Komplex") oder die hartnäckige Archiv-Krabbelei von Wolfgang Kraushaar ("Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus").
Ein gutes Dutzend Bücher zur roten Dekade erscheint jetzt, darunter die hinreißend erzählte Sex-Pop-Gangster-Geschichte der Zwillinge Jutta Winkelmann und Gisela Getty.
Zunächst aber Götz Aly, der ohne jeden Popsong auskommt, sondern die Debatte eher schmallippig weiterdreht, dafür aber dahin, wo es richtig weh tut.
In "Unser Kampf" verabscheut Aly die 68er radikaler als alle vorherigen Revisionisten zusammen*. Doch nicht nur das. Er rührt tiefer. Er berührt den Nerv. Und der Nerv ist auch im neuen Millennium noch reizbar: der Nazi-Vergleich.
"Unser Kampf" wählt bewusst die Anspielung auf Hitlers Schrift. Waren die 68er Wiedergänger der Nazis? Darum wird er sich drehen, der neue Historikerstreit.
Historiker Aly, 60, hatte bereits mit dem Buch "Hitlers Volksstaat" Provokationssicherheit auf dem deutschen Reizfeld schlechthin bewiesen. Er behauptete, der Holocaust sei verübt worden, um an jüdischen Besitz heranzukommen. These: Die Deutschen sind eher Raubmörder als Antisemiten. Das umstrittene Buch war ein Bestseller, und auch das neue wird aufwühlen. "Unser Kampf" verspricht im Untertitel "einen irritierten Blick zurück", was irreführend ist, denn irritationsloser und kälter kann kein Blick ruhen. Es ist die Abrechnung eines Hardliners mit Hardlinern, mit jenen also, wie er selbst einer war.
Götz Aly war Mitglied der Roten Zellen und Aktivist der terrornahen Roten Hilfe. Immer wieder, spärlich, irrlichtert ein "ich", ein "wir" über die Seiten, etwa wenn die "Schweinejagd" auf missliebige Professoren oder eine Geldwäsche-Aktion gestreift wird. Doch in erster Linie beugt sich Aly über andere.
Und das ist ein böses, ein funkelndes Vergnügen. Das Namensregister dieses Buchs wird quietschend durchforstet werden. Alle sind vertreten. Antje Vollmer mit ihren kaderkommunistischen Tiraden, der "Erbschleicher" (und heutige "Welt"-Chefredakteur) Thomas Schmid oder der frühe gewaltbesoffene Wolf Biermann.
Einer taucht öfter in Alys Scheinwerferkegel auf: Peter Schneider. Der Schriftsteller ist der mal infantile, mal zynische Sänger der Revolte, der Mann mit den tödlichen Gedichten à la: "Der Stein, den wir auf die amerikanische Botschaft werfen / ist so viel Wert wie eine Flugzeugrakete in Vietnam".
Allerdings: Nachdem die Politik abgetropft ist, lässt sich der schöne Surrealismus solcher Gedichte nicht übersehen. Und der Zufall und das Jubiläumsjahr wollen es, dass gleichzeitig mit Aly in der anderen Ringecke ebendieser Schneider steht, mit einer eigenen linken Schwergewichts-Bio, mit eigener Rückschau unter dem Gürtel**. Vor einem Jahr trafen die beiden im Apo-Archiv zufällig aufeinander. Schneider sagte: "Du also auch", Aly sagte: "Dann treten wir wohl gegeneinander an."
Peter Schneider setzt auf Personal History, auf die Erfahrung und die Liebe und den Wahn, wie sie ihm von seinen frühen Tagebucheinträgen zugespielt werden. Aly meidet genau das. Er verlässt sich auf das Sichten der Akten. Schneider ist der Poet, Aly der Ankläger.
In vielem sind sie sich einig. Schneider würde Aly zustimmen in der Ablehnung der wehleidig "Staatsknete" einklagenden Verdrusskultur mit ihrem "Sentimentalstalinismus", die auf 68 folgte. All diese Subventionslinken mit ihrem "Parasitenstolz" und ihrer "selbstsüchtigen Schläue", all die, die gelernt haben, auf Arbeitslosenstütze zu wechseln, wenn es opportun war, und "Richtung Toskana zu verduften".
Geile Zeiten übrigens damals, als man sich die Toskana noch mit seiner Arbeitslosenhilfe leisten konnte.
Aly evoziert das Kreuzberger Grauen der siebziger Jahre mit gekonnten Strichen: das Leila-Chalid-Poster mit der Kalaschnikow, Doppelbett aus dem Alternativ-Studio "Holzwurm" und die Graffiti: "High sein, frei sein, Terror muss dabei sein". Ein juste milieu von Egomanen, die sich an die Omertà halten, den "Schweigekodex unter den Ehemaligen" darüber, wer den "Bauchschuss auf den 62-jährigen Bibliotheksangestellten Georg Linke abgegeben hat".
Müsste eigentlich mal gebrochen werden, dieses Schweigen, Frau Generalbundesanwältin Harms!
** Peter Schneider: "Rebellion und Wahn". Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 368 Seiten; 18,95 Euro. Erscheint am 27. Februar.
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Die Bezeichnung "Apo-Göbbles" für Rudi Dutschke finde ich gar nicht so abwegig. Wenn mal die O-Töne und -bilder mit seinem Gebrüll - um nicht zu sagen Gepöbel - von ihm hört und sieht, drängt sich Vergleich doch [...] mehr...
Auf diese Frage erwartet wohl niemand eine sinnvolle Antwort. Am ehesten würde es wohl "weder-noch" treffen; aber im Grunde ist die Antwort ohnehin ohne Belang, da die Frage sowieso nur dazu dient, eine der üblichen [...] mehr...
Das, was Sie da beschreiben, sind Überflusserscheinungen, also Spätfolgen der 80er und 90er, nach dem Motto 'Lerne Klagen ohne zu Leiden' und hat mit 68 nun aber auch gar nichts zu tun. Bitte etwas genauer hingucken! Aber zu [...] mehr...
Was bleibt von den 68ern? Werden Sie, Herr Götz Aly im Interview gefragt. Sie antworten: Ich finde, dass man die 68er-Revolte endlich historisch einordnen und dann auch die Debatte beenden sollte. Die Reformen der Großen [...] mehr...
es ist ja schon irgendwie köstlich für was die 68iger alles herhalten sollen. wenn man genauer hinschaut so sieht man, ist die unterschicht in die oberschicht eingewandert oder umgekehrt? für welche 50% staatsquote sind die [...] mehr...
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