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Ausgabe 9/2008
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SPIEGEL-Gespräch "Alle haben doch profitiert"

4. Teil: "Am Ende waren wir vielleicht alle nur Teil eines sehr großen Spiels"

SPIEGEL: Und all diese Geschichten sollen ausgerechnet hinter dem Rücken eines Kontrollfreaks wie Piëch stattgefunden haben?

Volkert: Wissen Sie, ich habe gestandene Manager erlebt, denen bei Piëchs leisen Nachfragen sofort der Schweiß auf die Stirn schoss. Wer die damalige Gesamtkonstellation im Unternehmen kennt, kann sich schwer vorstellen, dass all das ohne Piëch gelaufen ist. Es gab wenig im VW-Konzern, was er nicht wusste.

SPIEGEL: Fürchten Sie ihn?

Volkert: Ich habe ihn nie gefürchtet - damals nicht und heute nicht. Aber man ist gut beraten, ihn sich nicht zum Feind zu machen.

SPIEGEL: Haben Sie noch Kontakt zu ihm?

Volkert: Nein, weder zu ihm noch zu Hartz. Die haben sich auch nicht bei mir gemeldet. Ich will auch mit Gebauer nichts mehr zu tun haben, der das damals alles im Hartz-Auftrag abrechnete mit diesem System von Eigenbelegen, die keiner gegenzeichnen musste. Obwohl Gebauer selbst ein armer Teufel ist.

SPIEGEL: Auch Ihr Nachfolger als Betriebsratschef, Bernd Osterloh, wusste angeblich von nichts.

Volkert: Er wuchs wie ich bei VW auf. Was mich ein bisschen ärgert: Vor einer unserer letzten Reisen nach Mittelamerika - wohlgemerkt ohne Puffbesuch - meldete sich Osterloh bei mir und sagte, das passe doch alles nicht mehr so richtig in die Welt. Vielleicht machte er sich wirklich Sorgen. Vielleicht wusste er da aber auch schon mehr.

SPIEGEL: Die ganze Affäre lässt zwei Deutungen zu: Entweder war der Auslöser ein gieriger Betriebsratschef namens Volkert, der nicht genug kriegen konnte. Oder die Konzernspitze baute ein System der Abhängigkeiten auf wie eine Falle, in die der Betriebsrat tappte. Ziel des Managements: ungestört agieren zu können.

Volkert: Ich brauchte nichts zu fordern und niemanden zu irgendwas anzustiften. Insofern halte ich aus heutiger Sicht eher Ihre zweite Deutung für glaubhaft. Ja, am Ende waren wir vielleicht alle nur Teil eines sehr großen Spiels. Und wahrscheinlich habe ich dabei vielen geschadet. Den Belegschaften. Der Gewerkschaft. Auch der Idee der Mitbestimmung. Aber aus den Fehlern, die ich gemacht habe, wurden leider keine Lehren gezogen.

SPIEGEL: Sie meinen, auch die IG Metall ging zu schnell zur Tagesordnung über?

Volkert: Nach meiner Kenntnis wird doch alles totgeschwiegen. Dabei gibt es viele offene Fragen: Wie sieht das eigentlich in anderen Unternehmen aus? Wie halten es Betriebsräte mit der Transparenz ihrer Bezüge? Da könnte man vieles modernisieren. Aber, wissen Sie: Diese Mitbestimmung fordert letztlich einen derart großen Spagat, dass es einen irgendwann zerreißt, egal wie charakterfest man ist. Die Schmerzen setzen erst ein, wenn es schon zu spät ist.

SPIEGEL: Wegen Verdunkelungsgefahr kamen Sie drei Wochen in Untersuchungshaft. Wie haben Sie die Zeit erlebt?

Volkert: Es war grauenvoll. Seither weiß ich, dass auch kurze Knastaufenthalte wirklich abschreckende Wirkung haben. Dass dort drin manch einer durchdreht, kann ich mir gut vorstellen. Ich durfte ein einziges Mal mit meiner Familie telefonieren. Und dabei hatte ich in der Zeit Geburtstag. Selbst für eine zweite Decke musste ich einen Antrag stellen.

