Von Andrea Brandt, Rafaela von Bredow und Merlind Theile
Halbe Sachen sind nicht Christa Müllers Ding. Als sie noch berufstätig war, damals im vergangenen Jahrhundert, ging sie ganz in ihrer Arbeit auf. Als Ökonomin wirkte sie in den Sozialausschüssen der EG, sie verfasste Wirtschaftsgutachten und schrieb mit ihrem Mann Oskar Lafontaine ein Buch über die Globalisierung.
Doch dann bekam Christa Müller ein Kind.
"Es gibt nichts, wofür ich mich von meinem Sohn trenne", schwärmte sie nun. Also gab sie ihren Beruf auf und stürzte sich in die neue Berufung: Die Vollblut-Mutter kämpft seither fürs Kindeswohl.
Wann immer Carl-Maurice, inzwischen elf, seine Mutter entbehren kann, bringt Müller, 51, ihre Botschaft unters Volk, zuletzt auch wieder zwischen Buchdeckeln. "Dein Kind will Dich" heißt ihr neues Werk, es ist eine Streitschrift fürs Mutterglück und gegen den "Zwang zur Fremdbetreuung". Selbst den Vergleich zur grausamen Beschneidung afrikanischer Mädchen scheut Müller nicht: "Bei der Genitalverstümmelung handelt es sich um Körperverletzung, bei der Krippenbetreuung in einigen Fällen um seelische Verletzung - und die ist manchmal schlimmer als Körperverletzung."
Mit ihren Ansichten steht Christa Müller in einer langen Tradition. "Mütter, ich kann euch den Weg zu euerer Bestimmung erleichtern", schrieb schon der Schweizer Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi vor 200 Jahren.
Viel mehr als die Väter sind Mütter für ihre Kinder da; erst recht in den ersten drei Jahren - so weit scheint sich die Mehrheit einig zu sein. Konsens liegt allerdings in weiter Ferne, wenn es darum geht, wie weit Mama sich entfernen darf vom Babybett. Und vor allem: wie lange. Muss sie ihr Kleines rund um die Uhr betüddeln? Reicht es, wenn sie ihm den Feierabend widmet? Oder entfremdet das den Nachwuchs, wie es der Augsburger Bischof Walter Mixa im Fall der Bundesfamilienministerin unterstellt, die selbst siebenfache Mutter ist? "Es könnte sein", so Mixa kürzlich auf einer Podiumsdiskussion, "dass Frau von der Leyen gar nicht diese tiefe Mutterbeziehung zu ihren Kindern hat, weil diese von Ammen erzogen wurden."
Es wird oft persönlich im Streit, der um den Krippenausbau tobt. Seit die CDU-Ministerin Ursula von der Leyen verkündet hat, dass ab diesem Jahr bis 2013 bundesweit 500.000 neue Betreuungsplätze für unter Dreijährige geschaffen werden sollen, zanken sich Experten und solche, die es gern wären, um die eine Frage, die über Wohl und Weh eines Kindes bestimme: Mama oder Krippe?
Auch in der Politik schwelt dieser Streit weiter, trotz des beschlossenen Krippenausbaus. Die Konservativen tragen ihn zwar mit, doch am langgehegten Rollenbild der Vollzeitmutter wollen sie dennoch festhalten - also kein Geld für Krippenplätze ohne Bonus für die traditionelle Unionsklientel.
Vor allem auf Druck der CSU beschlossen die Koalitionäre vergangenen Sommer im Namen der Wahlfreiheit, die Einführung eines Betreuungsgeldes zu regeln: Mit monatlich 150 Euro könnten jene belohnt werden, die ihr Kind in den ersten drei Jahren zu Hause aufziehen - allerdings erst ab 2013.
An dieser Geldleistung, von Kritikern als "Herdprämie" geschmäht, droht nun der Krippenausbau zu scheitern. Zwar stehen in einem eigens eingerichteten Sondervermögen des Bundes schon seit Jahresbeginn 2,15 Milliarden Euro an Krippenmitteln für Länder und Kommunen bereit, doch diese Regelung ist an einen zweiten Gesetzentwurf gebunden: jenen zum Kinderförderungsgesetz. Ist dieses nicht bis Ende 2008 verabschiedet, so das Junktim,
gibt's kein Geld mehr aus dem Krippentopf.
Zurzeit hängt alles am Betreuungsgeld: Die Union will es im Kinderförderungsgesetz verankern. Die SPD will, dass es nur im Begleittext auftaucht; andernfalls droht sie, das ganze Gesetz zu kippen. SPD-Finanzminister Peer Steinbrück und seine Kabinettskollegin von der Leyen wollen noch in dieser Woche einen Kompromiss finden - doch die Fronten sind verhärtet.
Bestenfalls vordergründig geht es dabei um jene 2,7 Milliarden Euro, die das Betreuungsgeld jährlich kosten könnte. In Wahrheit geht es um Ideologie: Nach wie vor stehen sich eifernde Krippengegner und höhnische Gluckenverdammer unversöhnlich gegenüber.
Christa Müller, deren Buch übrigens im Bistumsverlag von Bischof Mixa erschien, ist nur eine unter vielen Autoren, die in jüngster Zeit um die Deutungshoheit übers Kindeswohl kämpfen. In dem Werk "Mütterkriege" fragt die Krippenkritikerin Christine Brinck schon auf dem Cover bang: "Werden unsere Kinder verstaatlicht?" Nein, widerspricht Krippenfan Tanja Kuchenbecker in ihrem Buch "Gluckenmafia gegen Karrierehühner".
Eben weil sich hier jeder als Experte fühlt - selbst wenn er wie etwa Bischof Mixa nie Elternfreuden kannte -, tobt der Kulturkampf ums Kleinkindwohl so aufgeregt und hektisch wie kaum eine politische Debatte der vergangenen Jahre.
Es ist ein Glaubenskrieg.
Drei völlig verschiedene Aspekte des Umgangs mit den Kleinen werden dabei munter durcheinandergeworfen. Erstens: Wie möchte ich als Elternteil leben? Möchte ich ganztags ins Büro oder daheim sein bei meinem Kind? Diese Frage muss jeder für sich beantworten.
Zweitens: In welcher Gesellschaft möchten wir leben? Sollen Frauen und Männer gleichberechtigt am Berufsleben teilnehmen? Müsste der Staat mehr Mittel in die Kinderbetreuung investieren? Wenn ja: Wie viel ist ihm die wert? Diese Fragen müssen politisch entschieden werden.
