Von Detlef Hacke
Die Nascar wächst seit 60 Jahren. Brian France ist das, was Bernie Ecclestone für die Formel 1 ist: der Mann der Verträge und des Geldes. In dritter Generation lenken die Frances die Nascar. Die Hälfte aller Strecken, auf denen gefahren wird, gehören der Familie.
Sein Großvater, Bill France senior, "Big Bill" genannt, ein Ex-Rennfahrer, gründete die Nascar, indem er einen Haufen Fahrer, Mechaniker und Autobesitzer zusammenführte. Vater Bill France junior schuf aus der Südstaaten-Wettfahrt ein nationales Ereignis, brachte es live ins Fernsehen und schaffte das große Geld herbei. Heute zahlt der Namenssponsor der Meisterschaft jährlich 70 Millionen Dollar. Innerhalb von acht Jahren kassiert die Nascar viereinhalb Milliarden Dollar von den TV-Sendern.
Seit 2003 führt Brian France allein die Geschäfte. Er weiß, dass auch er für Wachstum sorgen muss. Solche Unternehmen müssen immer wachsen.
Der Weg zu Brian France ist leicht zu finden. Man fährt den International Speedway Boulevard an Daytonas Rennstrecke entlang, kreuzt den Nascar Drive und biegt ab in den Bill France Boulevard. Links liegt das flache Gebäude dann, grau und fast fensterlos. Die Zentrale der Nascar wirkt wie eine Lagerhalle, doch wer hineingeht, wandelt über dicke Teppichböden und unter hohen Deckenlampen, als sei er plötzlich im Waldorf-Astoria.
Brian France trägt einen mittelgrauen Anzug mit violetter Krawatte. Seine Hände sind zart, aber die Stimme ist rau. Sein Gesicht ist pausbäckig und glatt, aber das volle Haar ist grau. Er könnte irgendwas zwischen 30 und 60 sein, er sieht aus, als könnte er sich selbst nicht zwischen Vergangenheit und Zukunft entscheiden. Brian France ist 45 Jahre alt.
Für was er eines Tages stehen wird, Verharren oder Aufbruch, das weiß niemand. Sicher ist nur, dass er ewig an der Goldgräberstory der Familie gemessen werden wird. Was er benötigt, ist ein eigener Plan, der Brian-France-Weg.
Aber wohin führt der? France darf die klassischen Anhänger aus den Südstaaten nicht zu sehr verprellen. Sie bilden den harten Kern der 75 Millionen Interessierten, sie reisen zu vielen Rennen, decken sich mit Fanartikeln ein, hören Country und haben schon mit Rockmusik ein Problem. Andererseits erobert Nascar längst neue Märkte - und lässt sich erobern. Die Rennen wandern an die Metropolen heran, vielleicht sogar bis hinauf nach Seattle oder New York City. Umgekehrt sind Toyota und ausländische Fahrer wie der Kolumbianer Juan Pablo Montoya hinzugestoßen und sorgen für internationales Flair.
"Die Balance zu halten ist knifflig", sagt France. "Die kommerzielle Seite ist wichtig. Wir haben viel verändert, aber unsere Fans wollen nicht zu viele Veränderungen. Es gibt eine Grenze." Wo? "Wir wissen noch nicht, wie weit wir gehen dürfen."
Vielleicht liegt das Problem darin, dass der Nascar-Sport nach Benzin und Whiskey riecht und althergebrachte Sehnsüchte befriedigen soll, wenn er nicht seine Identität verlieren will. Andererseits muss man ziemlich viel kaschieren, um die Illusion zu wahren, hier führen die Nachfahren von Schwarzbrennern um die Wette. Geld und Professionalität beherrschen die Nascar, an den Fahrern erkennt man das. Sie werden verwechselbarer.
Der Meister der vergangenen beiden Jahre heißt Jimmie Johnson, 32, aber beim Namen endet die Ähnlichkeit mit der Legende Junior Johnson. Man kann gegen den netten Jimmie nichts sagen: Er sieht blendend aus, stammt aus Kalifornien und spricht nicht diesen vernuschelten Südstaatenslang. Er besitzt eine Wohnung in Manhattan und ist mit einem blonden Model verheiratet, gemeinsam haben sie eine Stiftung zugunsten benachteiligter Familien und Kinder gegründet. Er wird von einer Heimwerkerkette gesponsert und hat in seiner Karriere bereits 60 Millionen Dollar Preisgeld eingefahren. Seine größte Verfehlung war, einmal gelogen zu haben. Nachdem er vom Dach eines Golfwägelchens gefallen war, hatte er behauptet, er sei in einer Kurve vom Sitz gerutscht.
Die wilden Zeiten sind vorbei. Sogar Junior Johnson, der frühere Schmuggler, Schnapsbrenner und Häftling, ist in den Achtzigern von Präsident Reagan rehabilitiert worden. Heute brennt er zwar immer noch Whiskey, aber nicht mehr im Mondschein, sondern legal in einer Destillerie, und er zahlt ordentlich seine Steuern.
Midnight Moon nennt er seine Marke. Auf dem Flaschenetikett sieht man das schwarze Coupé von damals heranrasen, aber von der Polizei wird Junior Johnson schon lange nicht mehr verfolgt.
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© DER SPIEGEL 12/2008
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