SPIEGEL: Fühlten Sie sich besonders ruppig behandelt?

Volkert: Mit den Vollzugsbeamten bin ich heute noch in gutem Kontakt - auch wenn ich sie ungern dienstlich wiedersehen möchte. Weh getan hat vor allem, wie versucht wurde, einen Kontrast aufzubauen zwischen der angeblichen Glaubwürdigkeit von Herrn Gebauer und meiner eigenen Unglaubwürdigkeit. Kann ja wohl nicht sein, dass der eine immer lügt und der andere immer die Wahrheit sagt. Ich war der Erste, der bei der Staatsanwaltschaft ausgesagt hat. Genutzt hat es mir nichts.

SPIEGEL: Hartz kam mit zwei Jahren auf Bewährung sowie einer Geldstrafe davon und erhält weiter seine volle VW-Betriebsrente von monatlich 16.000 Euro ...

Volkert: ... während meine von VW um 50 Prozent gekürzt wurde. Begründung: Man wolle den Prozess abwarten und behalte sich mögliche Ansprüche vor. Wenn all das keine Vorzugsbehandlung ist - vom Gericht wie von VW -, dann weiß ich nicht mehr.

SPIEGEL: Sie waren einst Teil jener gesellschaftlichen Elite, die gerade wieder schwer in Verruf geraten ist durch die Steuerhinterziehung von Post-Chef Klaus Zumwinkel. Stinkt der Fisch immer vom Kopf?

Volkert: Kann ich so pauschal nicht sagen. Man kann noch so tüchtig sein. Sobald Sie mehr verdienen als jene, mit denen Sie einst groß wurden, beginnt der Neidkomplex. Über Auswüchse schreien immer die am lautesten, die weniger kriegen. Ich verstehe das durchaus. Aber in der Debatte ist auch viel Scheinheiligkeit.

SPIEGEL: Sie hatten eine Vorbildfunktion, der Sie schlicht nicht gerecht wurden.

Volkert: Vollkommen klar. Mit den Funktionen, in die man hineinwächst, wird der Heiligenschein leider nicht mitgeliefert. Ein anständiger Kerl wird man nicht durch den Job, den man macht.

SPIEGEL: Sind Sie noch VWler?

Volkert: Das werde ich immer bleiben. VW ist nicht Piëch, nicht Hartz und nicht Volkert. Das Unternehmen ist so stark, dass es uns alle überstehen wird. Ich habe einfach den richtigen Zeitpunkt verpasst, mich aufrecht zu verabschieden.

SPIEGEL: Sie sind jetzt 65. Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor?

Volkert: Mit dem Hut in der Fußgängerzone.

SPIEGEL: Zu Hause in Wolfsburg?

Volkert: Die Versuchung war groß, wegzugehen. Aber nach Rücksprache mit meiner Familie bin ich in Wolfsburg geblieben. Es kann ja nicht sein, dass die Medien bestimmen, wer wann aufgehängt wird. Durch diese Vorverurteilungen wollte ich mich nicht kriminalisieren lassen. Deshalb habe ich mich jeden Tag selbst ermahnt: Geh raus! Zeig dich! Stell dich! Das hat viel Überwindung gekostet.

SPIEGEL: Fahren Sie noch VW?

Volkert: Zurzeit einen Passat Variant. Geleast. Solange ich mir das leisten kann, werde ich immer VW fahren.

SPIEGEL: Wovon leben Sie jetzt?

Volkert: Frage ich mich auch. Es kommen ja möglicherweise noch enorme Kosten auf mich zu. Das Finanzamt will, dass ich die Gelder, die meine damalige Geliebte über VW bekam, versteuere, und fordert von mir 470.000 Euro. Ich überlege, privat Insolvenz anzumelden. Bezahlen kann ich das nicht.

SPIEGEL: Haben Sie je mit dem Gedanken gespielt, abzuhauen - oder ... auch Schluss zu machen?

Volkert: Ich ... also ... ja, klar. Meiner Familie wäre eine Menge erspart geblieben. Das ist die Situation. So sieht's aus.

SPIEGEL: Herr Volkert, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Das SPIEGEL-Gespräch führten die Redakteure Dietmar Hawranek und Thomas Tuma.

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