Schließlich drittens: Was eigentlich ist gut fürs Kind? Schadet ihm die stundenlange Trennung von der Mutter? Fördert gar umgekehrt die Krippe seine soziale Entwicklung? Hier ist die Wissenschaft gefragt.
Schwer ist es, die ideologische Tünche wegzuwischen, mit der beide Lager ihre Argumente eingefärbt haben. Beide berufen sich aufs Kindeswohl, beide zitieren wissenschaftliche Studien. In Wahrheit aber stecken meist andere Motive dahinter: Jeder möchte sein eigenes Lebensmodell rechtfertigen, jeder für seine Vorstellung einer idealen Gesellschaft werben.
Die Ratlosen sind die Eltern. Mütter, die ihr Kind eben noch ganz unbesorgt betreuen ließen, beginnen plötzlich zu zweifeln: Ist mein Kind wirklich bestmöglich versorgt? Sollte ich doch den Job hinschmeißen? Was, wenn die Krippengegner recht haben?
Bin ich eine Rabenmutter?
Frauen wiederum, die ihre Berufstätigkeit um des Kindes willen aufgegeben haben, fragen sich: Wird es mir mein Kind am Ende überhaupt danken? Wird es mir nicht später vorwerfen, dass ich mich nicht um mich selbst gekümmert habe?
Bin ich eine Glucke?
Kein Zweifel: Mit ihrer Großoffensive in der Krippenfrage befördert die Familienministerin einen gesellschaftlichen Umbau. Und manch einer fürchtet Schreckliches: "Es dauert drei Jahre, bis Kinder wissen, wo sie hingehören", meint etwa die schwedische Bestsellerautorin Anna Wahlgren. "Wenn man sie zu früh von der Familie trennt, riskiert man, dass sie Aliens werden, die nicht wissen, wo ihr Platz ist." In der Kita lauere Gefahr: "Dort regiert das Gesetz des Dschungels. Die schwächeren Kinder haben keine Chance."
Die 82-jährige Kinderpsychotherapeutin Christa Meves, auch sie eine vokabelstarke Wortführerin der Krippengegner, glaubt sogar, dass sich die engen Bande von Mutter und Nachwuchs schon weit früher knüpfen als bisher gedacht. Zwecks störungsfreier Hirnreifung des Fötus, findet sie, sollte die Schwangere schon ab dem zweiten Monat in den Mutterschutz gehen - das erst erlaube es, "der Natur wirkungsvoll nachzulauschen".
Erbittert prangert Meves eine "Ideologie der Entmutterung" an, der Nachwuchs leide unter einer "Denaturierung der frühen Lebensjahre". Die bibelfromme Buchautorin prophezeit eine grässliche Zukunft: Die "Dressur in Massenpflegung" werde Heerscharen bindungsgestörter Kinder produzieren, die unter "Schizoidie, Panikattacken, Borderline-Not und anderem seelischen Elend" leiden werden. Weitere mögliche Spätschäden des Krippenbesuchs: Depressionen, Fettleibigkeit, Magersucht, Alkoholismus, Kriminalität.
Das mag drastisch übertrieben sein. Doch was, wenn Meves' Schreckensvision auch nur ein Körnchen Wahrheit enthielte?
Ein Blick ins Ausland hilft, die Sorgen zu zerstreuen. Bei den Nachbarn der Deutschen, in Dänemark etwa oder in Frankreich, grassiert keineswegs die innere Zersetzung, obwohl dort seit langem die Betreuung kleiner Kinder außerhalb der Kernfamilie nicht nur geduldet, sondern ausdrücklich begrüßt wird. Den Eltern geht es gut damit - und den Kleinen augenscheinlich auch.
Lucia, 5, Victoria, 3, und Claudius, 1, wirken, wie man sich Kinder wünscht: fröhlich, wissbegierig, aufgeweckt. Die drei blonden Sprösslinge der Deutschen Kristin Abel, 35, und ihres Mannes Gernot, 41, wachsen in Kopenhagen auf; seit dem Krabbelalter werden sie werktags außer Haus betreut.
Abends herrscht in der hellen Altbauwohnung der fünfköpfigen Familie dann das ganz normale Alltagschaos: Lucia fordert Aufmerksamkeit für ihr neues Computerspiel, Victoria türmt Bauklötze aufeinander, Bruder Claudius kullert sich übers Wohnzimmerparkett. Inmitten des Trubels ruht auf dem Sofa Kristin Abel und sagt: "Wären wir in Deutschland geblieben, wäre ich heute bestimmt keine dreifache Mutter."
In Westdeutschland, von wo das damals noch kinderlose Akademikerpaar vor zehn Jahren wegzog, müsste sich Kristin Abel heute damit abfinden, dass gerade mal acht Prozent der unter Dreijährigen eine Krippe besuchen. In Dänemark hingegen ist die Regel, was in Deutschland die Ausnahme ist: 87 Prozent der Ein- und Zweijährigen werden außerfamiliär betreut, im Schnitt sieben Stunden täglich.
Die Krippe verändert nicht nur den Alltag der Kinder - sie erlaubt komplett andere Familienarrangements. So teilt sich Ehepaar Abel alle häuslichen Aufgaben, wie es in Dänemark unter Doppelverdienern üblich ist. Beide Abels arbeiten in der Biotech-Forschung. Papa Gernot bringt seine beiden Töchter und den kleinen Sohn morgens mit dem Lastenfahrrad in die Kita. Mama Kristin holt sie am späten Nachmittag nach Feierabend wieder ab.
"Das deutsche Modell des Alleinverdieners würde mich total stressen", sagt Vater Abel. Auch die Säuglingsbetreuung teilten er und seine Frau unter sich auf, bei Victoria und ihrem Bruder nahm der Vater jeweils einige Monate Elternzeit, ohne Angst vor dem Karriereknick: "Mein Arbeitgeber hat das sehr begrüßt."
Dabei sahen die Abels anfangs die dänische Krippenbetreuung durchaus skeptisch. "Aber wir haben gemerkt, dass wir bloß mit ideologischem Ballast beladen waren", sagt Gernot Abel. "Den sind wir hier ganz schnell losgeworden."
