SPIEGEL: Herr Emmerich, bisher waren Sie vor allem bekannt für aufwendige Zukunftsspektakel. Was hat Sie nun ausgerechnet an der steinalten Vergangenheit 10.000 Jahre vor Christus interessiert?
Emmerich: Mein Ziel ist es immer, Bilderwelten zu erschaffen, die bisher noch niemand gesehen hat. Als das Kino erfunden wurde, haben die Gebrüder Lumière eine Kamera aufgestellt und einen herannahenden Zug so gefilmt, als ob er direkt auf das Publikum zuraste. Die Leute sind ausgeflippt und schreiend davongelaufen. Aber sie sind wiedergekommen oder haben anderen erzählt: Geh da hin, das musst du erlebt haben! Film hat immer schon funktioniert wie eine Attraktion auf dem Rummelplatz. Nur sind die Ansprüche höher geworden.
SPIEGEL: Woher wissen Sie, was das Publikum heute sehen will? Die Zielgruppe für Ihre Art Popcorn-Kino beginnt etwa bei 12 Jahren. Sie sind jetzt 52.
Emmerich: Es wird in der Tat immer schwieriger. Eine meiner Nichten hat, als sie 17 war, ein Jahr bei mir in Los Angeles gewohnt, und natürlich habe ich sie ausgefragt, welche Filme sie sich ansieht und was ihr daran gefällt. Sie mag vor allem Horrorfilme - im Gegensatz zu mir. Ich bin dazu viel zu ängstlich.
SPIEGEL: Moment mal, wie oft haben Sie in Ihren Filmen allein New York ausgelöscht? Dreimal? Viermal?
Emmerich: Aber da weiß ich ja immer, was als Nächstes passiert. Die Idee zu "10.000 BC" kam mir vor Jahren durch ein Buch über die frühesten Menschen in Nordamerika, über das Aussterben der Mammuts und darüber, wie die Welt damals aussah. Das hat mich irre fasziniert. Ich habe das Projekt lange mit mir herumgetragen.
SPIEGEL: Nach Ihren zahlreichen Erfolgen können Sie doch vermutlich jeden Stoff umsetzen, den Sie möchten.
Emmerich: Aber nur, solange es darin um Außerirdische geht! Alles mit Aliens, Weltuntergang - todsicher finanziert. Da brauche ich nur zu einem Studio zu gehen und zu sagen: Ich habe eine Idee für einen neuen Katastrophenfilm. Dann heißt es: Bitte sehr, hier sind die Millionen.
SPIEGEL: Einfach so?
Emmerich: Ja, ich entwickle auf eigenes Risiko ein Drehbuch. Wenn ich glaube, dass es fertig ist, schicke ich es an alle großen Studios gleichzeitig. Die bekommen es mittwochs um 12 Uhr mittags, und meistens ist es am Donnerstag verkauft. So war es bei "The Day After Tomorrow", und so war es schließlich auch bei "10.000 BC".
SPIEGEL: Wird man da nicht irgendwann größenwahnsinnig?
Emmerich: Sagen wir mal so: Es hat etwas Befreiendes.
SPIEGEL: Sie haben Macht.
Emmerich: Ja, die Macht besteht darin, dass man ein Produkt hat, das die Studios unbedingt wollen. In dem Augenblick dreht sich das übliche Machtverhältnis um. Die Studios dienen sich plötzlich mir an und wollen mir beweisen, dass sie das beste Marketing- und Vertriebskonzept für meinen Film haben. Meistens legt ein Studio schon Jahre im Voraus fest, an welchem Termin mein Film starten soll. Ich bekomme sofort grünes Licht, und dann kann das Studio nichts mehr ändern.
SPIEGEL: Ihre Entscheidung war es auch, "10.000 BC" mit unbekannten Schauspielern zu besetzen. Warum drehen Sie überhaupt eher selten mit großen Stars?
Emmerich: Ich bin überzeugt, dass das Leben zu kurz ist, um sich mit Idioten auseinanderzusetzen. Ich werde Ihnen jetzt natürlich keine Namen nennen, denn ich will ja wieder einreisen dürfen in die USA (lacht). Im Ernst: Ich erkundige mich meistens bei anderen Regisseuren und frage: Wie ist denn zum Beispiel der Mel Gibson drauf? Ist der verträglich? Bei Projekten, für die bereits ein Star angeheuert hat, der mir nicht passt, sage ich eben auch manchmal: nein danke, ohne mich.
SPIEGEL: Sie gelten als einer der sparsamsten Regisseure in Hollywood, als jemand, der auch aufwendige Produktionen relativ preiswert abwickeln kann. "10.000 BC" soll rund 140 Millionen Dollar gekostet haben - heißt das, ein anderer Regisseur hätte 200 Millionen verbraten?
