Von Bruno Schrep
Eigentlich, versichert der Gymnasiast, habe er ja nur seine Schulakte vernichten wollen. Eigentlich. Dass dann aus dem kleinen Feuerchen, das er in einem metallenen Aktenschrank anzündete, ein richtig großer Brand geworden sei, das habe er nicht gewollt. Ehrlich nicht.
Doch das Feuer, das der 18-jährige Philipp G. in der Nacht zu Heiligabend im Verwaltungstrakt der Wiesbadener Martin-Niemöller-Schule legte, hatte verheerende Folgen. Es fraß sich von Raum zu Raum. Rauchgase explodierten, Wände barsten, Decken stürzten ein. "Die Flammen loderten höher als die Bäume", berichtet eine Nachbarin.
Am Morgen war der ebenerdige Betonbau aus den siebziger Jahren nur noch eine Ruine. 750 Schüler und 60 Lehrer hatten ihre Schule verloren.
Die Direktorin brach beim Anblick der Trümmer in Tränen aus. Da ahnte sie noch nicht, dass der Brand weit mehr war als ein blödsinniger Streich, der genauso gut an jeder anderen Schule hätte passieren können. Sondern dass die Flammen auch den Zustand einer völlig aus den Fugen geratenen Bildungseinrichtung symbolisierten.
Denn in der Martin-Niemöller-Schule wird erbittert gestritten. Durch das Kollegium geht ein Riss, die Lager stehen sich unversöhnlich gegenüber. Schulleiterin und Stellvertreterin arbeiten gegeneinander. Lehrer reden nicht miteinander. Oder beschimpfen sich vor Dritten als "konservative Arschlöcher" oder "linke Funktionärssocken". Blockieren sich bei Abstimmungen. Leidtragende sind die Schüler.
"Wir merken genau, wenn sich die Lehrer wieder gezofft haben", berichtet Schüler Marko aus einer der Eingangsklassen. "Manche kommen so aufgeregt und sauer aus der Konferenz, dass sie keinen Unterricht mehr halten können", ergänzt ein Klassenkamerad.
Dabei geht es um die Zukunft einer Schulform. Abgebrannt ist ein sogenanntes Oberstufengymnasium, eine hessische Spezialität, auf die das Land einmal sehr stolz gewesen ist: Absolventen von Gesamtschulen, Realschulen und der Mittelstufe anderer Gymnasien pauken hier gemeinsam die letzten drei Jahre bis zum Abitur.
Gekämpft wird in der Wiesbadener Schule um Lerninhalte, um Benotungen, um all das, was speziell dieses Gymnasium sein soll: für die einen ein Schmelztiegel, in dem auch Jugendliche aus eher bildungsfernen Schichten mit viel Unterstützung zum Abitur geführt werden; für die anderen ein Elite-Institut, in dem besonders qualifizierte Schüler für die Erfordernisse der globalisierten Welt fit gemacht werden sollen.
Es ist, gebündelt in einem Mikrokosmos, ein Streit, wie ihn unter dem Eindruck von Pisa-Studien, verkürzten Schulzeiten und den Diskussionen um Jugendgewalt auch Politiker und Experten führen - konzentriert auf die Frage: Welche Bildung braucht das Land?
Als die Schule 1974 eingeweiht wurde, gab es über das Ziel keine Diskussion. Im traditionell roten Hessen sollte Bildung nicht länger ein Privileg der Bürgerkinder sein. "Abitur für alle" hieß die Devise; das undurchlässige dreigliedrige Schulsystem, das nur Gymnasiasten zur Hochschulreife führt, sollte überwunden werden.
Zu diesem Zweck waren überall im Land Gesamtschulen gegründet worden, in denen Schüler bis zur zehnten Klasse gemeinsam unterrichtet wurden. Die Begabten, so der Plan, sollten dann anschließend in Oberstufengymnasien wechseln.
In der Wiesbadener Schule herrschte seinerzeit Aufbruchstimmung. Die Lehrer, vorwiegend jung, vorwiegend links, kamen größtenteils aus der 68er Studentenbewegung, die meisten waren Mitglieder der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Sie steckten voller Ideale, sie wollten keine furchteinflößenden Pauker mehr sein.
Im Deutschunterricht wurde Theater gespielt, in Fächern wie Geschichte und Politik alles hinterfragt: der Kapitalismus und der Konsum, die Parteien und die Busfahrpreise. Die Lehrer verstanden sich als Partner, manche ließen sich duzen, manche drückten bei der Punktevergabe beide Augen zu.
"Selbst als haschende Dauerschwänzerin konnte man bei Besserung noch mit der liebevollen Fürsorglichkeit seiner Lehrer rechnen", erinnert sich der ehemalige Schüler Alexander Glück, heute freier Journalist in Wien. "Auch Naive, Seltsame und Verrückte fanden hier einen maßgeschneiderten Betreuerstab."
Entsprechend misstrauisch wurde das Experiment von Beginn an beobachtet. Bürgerliche Bildungspolitiker argwöhnten, in der Schule werde mehr agitiert als gepaukt. Erst recht, als ein Streik gegen eine Prüfungsreform den Unterricht lahmlegte oder protestierende Abiturienten den Eingang zumauerten. Der damalige hessische CDU-Landeschef und spätere Bundesinnenminister Manfred Kanther fluchte nach einer Diskussion mit Schülern über die "kommunistische Kaderschmiede".
Tatsächlich warb hier die "Rote Hilfe", deren Mitglieder sich um im Knast sitzende Linksterroristen kümmerten, eifrig um Unterstützung. Die Schülerin Birgit Hogefeld, derzeit eine der letzten noch inhaftierten Aktivistinnen der Roten Armee Fraktion (RAF), kam so in Kontakt mit der Szene - und schloss sich später als Studentin den Extremisten an.
Und dennoch: Tausende Schüler, die im dreigliedrigen Schulsystem mit seinen frühen Weichenstellungen wohl nie so weit gekommen wären, schafften hier ihr Abitur; darunter Jugendliche aus ärmlichen Verhältnissen, aus zerrütteten Familien; Querköpfe, die sonst überall aneckten, Heimbewohner, Ausländerkinder.
Ende der Achtziger, in Hessen regierte erstmals die CDU, änderte sich langsam das Profil. Bestimmte Fächerkombinationen - etwa Deutsch und Kunst - wurden nicht mehr als Leistungskurse anerkannt, die Beurteilungsmaßstäbe strenger. Und noch mehr verschärften sich die Anforderungen 2002, als das Kultusministerium die Englischlehrerin Elisabeth Waldorff, heute 53, zur neuen Schulleiterin bestimmte.
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