Da ist er wieder, der Ideologie-Vorwurf, den sich Feind und Freund der Krippe wechselseitig machen. Wer ihn ausräumen will, wer wissen will, wie viel Mama das Kind wirklich braucht, der muss die Wissenschaft befragen: die Entwicklungspsychologen, Frühpädagogen und Ethnologen.
Im Verlauf der vergangenen vier Jahrzehnte haben die Forscher ein enormes Konvolut von Experimenten, Studien und Umfragen zur Kinderbetreuung und zur Mutterbindung zusammengetragen. Es lohnt sich nachzusehen, was übrig bleibt, nachdem fortschreitende Erkenntnis den Ideologiefilz Stück für Stück weggeschnippelt hat.
"Den wichtigsten Einfluss auf die Kita-Forschung hatte bisher die Bindungstheorie", erklärt Lieselotte Ahnert, Entwicklungspsychologin von der Uni Köln, eine quirlige Schnelldenkerin, die ihre Karriere in den berüchtigten Kinderkrippen der DDR begonnen hat und daher weiß, wo Wissenschaft aufhört und Ideologie beginnt.
Die Theorie, von der sie spricht, geht davon aus, dass die Bindung des Kindes zur Mutter das Fundament seiner Persönlichkeitsentwicklung ist. Mitbegründet hat sie der britische Arzt und Psychoanalytiker John Bowlby in den sechziger Jahren. Beeinflusst durch Verhaltensforscher wie Konrad Lorenz, kam Bowlby auf die Idee, dass Menschenkinder, ähnlich wie Tierjunge, geboren werden mit einem Verhaltensprogramm, das darauf ausgerichtet ist, sich auf einen Erwachsenen zu fixieren. Dessen Fürsorglichkeit versucht das Kind zu wecken, denn nur so kann es das eigene Überleben sichern.
Im Fall des unglaublich unreif geborenen Nesthockers Homo sapiens sieht das Programm
ungefähr so aus: Kulleraugen und Stupsnäschen plus Quengeln, Gurren und Lächeln - das ist die Mischung, mit der das Baby seinen süßen Zwang ausübt. Diese Reize treiben Mutter wie Vater trotz nervenzehrendem Schlafentzug zu aufopferungsvoller Säuglingspflege.
Das Baby belohnt die Mühe mit tiefem Urvertrauen: Im Alter von vier Monaten schon lässt es sich selbst aus der Ferne von der vertrautesten Person in seinem Leben trösten - und meistens ist dies eben Mama: Erklingt ihre Stimme, schwingt der Boden im vertrauten Rhythmus ihrer Schritte, dann stellen die Kleinen prompt das Weinen ein, schon bevor die Mutter das Bettchen überhaupt erreicht. Nummer zwei oder drei auf der Beliebtheitsliste des kleinen Schreihalses hingegen muss das Kind erst hochnehmen oder ihm den Schnuller geben, ehe es sich beruhigt.
Im zweiten Lebenshalbjahr fangen die Säuglinge dann ganz offen an zu fremdeln. Aktiv versuchen sie, sich den Zudringlichkeiten Unbekannter zu entziehen. Die Mutter ist jetzt Schutzburg; zu ihr krabbeln sie im Eiltempo zurück, wenn die fremde Frau ihnen übers Köpfchen streicheln will. Erst wenn sich das Baby wieder sicher fühlt, wagt es, die Welt weiter zu erkunden. Ein Kind in der Krippe hingegen, fern vom Mamahafen, so fürchten die Bindungsforscher, bleibt furchtsam im Eckchen hocken.
Klar, sagen die Babypsychologen, auch zu Oma, Tante oder Papa entwickeln Kinder enge Beziehungen. Diese sogenannten Helfer am Nest seien sogar herzlich willkommen. "Bis zu drei Personen können so vertraut sein, dass sie über ein kleines Unglück hinwegtrösten dürfen", erklärt die Regensburger Bindungsforscherin Karin Grossmann. "Aber wenn das Kind krank ist, müde oder zahnt, muss es die am häufigsten anwesende Person sein."
Kleinkinder, so die Erkenntnis aller Bindungsforschung, brauchen ihre Mutter. "Aber deshalb muss die Krippe noch nicht des Teufels sein, wenn man sich dort fürsorglich kümmert", schränkt die Kölner Psychologin Ahnert ein.
Bemerkenswert differenziert scheinen selbst kleinste Kinder zwischen Mama und anderen zu unterscheiden. Dies gilt auch und gerade für ihre Betreuerin in der Krippe. "Die sind ja keine Waisen, die bei einem Erzieherwechsel eine Ersatzmutter verlieren", erklärt Ahnert. Die Kleinen erwarteten gar keinen Mutterklon. "Sie sehen die Erzieherin eher als Spielpartner."
Nimmt man diesen feinen Unterschied zur Kenntnis, entweicht der ideologischen Krippendebatte die ganze Luft. Keine Erzieherin soll und wird jemals eine Mutter ersetzen, keine Krippe an die Stelle der Familie rücken. In der Hauptsache geht es darum, Kinder werktags einige Stunden lang bestmöglich zu betreuen, zu fördern und die Eltern zu entlasten, indem sie qualifizierte Unterstützer an die Hand bekommen.
Es geht nicht um "entweder oder", sondern um "sowohl als auch".
Ohnehin sehen sich die Bindungsforscher angesichts neuer Ergebnisse aus den Säuglingslabors gezwungen, manch eine ihrer Vorstellungen von der sozialen Reifung zu revidieren. Offenbar, so müssen sie nun einsehen, haben sie ihre kleinen Probanden unterschätzt.
Mit raffinierten Methoden gelingt es Entwicklungspsychologen inzwischen, den Babys Antworten zu entlocken, längst ehe diese zu sprechen beginnen. Und dabei zeigt sich: Säuglinge sind weitaus schlauer als lange gedacht. Keineswegs erscheint ihnen die Welt nur als "blühende, summende Verwirrung", wie noch der amerikanische Psychologe William James (1842 bis 1910) meinte.
Schon von drei Monaten an wissen die Kleinen, dass etwas existiert, auch wenn es aus ihrem Blickfeld verschwunden ist. "Das heißt, sie können begreifen, dass ihre Mutter noch da ist, auch wenn sie sie gerade nicht sehen", sagt Forscherin Ahnert. Lange dachten die Psychologen, die "Aus den Augen, aus dem Sinn"-Phase dauere volle acht Monate.
