AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 12/2008
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17.03.2008
 

Autorennen

Amerikas Achtzylinder

Von Detlef Hacke

Anfangs gingen Whiskey-Schmuggler mit ihren frisierten Wagen an den Start - heute ist die populäre Nascar-Rennserie ein Milliardenunternehmen, das von der Südstaaten-Romantik lebt, aber höchst professionell geführt wird.

Auch diesmal ist er hergekommen, sogar mit 76 Jahren zieht es Junior Johnson zurück an die Strecke von Daytona, Florida. Vor fast 50 Jahren hatte er hier das 500-Meilen-Rennen gewonnen, das größte Autorennen Amerikas, es war der Höhepunkt seiner Karriere. Jetzt sitzt er in der Mittagssonne an einem Tisch, vor dem sich ein paar hundert Menschen aufgereiht haben und warten.


Braungebrannt ist er, immer noch groß und stämmig, er hat volles weißes Haar. Wer an die Reihe kommt, hält ihm eine Kappe, ein Foto oder Modellauto hin, irgendetwas, worauf ein Autogramm passt. Johnson signiert mit links, grimmig konzentriert, weil ihm Schreiben schwerer fällt als Autofahren. Aber wenn er den Gegenstand zurückreicht, lächelt er dieses Junior-Johnson-Lächeln, bei dem er seine Mundwinkel in die Wangen hineinzieht und sich im Gesicht ein Ausdruck von Triumph breitmacht.

"Der letzte Held Amerikas", so hieß in den Siebzigern ein Spielfilm über ihn. Und weil Amerika seine Helden so liebt, dient Johnsons Leben Hollywood wieder als Originalvorlage. Im Herbst beginnen die Dreharbeiten, Kinostart soll in zwei Jahren sein. Diesmal lautet der Titel: "Whiskey Beginnings".

Johnsons Weg als Rennfahrer begann in der Nachkriegszeit in North Carolina, zusammen mit seinem Vater brannte er heimlich Schnaps, um sich ein paar Dollar dazuzuverdienen und die hohe Alkoholsteuer zu sparen. "Moonshiner" wurden Leute wie die Johnsons genannt, weil sie den Alkohol nachts brannten und auslieferten. Sie brauchten schnelle Autos, um den Whiskey zu transportieren. Das schwarze Coupé der Johnsons hatte wahrscheinlich einen der stärksten Motoren in der ganzen Gegend, ganz sicher aber war Junior Johnson der beste Fahrer. Niemand konnte ihm folgen auf den dunklen Landstraßen im Wilkes County, North Carolina, auch nicht die Polizei.

Es gab viele solcher Männer in den Südstaaten. Sie frisierten ihren Buick, Ford oder Dodge, sie waren mutig und trafen sich zu Wettfahrten. Aus diesen privat organisierten Rennen entstand 1948 die National Association for Stock Car Auto Racing, kurz: Nascar, und sie zog eine Meisterschaft auf. Junior Johnson wurde Rennprofi, aber die Vergangenheit als Schwarzbrenner und Schmuggler holte ihn ein. Eine Saison verpasste er, weil er im Knast saß. Die Polizei hatte ihn an der Destille seines Vaters verhaftet. Am Steuer eines Autos aber konnten sie ihn nie fassen. Der neue Film soll 1960 enden, als Junior Johnson das Daytona 500 gewinnt. Die Story ist der klassische amerikanische Heldenmythos: Ein Mann geht seinen Weg.

Johnsons Karriere erzählt auch, warum der Nascar-Sport so beliebt ist, populärer als Basketball und Baseball. 33,5 Millionen Menschen sahen im Fernsehen das Rennen von Daytona, den traditionellen Saisonauftakt Mitte Februar, nur Football erreicht höhere Einschaltquoten. Heute erwirtschaftet Nascar zwei Milliarden Dollar Jahresumsatz, ohne dass sich am Kern des Geschäfts jemals etwas geändert hätte.

Fast alle der 36 Saisonrennen werden auf Ovalen mit Steilkurven gefahren, die Rundenschnitte liegen meist jenseits von Tempo 200. Dicht an dicht kreisen die Wagen um den Kurs, wer in der vorletzten Runde führt, hat noch lange nicht gesiegt, denn Unfälle sind unvermeidlich, ein Unachtsamer drückt schon mal das halbe Feld in die Mauer. Die Autos basieren auf dem technischen Stand der sechziger Jahre, sie sind schwierig zu beherrschen, sie strotzen vor Kraft, etwa 850 PS leisten die großvolumigen Achtzylinder.

Auf den ersten Blick sehen sie trotzdem aus, als kämen sie vom Händler um die Ecke. Die Silhouette der Karosserie ist millimetergenau vorgeschrieben, jede Kante, jede Rundung wird vermessen, damit sich niemand einen Vorteil verschafft. Ohne die Chancengleichheit auf technischer Seite gäbe es nicht diesen Personenkult um die Fahrer. Sie sind es, auf die es ankommt - nicht auf Motorenpäpste oder Schlaumeier aus der Abteilung Windkanal.

Es gibt nur zwei Autorennserien auf der Welt, die wirklich erfolgreich sind: Formel 1 und Nascar. Die Formel 1 hat von Europa aus die Welt erobert, gerade breitet sie sich in Asien aus. Aber in Amerika tut sie sich schwer. Amerika ignoriert Männer, die auf der Piste kaum überholen und deshalb siegen, weil sie das Glück haben, einen Ferrari oder McLaren zu lenken. Vor allem aber kann Amerika nichts anfangen mit Stars, die sich vor ihrem Publikum abschotten und in einem Fahrerlager leben, das einem Hochsicherheitstrakt gleicht.

Schon eine Woche vor dem Rennen sind die Campingplätze von Daytona und Umgebung belegt, längst sind die Tickets für die 168.000 Tribünenplätze ausverkauft. Hunderte Wohnmobile fahren unter der Rennstrecke hindurch auf das riesige Innenfeld. Sie bilden eine Kleinstadt, errichtet aus Motorhomes, die groß wie Reisebusse sind. Sie haben Geländewagen hinter sich hergeschleppt, jetzt stehen sie daneben für den Fall, dass man sich zwischendurch fortbewegen will. Wer hier parkt, hat das meiste Geld, die Woche kostet knapp 3000 Dollar pro Stellplatz.

Dann stellen die Leute ihre Grills auf den Rasen und Eiströge fürs Bier, sie entfachen Lagerfeuer und klappen Stühle auf den Dächern aus, weil man oben die kompletten vier Kilometer Kurs im Blick hat - und weil man sich im Zentrum des Vaterlandes fühlen darf, sofern man sich als Patriot betrachtet, aber das tun sie wohl alle.

Wenn am Rennsonntag die Sternenbanner im Wind flattern, wenn eine Astronautin aus der Weltraumstation grüßt, wenn Böller am Himmel explodieren, wenn ein Priester über Lautsprecher im Namen aller zum Herrgott betet, wenn eine blonde Countrysängerin mit bebenden Lippen vor einer Viertelmillion Menschen die Nationalhymne singt und zu den letzten Takten eine Staffel Kampfjets über die Köpfe hinwegjagt und wenn der Pulk der 43 Wagen über die Startlinie donnert, dann ist Amerika ganz bei sich selbst. Laut, groß, mächtig und stolz.

"Nicht Los Angeles, nicht New York - das hier ist Amerika", sagt Günther Steiner, ein Teamchef. "Nascar ist der Volkssport seiner Arbeiter."

Bevor Steiner hierherkam, hat er Rennställe in der Formel 1, der deutschen Tourenwagenszene und im Rallyesport geleitet. Vor knapp zwei Jahren begann er, im Auftrag von Red Bull ein Nascar-Team aufzubauen, jetzt fahren sie die zweite Saison mit ihren Toyotas. "Wir haben die Schwierigkeiten etwas unterschätzt", sagt er.

Steiner, 42, ein hagerer Mann mit drahtigen kurzen Haaren und Kinnbart, sitzt vor seinem Wohnmobil im Campingstuhl und belegt sich einen Hamburger. Der Südtiroler passt sich an, aber er bleibt ein Eindringling. Wer für einen österreichischen Konzern arbeitet und japanische Autos einsetzt, weckt Argwohn.

"Wir haben 200 Leute, das ist nicht viel. Es ist schwierig, gutes Personal zu kriegen. Warum sollte jemand, der woanders arbeitet, zu uns Europäern kommen? Gezahlt wird überall gut, und wenn wir dasDoppelte bieten, werden sie skeptisch. Halt, sagen sie, etwas stimmt da nicht."

In der vorigen Saison qualifizierte sich das Team oft nicht für die Rennen, diesmal steht bislang immerhin einer der zwei Wagen immer am Start.

Worin liegt der größte Unterschied zum Rennsport, wie er ihn bislang kannte? "Es ist die Dimension. Die Zahl der Zuschauer, der Autos und der Rennen - alles doppelt so groß", sagt Steiner.

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