Mittwoch, 10. Februar 2010

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Eine Meldung und ihre Geschichte

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10.03.2008
 

Eine Meldung und ihre Geschichte

Die Patin

Von Uwe Buse

Wie eine amerikanische Hausfrau einen Mörder buchte

Ann Marie Linscott hatte sich, solange sie denken kann, darum bemüht, rechtschaffen durchs Leben zu gehen. Ihre beiden Töchter erzog sie in dem Glauben, dass Unrecht sich nicht lohne, dass es verwerflich sei, anderen zu schaden. Linscott versuchte, ihnen ein Vorbild zu sein, und das mit Erfolg. Nie, nicht ein einziges Mal, war sie mit dem Gesetz in Konflikt geraten, und niemals hätte sie gedacht, dass dies einmal zu einem Problem werden könnte. Dass sie sich einmal wünschen würde, Kriminelle zu kennen.

Linscott

Linscott

Doch genau das war ihr Wunsch vor ein paar Monaten. Ann Marie Linscott, 48 Jahre alt, Hausfrau, Mutter und Gelegenheitsmasseurin aus Grand Rapids, Michigan, suchte Kontakt zu einem Killer. Sie wollte einen Auftragsmörder engagieren, und ihr bis zu diesem Zeitpunkt rechtschaffenes Leben verwandelte das in ein außerordentlich schwieriges Unterfangen.

Linscott wusste nicht, wo man Mörder findet. Sie hatte keine Ahnung, wie man diese Leute anspricht, was sie verlangen für einen Mord, wie genau die Zahlungsmodalitäten sind. Die Hälfte vorher, die Hälfte nachher, wie es im Fernsehen gezeigt wird?

Ihren Mann konnte sie nicht um Hilfe bitten. Er war zwar nicht das Opfer, aber er würde das Mieten eines Mörders nicht gutheißen. Aus prinzipiellen Gründen und weil er nichts wusste von der Affäre, die seine Frau seit drei Jahren umtrieb und die sie nun dazu brachte, schuldig zu werden.

Ann Marie Linscott wollte die Frau ihres Geliebten aus dem Weg räumen lassen. Sie wollte diesen Mann ganz für sich allein. Linscott hatte vor, das kleine, enge Haus im Porter Hollow Drive in Grand Rapids, Michigan, zu verlassen und nach Westen zu ziehen, nach Kalifornien. In Oroville, der Stadt des Goldes, hoffte sie ihr Glück zu finden. Polizisten würden später sagen, dass Linscott unter einem starken inneren Zwang handelte.

DER SPIEGEL 11/2008


TITEL
Debatte um NS- Verbrechen
Die Täter - warum so viele Deutsche zu Mördern wurden

Ihren Auftakt nahm die Affäre im Jahr 2004. Linscott nahm an einem Online-Seminar teil, an einem College-Kurs, und während der Treffen im Internet lernte sie einen Teilnehmer kennen.

Er lebte in Kalifornien, war ebenfalls verheiratet und schien wie Linscott nicht nur am Lehrstoff interessiert zu sein. Wie sie wollte er einmal ausbrechen aus der Ehe. Aus dem Gefängnis Familie. Anfangs begnügten sich die beiden mit E-Mails, die sie einander heimlich schrieben. Dann telefonierten sie, und schließlich trafen sie einander, in Reno, Nevada. Der Mann hatte dort Geschäftstermine wahrzunehmen.

Es gab ein weiteres Treffen, in Kalifornien, in der Nähe seines Wohnorts, und diese Zusammenkünfte müssen außergewöhnlich gewesen sein für Linscott, denn sie veränderten ihre Persönlichkeit. Sie hatte genug davon, ihren Geliebten zu verstecken, sie wollte ihn nicht mehr nur sporadisch sehen, im Abstand von Monaten. Sie wollte ihm nah sein, und sie wollte ihn nicht mit seiner Frau teilen. Er sollte ihr gehören. Sie brauchte diesen Killer.

Aber wie und wo konnte sie ihn finden?

Linscott wusste nur, dass diese Leute in Filmen manchmal "freie Mitarbeiter" genannt werden und dass man im Internet angeblich alles kaufen kann. Also tat Linscott das, was ihr am naheliegendsten schien: Sie gab eine Kleinanzeige auf, in der Online-Anzeigenbörse "craigslist.org", unter der Rubrik "freie Mitarbeit". Die Anzeige versprach 5000 Dollar Honorar. Über die Art der Tätigkeit wurde nichts gesagt.

Drei Interessenten meldeten sich. Sie fragten, was es zu tun gebe.

Linscott antwortete sehr direkt. Eine Frau solle ausgelöscht werden, so formulierte sie es. Linscott nannte die Arbeitsstelle des Opfers, beschrieb, wie die Frau aussah. Dann sicherte sie zu, die Reisekosten zu übernehmen, und beendete die E-Mails mit dem Hinweis: Dies ist ein ernstgemeintes Angebot. Verfasst hat Linscott die Briefe unter dem Pseudonym "bourne2run".

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Alle drei Interessenten wandten sich direkt an die Polizei in ihren Heimatstädten. Die Polizisten informierten das FBI. Das FBI analysierte die E-Mails, die zwischen Linscott und den Männern ausgetauscht worden waren. Die Fahnder entdeckten die Daten, die den Internet-Provider von Linscott identifizierten. Die Firma gab dem FBI die Adresse von Linscott. Kurze Zeit später stoppten Bundespolizisten, verstärkt durch die Mitglieder einer Spezialeinheit, ihre Wagen vor Linscotts Haus. Sie ergab sich, ohne Widerstand zu leisten.

Da ihr das Geld fehlte, um einen Anwalt bezahlen zu können, stellte ihr der Staat einen Pflichtverteidiger. Er beriet sich mit seiner Mandantin. Kurze Zeit später bekannte Linscott sich schuldig. Auf die Frage der Polizisten, was sie mit "auslöschen" gemeint habe, antwortete sie: "Na ja, umbringen halt."

Das Opfer, die Frau von Linscotts Geliebtem, hat die USA auf unbestimmte Zeit verlassen. Die Polizei riet ihr dazu. Es sei möglich, dass Linscott noch Kontakt zu anderen Interessenten gehabt habe, die den Auftrag immer noch ausführen wollten.

Linscott wartet nun auf ihren Prozess. Die Anklage lautet auf Anstiftung zum Mord. Schlimmstenfalls kann Linscott für 30 Jahre hinter Gittern landen. Ihr Geliebter wird dann nicht mehr auf sie warten. Er hat sich schon jetzt von ihr losgesagt. Doch Linscott kann hoffen, nicht allein zu sein, wenn sie das Gefängnis wieder verlässt. Es gibt jemanden, der sagt, er werde zu ihr halten.

Ihr Ehemann.

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