"Einmal aufgebaut, bleibt die Bindung erhalten, auch wenn zwischendurch eine andere Person das Kind betreut", erklärt Ahnert. Wie stabil die Mutter-Kind-Bande sind, hänge dabei nicht so sehr von der bloßen Zeit ab, die beide miteinander verbringen. Weitaus wichtiger sei das innere Bild von der Beziehung, das sich beim Kind herausbildet. "Die Frage ist: Wie wird Intimität gelebt?", erklärt Ahnert.
"Feinfühligkeit" heißt die Forderung der Bindungsforscher an die Erziehungsberechtigten: Wer prompt und angemessen
auf Babys Quäken und Blicke, auf sein Kreischen und Lächeln reagiert, wird seinen Nachwuchs sicher an sich binden.
Aber wie wichtig ist die Sicherheit der Bindung überhaupt? Weit weniger, so wissen die Forscher inzwischen, als lange gedacht. Eine gestörte Bindung hat nämlich keineswegs immer lebenslang schwerwiegende Folgen. "Das Bindungssystem ist erstaunlich flexibel", sagt Ahnert. Gleich vier Längsschnittstudien zeigten: Wie innig oder kühl das Kind mit seinen Eltern verbandelt ist, hat verblüffend geringe Auswirkungen darauf, wie innig oder kühl sich dessen späteres Liebesleben gestaltet.
"Der Muttermythos der letzten 50 Jahre beruht auf der überholten Annahme, dass allein die sichere Bindung zur Mutter die entscheidende Basis für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung des Kindes ist", resümiert Remo Largo, Kinderarzt in der Schweiz und Autor der elterlichen Standardlektüre "Babyjahre".
Heidi Keller, Kleinkindforscherin am Niedersächsischen Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung in Osnabrück, das gerade erst vorige Woche seine Arbeit aufgenommen hat, findet die Bindungstheorie sogar "gefährlich", weil sie "den Eindruck erweckt, man wisse, was das Beste für die Kinder ist". Ungeduldig schüttelt sie den Kopf. Zu viele Kinder anderer Länder hat sie gesehen, zu viele Mütter afrikanischer Clans und indischer Familien gesprochen, um noch ans Credo der Bindungsforschung glauben zu können. "Das ist eine westliche Mittelschichtsphilosophie", sagt Keller knurrig.
Der "Mutterinstinkt" sei weder instinktiv, noch sei er allen Müttern eigen - zu diesem Schluss kam, nach umfangreichen Recherchen, auch die amerikanische Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy in "Mutter Natur", ihrem Standardwerk zur Soziobiologie der Mutter-Kind-Beziehung.
"Die Frage nach dem universalen, natürlichen Verhalten der Mutter ist schlicht falsch gestellt", meint Psychologin Keller. "Wenn man sich eine afrikanische Bäuerin anguckt, die acht Kinder geboren und davon zwei oder drei verloren hat, und daneben die deutsche Frau Doktor stellt, die mit 36 ihr erstes Kind bekommt - wie kann man da annehmen, dass es ein Rezept für alle gibt?"
Kellers These: "Es gibt nicht das eine natürliche Muster. Es gibt Anpassungsstrategien." Und diese können sich von Land zu Land extrem unterscheiden: "Was in der einen Kultur adaptiv ist, gilt in der anderen als pathologisch."
Tatsächlich ist das mütterliche Betreuungsmonopol, wie es in Deutschland praktiziert wird, weltweit die Ausnahme. "Wenn sich nur Kinder gut entwickeln würden, die in den ersten Jahren an ihrer Mutter kleben, dann wären die Kinder der Hausfrauen in den reichen Industrienationen die ersten und einzigen normalen Menschen auf der Erde", spottet der amerikanische Gelehrte Jared Diamond.
In der gesamten Menschheitsgeschichte sei die Erziehung ganz anders gelaufen: "Die meisten Kinder wurden in einem Netz von Tanten, Onkeln und Freunden erzogen, das hat unsere Spezies geprägt."
Bis heute werden Kinder in jedem Volk anders großgezogen. "Und all die verschiedenen Betreuungsmodelle in der Welt generieren glückliche Menschen", sagt Heidi Keller. Das kann nur heißen: Es ist die Kultur, die darüber bestimmt, wie der Mensch umgeht mit seinen Babys. So gesehen ist jede als Anpassung entstandene Betreuungsform "natürlich". Denn die Kultur ist die Natur des Menschen.
Die Üppigkeit an Varianten der Kinderbetreuung hat bei Keller eine zentrale Erkenntnis reifen lassen: "Die Mutter weiß in der Regel, was gut ist fürs Kind" - zumindest wenn sie nicht verwirrt ist durch Stillbücher, Einschlaftipps und Spielplatzgespräche mit Müttern, die wieder andere Ratgeber gelesen haben.
Nirgends wird beispielsweise die kognitive Entwicklung als so wichtig erachtet wie in den westlichen Industrienationen. Deshalb, so Keller, sei es nicht erstaunlich, dass hier die sprachliche Entwicklung besonders flott vonstatten geht: "Niemand labert seine Kinder so zu wie wir."
Andererseits verstauen westliche Eltern ihre Säuglinge in Kinderwagen und Babyschalen, anstatt sie auf dem Leib zu tragen. Ohne sich dessen bewusst zu sein, bereiten sie ihren Nachwuchs damit vor auf eine Welt, in der Individualität und Autonomie mehr zählen als das Verschmelzen mit der Gemeinschaft.
Das heißt, die Eltern packen es automatisch richtig an - richtig im Sinne von: angepasst an die Kultur, in der das Kind aufwachsen
wird. So wird es fit für die spezielle Ökologie seiner direkten Umgebung - eine beruhigende These in der deutschen Krippendebatte.
Wenn sich aber folglich die Sorge um die Mutterbindung im Licht der Forschung als unberechtigt erweist, dann fragt sich, was denn bleibt von den Befürchtungen der Krippengegner. Wirkt sich der tägliche Umgang mit Erziehern und Altersgenossen in der Krippe gar nicht auf die langfristige Entwicklung eines Kindes aus?