Emmerich: Sparsamkeit ist immer noch eines meiner Markenzeichen. Aber es wird immer schwieriger, weil sich mittlerweile herumgesprochen hat, welche Hits mit meinem Namen verbunden sind. Wenn ich also jemanden engagieren will, verlangt der mittlerweile automatisch mehr Geld. Als wir für "10.000 BC" in Südafrika und Namibia gedreht haben, hieß es bei den Filmfirmen vor Ort: Die sind reich, von denen können wir's holen.
SPIEGEL: Wie muss man sich das vorstellen, wenn ein großes Filmteam aus Hollywood in Namibia einfällt? Wie die Alien-Invasion in "Independence Day"?
Emmerich: Schlimmer als Außerirdische. Wir Hollywood-Leute haben einen schlechten Ruf, oft zu Recht. Ich habe vor den Dreharbeiten zu meinen Leuten gesagt: Bitte benehmt euch hier anständig.
SPIEGEL: Das war notwendig?
Emmerich: Ja. Vielleicht liegt es daran, dass ich Europäer bin, aber diese "Hoppla, jetzt komm ich!"-Mentalität vieler Amerikaner, gerade in der Filmbranche, mag ich nicht. Ich fühle mich für alles und jeden in meinem Team verantwortlich.
SPIEGEL: Nun ist der größte Teil von "10.000 BC" nicht am Set entstanden, sondern am Computer. Ist das nicht langweilig für einen Regisseur?
Emmerich: Überhaupt nicht. In jedem Fall muss man ständig künstlerische Entscheidungen treffen.
SPIEGEL: Zum Beispiel?
Emmerich: Zum Beispiel, wenn die Mammuts zu kuschelig und friedlich aussehen. Das wollte ich nicht, und deshalb haben wir sie per Computer richtig dreckig gemacht. Eine Heidenarbeit - jedes Mammuthaar muss einzeln digital animiert werden, genauso wie der Säbelzahntiger und die Terrorvögel.
SPIEGEL: Frühhistoriker werden von dieser wilden Mischung nicht begeistert sein.
Emmerich: Meine Ausstatter haben viel recherchiert, aber natürlich habe ich mir ein paar Freiheiten genommen. Es ist nicht alles so gewesen, aber es sieht so aus, als ob es so gewesen sein könnte. Die Zuschauer sind schlau genug, um Fiktion und Historie auseinanderzuhalten.
SPIEGEL: Sind Sie da bei Ihren Filmen so sicher? Stimmt die Geschichte, dass der damalige US-Präsident Bill Clinton Sie ins Weiße Haus eingeladen hat, um dort mit Ihnen "Independence Day" zu schauen?
Emmerich: Ja, es war wirklich lustig, allerdings auch ein bisschen surreal. Ich sah im Weißen Haus, wie Außerirdische das Weiße Haus in die Luft sprengen.
SPIEGEL: Die schönste Kinovorstellung Ihres Lebens?
Emmerich: Eher nicht. Der Vorführraum im Weißen Haus ist eine umgebaute Kegelbahn: der schlimmste Sound, den ich je gehört habe, und eine ganz kleine Leinwand. Ich habe mich hinterher ein bisschen darüber aufgeregt, dass die First Family sich so Filme angucken muss. Hillary und Bill Clinton wollten auch noch, dass ich bei Ihnen ganz vorn sitze, aber ich habe Bill Pullman vorgeschoben, der ja im Film den Präsidenten spielt.
SPIEGEL: Was passierte dann? Applaudierte der Präsident, als das Weiße Haus in die Luft flog?
Emmerich: Nein. Aber bei Testvorführungen von "Independence Day" sind nach der Zerstörungsszene immer 20 Leute rausgerannt. Die mussten auf die Toilette, aber haben damit bis nach der Szene gewartet. So war es auch im Weißen Haus: Bill Clinton ist danach aufgesprungen und rausgerannt.
SPIEGEL: Gehört das zur Dramaturgie Ihrer Filme? Berechnen Sie die zumutbare Spannungskurve bis zur Pinkelpause?
Emmerich: Nein, es gibt so viele andere Dinge, über die ich beim Filmemachen nachdenken muss. Körperfunktionen gehören eher nicht dazu.
SPIEGEL: Haben Sie eigentlich nach all Ihren Erfolgen noch Angst vor einem richtigen Flop?
Emmerich: Klar. Ich habe ja noch nie einen richtigen Flop gelandet. Aber der wird irgendwann mal kommen. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.
INTERVIEW: ANDREAS BORCHOLTE, MARTIN WOLF
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Kino | RSS |
© DER SPIEGEL 9/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH