Von Romain Leick
Alle kennen sie, aber niemand weiß, wer sie ist. Adèle arbeitet seit zehn Jahren als Schulbusfahrerin auf der kargen, dünnbesiedelten Hochebene in Südfrankreich. Der Schulbus macht ihr Leben aus, ein Kleinbus mit Schiebetüren, Vierradantrieb und acht Sitzen. Dieses Jahr, am 1. September, als der Unterricht nach den Ferien wieder beginnt, sind alle Plätze besetzt.
Acht Kinder und Jugendliche, hin und zurück, morgens und nachmittags. Das Leben ist still, nur die Kinder wachsen, natürlich; vor allem die jungen Bauernmädchen, die angenehm nach Stall riechen, wandeln sich in einem einzigen Sommer und verwirren die Jungs, die sich unter ihren Kapuzen verkriechen. Die Höfe, an denen Adèle die Kinder aufliest, liegen weit verstreut. Im Winter kann sich die Strecke jeden Tag ändern, der Nebel, der Wind ... Das Wetter und die Landschaft prägen die Menschen. Adèle kam wie eine Städterin ins Dorf, die die Berge liebt und Arbeit sucht. Die Gemeinde war froh, ihr den Job zu geben. Doch da ist ein Geheimnis: Adèle ist unerkannt in die Landschaft ihrer Kindheit zurückgekehrt, nach einer schmerzhaften Veränderung ihrer Identität. Sie lebt wie eine Betrügerin in der Heimat, akzeptiert, doch verkannt. Emmanuelle Pagano, 38, erzählt all dies in leuchtenden, poetischen Bildern, in denen die Kraft der Natur das Leben der Menschen überstrahlt.
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© DER SPIEGEL 11/2008
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