Diese Frage zu beantworten, hat sich die empirische Sozialforschung zum Ziel gesetzt. Zwar ist es ausgesprochen schwierig, aus der Fülle der Einflüsse, die auf kleine Kinder einwirken, denjenigen der Krippe zu destillieren. Die Forscher schaffen es trotzdem, denn sie verfügen über ein höchst wirksames Mittel: das Gesetz der großen Zahl.
In verschiedenen Studien haben sie, vor allem in den USA, den Lebenslauf vieler tausend Kinder verfolgt und nach Auffälligkeiten von Krippenbesuchern gesucht. Vor allem eine zentrale Erkenntnis förderten sie dabei zutage: Die Krippe schadet Kindern nicht. Die von Christa Meves beschworene Krise der Entmutterung bleibt wohl aus.
"Mir ist kein seriöses Ergebnis in der Literatur bekannt, das belegen würde, dass Krippenbetreuung gegenüber dem Leben bei Mama zu Hause irgendwelche nachteiligen Effekte hätte", konstatiert der Persönlichkeitspsychologe Jens Asendorpf von der Humboldt-Universität in Berlin. Im Gegenteil: Kinder aus schwierigen familiären Verhältnissen, auch das ist deutlich belegt, profitieren von der Krippe.
"Schätzungsweise 10 bis 20 Prozent der Kinder in Deutschland kommen aus Elternhäusern, die sozial in irgendeiner Weise benachteiligt sind", sagt der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Tietze, "etwa durch Arbeitslosigkeit, mangelnde Deutschkenntnisse, einen sehr niedrigen Bildungsgrad oder Suchtkrankheiten. Für diese Kinder ist jedes außerfamiliäre Betreuungsangebot ein Segen."
Ebendeshalb fürchten viele Experten das von der Union geforderte Betreuungsgeld: Gerade unter den Eltern der förderbedürftigen Kinder dürfte die Versuchung besonders groß sein, mit den 150 Euro die Haushaltskasse aufzubessern, statt ihr Kind in die Krippe zu geben. Auch die Bundesfamilienministerin zählte ursprünglich zu den Kritikern der "Herdprämie". "Mit dem Betreuungsgeld verstärken wir den Teufelskreis, in dem Kinder, die von zu Hause keine Chance auf frühe Bildung, gute Sprache, wenig Fernsehen, viel Bewegung haben, vom Kindergartenbesuch ausgeschlossen werden", sagte von der Leyen noch im Sommer in einem SPIEGEL-Streitgespräch (31/2007).
Nach massiver Kritik aus den eigenen Reihen hält sie inzwischen still. Doch das Beispiel Thüringen zeigt, wie berechtigt ihre Befürchtungen sein könnten.
Das östliche Bundesland zahlt Eltern von Zweijährigen, die keine Krippe beanspruchen, bereits seit Juli 2006 mindestens 150 Euro im Monat. Prompt sank die Zahl der Zweijährigen in den Kitas. Nach Einschätzung von Thomas Rauschenbach, Leiter des Deutschen Jugendinstituts, nehmen vor allem die ärmeren Familien die Leistung in Anspruch. Dabei "wollen wir gerade diese Kinder erreichen, da sie von guten Krippen am meisten profitieren".
Denn besser als schon im Windelalter stundenlang vor der Glotze deponiert zu werden, ist eine Krippe allemal. Auch Kinder depressiver Mütter können es genießen, wenn sie ein paar Stündchen in lebendiger Atmosphäre singen oder Bilderbücher gucken dürfen. Migrantenkindern wiederum erleichtert die Krippe einen Start in die Zweisprachigkeit.
Für Kinder wie den zweijährigen Baran aus Gelsenkirchen kann sich der ganze Lebensweg verändern, wenn sich Kita-Fachleute ihrer schon im Brabbelalter annehmen. Beim "offenen Babytreff" in der Turnhalle der Tagesstätte Ovellackerweg sitzt der kleine türkische Junge auf dem Schoß seiner Mutter und betrachtet seit fünf Minuten ein Bilderbuch. Ein großer Fortschritt, sagt die Heilerzieherin Beate Seemann. Noch vor ein paar Monaten sei das Kerlchen viel zu zappelig dafür gewesen. Sie vermittelte Baran und seine Familie an eine Erziehungsberatungsstelle und in eine Spieltherapie. "Wenn wir nicht früh eingegriffen hätten, wäre er heute stark verhaltensauffällig", sagt Seemann.
So kann die Krippe als Frühwarnsystem funktionieren, für Kinder, deren Eltern nicht wahrnehmen, dass die Kleinen sich auf den Weg ins Abseits gemacht haben.
Eindrucksvoll belegte die Auswertung von 17 der sogenannten Early-Head-Start-Programme in den USA den Nutzen der Krippenförderung für die sozial Schwachen. Kinder aus armen Familien, so das Ergebnis, können sich dank früher Förderung besser ausdrücken und besser konzentrieren als ihre Altersgenossen, die zu Hause aufwachsen. Sogar die emotionale Bindung der betreuten Säuglinge und Kleinkinder zu ihren Eltern erwies sich als belastbarer.
Und das amerikanische "Abecedarian Project" hat über hundert Kinder aus sozial schwachen Familien bis zu ihrem 22. Lebensjahr verglichen. Die Hälfte der Elternpaare durfte weiterhin allein über Alltag und Schicksal ihrer Kids entscheiden; die anderen Teilnehmer
kamen von Anfang an in eine Tageseinrichtung, wo Erzieher sie individuell förderten.
Die Ergebnisse sind frappierend: Von Anfang an schnitten die kontinuierlich Fremdbetreuten in den kognitiven Tests besser ab. In der Schule lasen und rechneten sie besser, absolvierten mehr Schuljahre und schafften es mit größerer Wahrscheinlichkeit aufs College. Auch seelisch geht es den Kita-Kids besser: Sie leiden seltener an Depressionen.
Bei Kindern aus Durchschnittsfamilien sind derartige Wundereffekte freilich nicht nachweisbar. Die größte Studie zum Thema, durchgeführt vom amerikanischen National Institute of Child Health and Human Development (NICHD), suchte nach langfristigen Wirkungen der Fremdbetreuung - und fand fast nichts.
Seit 1991 verfolgen die Forscher den Lebenslauf von mehr als tausend Kindern unterschiedlicher Herkunft. Ihr wichtigstes Ergebnis: Hauptsache, daheim läuft's prima. Sind die Kleinen bei Mama und Papa gut aufgehoben, entwickeln sie sich prächtig. Wie gut oder schlecht die anderen Betreuer mit ihnen umgehen, fällt im Vergleich dazu kaum ins Gewicht.
