AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 10/2008
  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
03.03.2008
 

Medizin

Selbstheilung im Denkorgan

Von Jörg Blech

2. Teil: Bei allen Therapien heißt es: üben, üben, üben

Dass im Schädelfach keine unveränderliche Datenplatte verankert ist, sondern ein durchaus wandlungsfreudiges Organ seinen Dienst verrichtet, hat der Kalifornier Merzenich erstmals in den achtziger Jahren entdeckt. In Tierversuchen mit Affen amputierte er Finger und unterbrach auf diese Weise die Nervenleitung zwischen einem Finger und dem Gehirn. Die Region, die den Finger in der Hirnrinde repräsentiert hatte, wurde jedoch keineswegs arbeitslos, stellte Merzenich verblüfft fest. Vielmehr begannen diese Nervenzellen damit, auf die Signale des benachbarten, unversehrten Fingers zu reagieren.

Wie schnell die Umorientierung geschieht, hat der Neurologe Alvaro Pascual-Leone vom Beth Israel Deaconess Medical Center in Boston gezeigt. Er verband gesunden Testpersonen die Augen und lehrte sie Blindenschrift. Nach nur zwei Tagen Dunkelheit reagierten Nervenzellen der Sehrinde auf den Tastsinn, wenn der Finger über die erhabenen Buchstaben fuhr.

Die Plastizität erklärt auch, warum das Gehirn es so schnell verlernt, einen kranken Arm zu gebrauchen. Jene Nervenzellen, die im Gehirn für die Steuerung des Arms zuständig sind, suchen sich flugs eine neue Aufgabe. Umgekehrt sorgt genau die Plastizität allerdings dafür, dass auch dieses Verlernen rückgängig gemacht werden kann.

Dieses Phänomen hat der Psychologe Taub als Erster nachweisen können: Dazu unterbrach er bei Affen die sensiblen Nervenfasern zwischen einem Arm und dem Gehirn. Das Tier konnte den Arm zwar noch bewegen, aber nicht mehr fühlen - es benutzte ihn immer seltener und ließ ihn bald unbenutzt herabhängen.

Doch als Taub den gesunden Arm einige Wochen lang in einer Schlinge ruhigstellte, begann der Affe, den tauben Arm wieder zu bewegen. Mehr noch: Auch als die Schlinge entfernt wurde, benutzte er den tauben Arm weiter, und zwar für den Rest seines Lebens. Das Gehirn hatte sich dauerhaft umprogrammiert - Grundstein für die Taubsche Therapie.

Sie funktioniert nicht nur bei Patienten mit gelähmten Gliedmaßen, sondern auch bei Menschen, deren Sprachzentrum durch einen Schlaganfall beschädigt wurde. Diese neigen dazu, Gesten zu benutzen oder Mitteilungen aufzuschreiben.

Psychologen haben einen Trick gefunden, der genau dieses Vermeidungsverhalten durchkreuzt. Dazu lassen sie je vier sprachgestörte Patienten ein Spiel spielen, bei dem es darum geht, Karten zu sammeln, auf denen Objekte abgebildet sind. Allerdings müssen die Spieler bestimmte Regeln befolgen: Sie dürfen niemals auf eine Karte zeigen, sondern müssen, so schwer es auch fallen mag, danach fragen.

Am Anfang der Spielserie sind Umschreibungen erlaubt. Wem "Sonne" nicht einfällt, der darf sagen: "Das Ding, das warm ist". Im Verlauf des Spiels werden die Regeln immer strenger, am Ende sollen die Spieler formvollendet formulieren: "Herr Schmidt, kann ich bitte die Karte mit der Sonne haben?"

In einer Studie mit insgesamt 32 Spielstunden an zehn Tagen hat der Ansatz ermutigende Erfolge erbracht: Um 30 Prozent ist die Kommunikation zwischen den Teilnehmern gestiegen.

Taub lässt seine Patienten einen "Verhaltensvertrag" unterschreiben

Die Ärzte Farsin Hamzei und Cornelius Weiller von der Neurologischen Universitätsklinik Freiburg wiederum wollen das Gehirn von Schlaganfallpatienten mit einer optischen Täuschung verändern: Der Patient erledigt mit seiner gesunden Hand Aufgaben auf einem Tisch und betrachtet sein Tun in einem Spiegel, der vor seinem Oberkörper steht. So gewinnt er den Eindruck, er bewegte seine gelähmte Hand.

Dieses Trugbild kann tatsächlich Veränderungen im Gehirn bewirken, wie erste Versuche mit gesunden Rechtshändern ergeben haben: So verbesserte sich die Fingerfertigkeit der nichttrainierten linken Hand. Im März wollen Weiller und Hamzei ihre Spiegelübungen erstmals an richtigen Patienten erproben.

Das Wichtigste bei allen Therapien: üben, üben, üben. Diese Erfahrung hat auch Edward Taub gemacht. Seit er seine Patienten einen "Verhaltensvertrag" unterschreiben lässt, in dem sie das Tragen des lästigen Fäustlings an der gesunden Hand versprechen, verzeichnet er noch bessere Erfolge.

Gern erzählt Taub die Geschichte seines Schlaganfallpatienten Michael Bernstein, der eine fast wundersame Besserung hingelegt hat. Als Bernstein im Herbst seinen 70. Geburtstag feierte, spielte er auf dem Klavier eine halbe Stunde lang Brahms und Mozart für seine Gäste.

"Seine linke Hand war wieder so gut wie die rechte", schwärmt Taub und macht seinen Patienten Mut, dass sich jede Anstrengung lohne. "Im Laufe des Trainings werden die Verbesserungen zwar immer kleiner, aber sie gehen immer weiter."

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 14 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
07.03.2008 von waitzschrat: Placebo

Der Placeboeffekt ist schon lange bewiesen. Und er tritt vor allem auf bei neuronalen und immunologischen Erkrankungen auf. Und genau über diese Achse funktioniert auch der Placeboeffekt: Über die Aktivierung des Immunsystems [...] mehr...

06.03.2008 von sonnescheinglückallein: Intelligente Zellen

sehr interessant, schon Bruce Lipton ein Zellbiologe hat dies oder ähnliche Dinge schon vor mehreren Jahren gesagt und beschrieben in seinem Buch Intelligente Zellen. Er wurde aber belächelt, wie so viele andere [...] mehr...

06.03.2008 von Yu~: Auf jeden Fall günstiger

Für den Preis einer normalerweise angewandten medikamentösen Therapie unserer legalisierten Drogenhändler kann man schon eine intensive Humantherapie erhalten. Wenn man dann noch die Möglichkeit hat, die Familie einzubeziehen, [...] mehr...

05.03.2008 von lowyr: Regeneration

Neuronen und Gliazellen koennen zumindest in zwei Regionen des Gehirnes neu entstehen, dem Hippocampus und der subventrikulaeren Zone. Ueber die Funktion dieser neuen Neuronen weiss man nicht sehr viel, aber sicher ist diese [...] mehr...

05.03.2008 von Pablo alto: Das Magazin, das einen alten Hut mit einer Neuigkeit verwechselte

Der Artikel ist hochinteressant, gut geschrieben und außerordentlich wichtig - aber, sorry, es steht nichts Neues drin. Ich bin kein Neurologe, nur interessierter Laie, aber das ist doch alles seit Jahren auch weit außerhalb [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
alles aus der Rubrik Mensch

© DER SPIEGEL 10/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Mehr auf SPIEGEL ONLINE






TOP



TOP