Einen positiven Befund gab es immerhin: Verglichen mit den daheim bei Mum gebliebenen Söhnchen und Töchterchen, verfügen die fremdbetreuten Kinder in der Schule über einen größeren Sprachschatz - allerdings nur, wenn die Tageseinrichtung optimale Bedingungen bietet.
Ein anderes Teilergebnis gab Anlass zur Sorge: Je mehr Zeit die Kinder in ihren ersten viereinhalb Lebensjahren in der Kita verbrachten, desto mehr Problemverhalten verzeichneten die Forscher in den ersten Schuljahren - sie waren aggressiver und aufsässiger als jene Kinder, die von Mutter, Kindermädchen oder Tagesmutter versorgt worden waren.
Die Krippengegner jubelten: Endlich hatten sie einen wissenschaftlich belegten Beweis dafür entdeckt, dass die Kita schade. "Hort der Störenfriede", triumphierte die "Welt", "Fremdbetreuung macht Kinder aggressiver", hieß es in der "FAZ".
Bei näherer Betrachtung allerdings verliert das Rabauken-Ergebnis an Bedeutung. "Die Aggressivität ist nur einer von Dutzenden Einzelaspekten, die das NICHD untersucht hat", erklärt Susanne Viernickel, Hochschullehrerin für frühkindliche Pädagogik an der Alice-Salomon-Fachhochschule in Berlin. Bei allen anderen - Aufmerksamkeitsdefizite etwa, Einnässen oder Depressionen - blieb die Untersuchung ohne Befund.
Und auch bei diesem einen Kriterium konstatiert die Kita-Spezialistin nur eine "sehr geringe Effektstärke". Die in der Studie diagnostizierte Aggressivität bewegte sich im Rahmen dessen, was gesunde Mädchen und Jungen an Wut und Renitenz in sich tragen.
Auch Jens Asendorpf winkt ab; für die Lümmel aus der frühen Dauerbetreuung hat der Berliner Psychologe eine andere Erklärung parat: "Was manchmal fehlinterpretiert wird als Aggressivität und Aufsässigkeit, ist schlicht Dominanz gegenüber Gleichaltrigen und Erziehern", meint der Forscher. Kita-Erfahrung erleichtere es eben, sich in einer neuen Gruppe durchzusetzen. "Vertrautheitseffekt" nennt Asendorpf das. Der Psychologe findet es "gefährlich", aus diesem "situationsspezifischen Effekt gleich auf chronische Aggressivität zu schließen".
Fast scheint es, als verdampften auf diese Weise alle grundsätzlichen Bedenken gegen die Krippe. Umso schwerer ist es da, den vehementen Widerstand zu erklären: Wie kann eine Überzeugung so hartnäckig den guten Erfahrungen vieler Nachbarländer und vor allem der wissenschaftlichen Erkenntnis trotzen?
Die Münchner Romanistikprofessorin Barbara Vinken hat, um diese Frage zu beantworten, die Wurzeln des Muttermythos freigelegt. Der Forscherin zufolge haben vor allem drei große Gelehrte die deutsche Supermami heraufbeschworen: Martin Luther, Jean-Jacques Rousseau und Johann Heinrich Pestalozzi.
"Denn soll man der Christenheit wieder helfen, so muss man führwahr an den Kindern anheben", schrieb Luther. Der Reformator verklärte Ehe und Familie ins Religiöse. "Die eigentliche Berufung der Frau", meint Vinken, "lag nicht mehr darin, Jungfrau und Märtyrerin, sondern Ehefrau und Mutter zu werden."
"Am meisten kommt es auf die erste Erziehung an, die unbestreitbar Sache der Frauen ist", befand auch Rousseau in seinem pädagogischen Werk "Emile". Der Philosoph verknüpfte nicht weniger als das Wohlergehen des Staates mit dem rechten Verhalten des Weibes. Den eitlen, tiefdekolletierten Pariser Damen der höfischen
Gesellschaft stellte er die neue, bürgerliche Idealmutter entgegen, die ihr Kind nicht zur Amme gab, sondern selbst stillte.
Die adlige Weiblichkeit war auch für Pestalozzi Inbegriff fehlender Mütterlichkeit. "Weltweiber" nannte der wohl einflussreichste Pädagoge des deutschen Sprachraums jene selbstsüchtigen Geschöpfe, die sich auf Bällen und in Salons tummelten, statt durch ihre Kinder "selig" und "vollendet" zu werden. Es sei nicht möglich, schrieb er, "eine Weltfrau zu sein und dabei täglich zu tun und zu leben, wie wahre Muttertreu und Muttersorgen ein frommes und gutes Weib täglich zu leben heißt".
Alle drei Reformer trennen die Welt in öffentliche und private Sphäre, und wohin das Weib gehört, ist klar: Die Frau solle zu Hause bleiben "wie der Nagel in der Wand", fand Luther. "Eine richtige Familienmutter", dekretierte Rousseau, "ist in ihrem Heim kaum weniger eingeschlossen als eine Nonne in ihrem Kloster." Und Pestalozzi sieht ihren Platz "im Heiligtum ihrer Wohnstube".
Zum Einfluss der drei Denker kommt in Deutschland hinzu, dass noch immer das Schreckgespenst der DDR-Krippe durch die Erinnerungen geistert. Dort war es Programm, den Nachwuchs im Schoß des Kollektivs groß werden zu lassen. Die Entmachtung der Eltern war gewollt.
Auf die staatliche Zwangsbeglückung aller Kinder reagierte der Westen mit der radikalen Privatisierung der Erziehung. "In der derzeitigen Krippendebatte erleben wir die Nachwehen eines Glaubenskriegs", meint Vinken.
Die Folge: Immer noch scheint in Deutschland vielerorts die totale Hingabe ans Muttersein den Frauen einen Platz im öffentlichen Leben zu verbieten. "Hierzulande glaubt eine Bankdirektorin, beim ersten Kind ihren Job an den Nagel hängen zu müssen", sagt Vinken. Alles wie zu Pestalozzis Zeiten, nur dass die Weltweiber inzwischen Rabenmütter heißen?
Nimmt man die Tatsache ernst, dass glückliche, zufriedene Eltern in der Regel auch glückliche, zufriedene Kinder haben, steht einem Ausbau der Krippenbetreuung nichts entgegen - im Gegenteil: Wer sich für die Vorteile interessiert, braucht nur über die Grenze zu blicken.
Die krippenverwöhnten Dänen etwa haben vor allem bei Kinderzahl und Müttererwerbsquote den Deutschen einiges voraus. Während die deutsche Geburtenziffer auf 1,3 Kinder pro Frau gesunken ist, liegt sie in Dänemark bei 1,8. Das FünfMillionen-Volk gehört damit zu den vermehrungsfreudigsten in der EU. Gleichzeitig sind in Dänemark die meisten Mütter berufstätig. Nach der Geburt bleiben die Frauen selten länger als ein Jahr ihrem Arbeitsplatz fern. Die Erwerbsquote von Müttern, deren jüngstes Kind unter drei ist, liegt bei über 70 Prozent.
Vier Prozent seines Bruttoinlandsprodukts gibt Dänemark für die Familien aus, fast zwei Drittel davon fließen an Kinderbetreuungsstätten. Einen Rechtsanspruch auf einen Platz in der Krippe oder bei der Tagesmutter haben Kinder in Dänemark schon ab dem neunten Lebensmonat. Selbst das dänische Kronprinzenpaar schickte letzten März seinen Stammhalter Christian in eine öffentliche Krippe; da war er gerade 17 Monate alt. "Gesellschaftlich ist es völlig akzeptiert, dass Kinder schon früh außerfamiliär betreut werden", resümiert der dänische Kultursoziologe Kim Rasmussen. "Wir wollen, dass Mütter arbeiten gehen."
Andererseits muss sich kein Vater als Wickelvolontär verspotten lassen, wenn er sich ein paar Monate um den Nachwuchs kümmert. Die Arbeitgeber sorgen gut für junge Eltern: Frauen bekommen nach der Geburt vom Arbeitgeber sechs Monate
lang das volle Gehalt, einige Unternehmen zahlen sogar ein ganzes Jahr.
Dass sich die Krippen in Dänemark so großer Beliebtheit erfreuen, liegt auch daran, dass ihre Qualität den deutschen Standard bei weitem übertrifft. "Ausstattung, Personalschlüssel und Qualifizierung der Erzieher sind besser als alles, was ich aus Deutschland kenne", erzählt Jutta Bison, die vor zwei Jahren aus ihrer deutschen Heimat nach Kopenhagen gezogen ist. "Wenn ich meinen deutschen Freundinnen erzähle, dass in der Krippe meines Sohnes auf vier Kinder eine Erzieherin kommt, kriegen die feuchte Augen."
Ein solcher Betreuungsschlüssel gilt unter Wissenschaftlern bei unter Dreijährigen als vorbildhaft. In Westdeutschland hingegen kümmert sich laut dem jüngsten Kinder- und Jugendbericht des Bundesfamilienministeriums eine Erzieherin derzeit um durchschnittlich 6,1 Krippenkinder, in den neuen Bundesländern sogar um 8,5.
Die Familienministerin hat die Qualitätsdiskussion zunächst vernachlässigt. Die zwölf Milliarden Euro, die für den Ausbau der Krippenplätze vorgesehen sind, beruhen auf Hochrechnungen der gegenwärtigen Betreuungskosten - die künftigen Plätze könnten also, wenn überhaupt, nur dieselbe Qualität haben wie die jetzigen.
Experten wie der Münchner Erziehungswissenschaftler Wassilios Fthenakis sind alarmiert. In die Betreuung der unter Dreijährigen müsse flächendeckend mehr Geld fließen, so Fthenakis - "sonst nützt das den Kindern am Ende wenig". Auch die Frankfurter Kleinkindforscherin Wiebke Wüstenberg fordert eine weitergehende Debatte: "Wir müssen dringend für einheitliche Standards kämpfen."
In puncto Betreuungsqualität tappen Eltern hierzulande meist im Dunkeln. "Von außen ist schwer zu beurteilen, wie das in einer Kita wirklich abläuft", sagt Erziehungswissenschaftler Tietze. Mangels Angebot müssen die meisten Eltern ohnehin nehmen, was sie kriegen. Zweifel daran, dass die Kinder gut versorgt sind, werden lieber verdrängt. So zeigte sich bei Umfragen, dass Eltern die Qualität der genutzten Kinderbetreuung systematisch überschätzen. "Welche Mutter gibt schon gern zu, dass ihr Kind eine grottenschlechte Einrichtung besucht?", sagt Tietze.
Noch weniger Einblick als in die Kita haben Eltern in die Arbeit von Tagesmüttern, die bei sich zu Hause betreuen. Knapp ein Drittel der neu zu schaffenden Angebote soll in diesem Bereich bereitgestellt werden - doch gerade hier ist Tietze auf eine "unglaubliche Streubreite" bei der Betreuungsqualität gestoßen. "Es gibt phantastische Tagesmütter, die den Kindern tolle Anregungen bieten", sagt Tietze. "Aber wir kennen auch genügend Beispiele am anderen Ende."
Wohnungen von "Nichtraucherinnen", die auffallend verqualmt riechen, fehlendes Kindermobiliar und ungesicherte Treppen gehören noch zu den harmloseren Fällen. "Manche Tagesmütter achten auch zu wenig auf Hygiene", berichtet Tietze. "Da leckt der Hund den Wasserkran ab, aus dem das Kind sein Trinkwasser bekommt."
Dokumentiert sind auch Beispiele von Tagesmüttern, die kaum mit den Kindern reden. Ein Extremfall kam in Hamburg vor Gericht: Die Angeklagte, eine vom Jugendamt vermittelte Tagesmutter, hatte ihren Pfleglingen einfach mit Pflaster den Mund zugeklebt.
Den Ämtern fehlt es oft an Personal, um die Zustände zu kontrollieren. Die Tagesmuttervermittlung aus öffentlicher Hand gleicht da einem Glücksspiel.
Längst hat sich ein grauer Markt etabliert. Auf 100.000 Kräfte schätzen Experten die Zahl der privat organisierten Tagesmütter. Die guten sind heiß begehrt: Verstohlen stecken sich manche Mütter auf dem Spielplatz die Telefonnummern ihrer Perlen zu.
Eine institutionelle Qualitätskontrolle bleibt auf dem grauen Markt naturgemäß aus. Doch selbst im öffentlichen Sektor fehlen einheitliche Regeln: In der Kindertagespflege kocht jedes Bundesland sein eigenes Süppchen.
"Die Debatte kreist immer um den Gegensatz Mutter versus Fremderziehung", klagt der Bindungsforscher Klaus Grossmann. "Dabei sollte die Frage lauten: Wie qualifiziert sind die Betreuer?"
Tatsächlich belegen Studien wie die britische European Child Care and Education Study von 1999, dass die Kinder sich kognitiv und sozial umso erfolgreicher entwickeln, je besser das Betreuungspersonal qualifiziert ist.
Und gerade hier sieht es düster aus in Deutschland: Bei den Tagesmüttern haben nach der neuesten Kinder- und Jugendhilfestatistik über 56 Prozent keinen pädagogischen und 9 Prozent überhaupt keinen Berufsabschluss. Und auch die deutsche Kita schneidet miserabel ab im Vergleich zu den übrigen EU-Ländern: Das Ausbildungsniveau der Erzieherinnen ist erschreckend niedrig.
Nicht einmal drei Prozent des Betreuungspersonals haben einen Fachhochschul- oder Hochschulabschluss. Viel später als die europäischen Nachbarn stellen sich nun auch deutsche Unis und Fachhochschulen allmählich auf den Berufszweig ein: Künftig soll das Fach Frühpädagogik an vielen deutschen Bildungsstätten gelehrt werden.
Höchste Zeit, denn mit der Betreuung der unter Dreijährigen, die nun massiv ausgebaut werden soll, sind große Teile des Personals nach eigener Einschätzung überfordert. In einer Studie der Bertelsmann Stiftung zur Qualifizierung von Erzieherinnen und Tagesmüttern gab knapp die
Hälfte der Befragten an, dass Erzieherinnen unzureichend auf die Arbeit mit Kindern unter drei Jahren vorbereitet seien.
"Bildung beginnt bei der Geburt": Diese Maxime des Kölner Frühpädagogen Gerd Schäfer hat sich in Deutschland noch nicht durchgesetzt. Gelernt und gelehrt, so die landläufige Meinung, wird von der Einschulung an. Die Arbeit mit unter Dreijährigen hingegen hat ein Imageproblem: Wickeln und füttern kann doch jeder.
"Wer mit den Kleinsten arbeitet, hat meist die schlechteste Ausbildung", konstatiert Kleinkindforscherin Keller. "Die Wertigkeit ist genau umgekehrt: Die ersten drei Jahre sind die wichtigsten."
An der Geringschätzung der Kita-Arbeit wird sich jedoch vermutlich wenig ändern, solange sich dies nicht auch auf den Gehaltszetteln niederschlägt. Zwar arbeiten viele engagierte Kräfte weit über ihr Soll hinaus, doch der Lohn dafür ist bescheiden: Neu eingestellte Erzieherinnen bekommen im Schnitt 1800 Euro brutto. Nach den jüngsten Tarifregelungen ist die Bezahlung für Berufseinsteiger abgesenkt worden. Dagegen streikten die Erzieherinnen vergangene Woche in verschiedenen Städten.
Welche tatkräftige Nachwuchskraft vermag das schon zu locken? "Die guten Realschülerinnen sehen im Erzieherinnenberuf keine Perspektive. Die gehen lieber zur Polizei oder zur Bundeswehr", sagt Norbert Hocke von der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW).
Angesichts der geplanten 500.000 zusätzlichen Krippenplätze werden nach GEW-Prognosen bundesweit rund 100.000 geschulte Fachkräfte gebraucht. Und vor allem im Osten wird der Bedarf noch wachsen: Zwei Drittel der Kita-Beschäftigten haben dort das Alter von 40 bereits überschritten. Gehen diese Kräfte in Rente, stehen zu wenige junge als Ersatz bereit.
Es wird also sehr schwer werden, die Kinderbetreuung an europäische Qualitätsstandards heranzuführen. Dank jahrzehntelangen Rabenmutterdiskussionen hinkt Deutschland weit hinter seinen Nachbarn her. Bereits 1996 hatte das europäische Kinderbetreuungsnetzwerk 40 Qualitätsziele formuliert, etwa die Senkung der Gruppengrößen und die Verbesserung des Erzieher-Kind-Schlüssels. Zehn Jahre später hatte Deutschland die meisten davon noch immer nicht erfüllt.
Dabei verdient der Staat langfristig an den Kindern, wenn er ihnen gute Bildung und Betreuung angedeihen lässt - je früher, desto mehr. Folgt man dem US-Ökonomen James Heckman, der unter anderem die Wirkung von Sozialprogrammen auf Gesellschaft und Wirtschaft untersucht hat, nimmt die Verzinsung von Investitionen in Humankapital mit abnehmendem Alter zu. Sprich: Teure Programme für postpubertäre Bildungsnieten sind rausgeschmissenes Geld, das besser in gute Krippenplätze investiert gewesen wäre.
Allerdings müssen derzeit die Kommunen den größten Teil der frühkindlichen Betreuung zahlen - die Steuern aber, die etwa eine dank Kita-Unterstützung arbeitende Mutter zahlt, kommen zu über 80 Prozent Land und Bund zugute. Für die Kommune zahlt sich ihr Engagement also kaum direkt aus. Kein Wunder, dass mancher Bürgermeister seine knappen Mittel lieber in neuen Straßenbelag steckt.
Wirklich gut wird die aushäusige Kleinkindbetreuung in Deutschland erst werden, wenn sich die Einsicht durchsetzt, dass sie nur Gewinner schafft: Manchen Kindern geht es in der Kita deutlich besser als zu Hause; das kann ihnen helfen, dem Schicksal als lebenslanger Sozialfall zu entgehen. Denjenigen Kleinen, die daheim ohnehin glücklich sind, schadet die Krippe nicht; ihren Müttern und Vätern aber ermöglicht sie echte Wahlfreiheit zwischen Vollzeiterziehung der Kleinen und Berufsleben.
"Es ist an der Zeit", findet Barbara Vinken, "den Blick auf die Fakten zu richten, statt sich blind von alten Idyllen leiten zu lassen, die nie wahr waren, sondern nur Ideologie hervorbrachten."
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