Von Henryk M. Broder
Dennoch: Alles, was die Deutschen im Krieg und nach dem Krieg durchmachen mussten, waren nur Unannehmlichkeiten gemessen an dem, wie die Nazis mit ihren Opfern verfuhren. Nicht nur mit den Juden, auch mit den Zigeunern, den Schwulen, den Behinderten, den Wehrkraftzersetzern, den Deserteuren. Für Lidice, Oradour und San Polo gibt es kein von den Alliierten zu verantwortendes Pendant im Hunsrück oder in der Eifel.
Und egal, was die Deutschen im Einzelnen wussten oder nicht wissen wollten, sie rechneten damit, dass die Sieger, nachdem sie die KZ aufgemacht und die letzten Gefangenen befreit hatten, furchtbare Rache üben würden. Gemessen an den Ängsten wäre sogar der "Morgenthau-Plan", der die völlige De-Industrialisierung Deutschlands vorsah, noch als humane Reha-Maßnahme empfunden worden. Doch statt der erwarteten Prügel gab es Schokoriegel und Zigaretten, die "Siegerjustiz" kostete nur ein paar Top-Nazis das Leben, die Entnazifizierung war ein Witz.
Kurzum: Die Strafe blieb aus. Es wäre für die Befindlichkeit der Deutschen besser und gesünder gewesen, wenn es eine gegeben hätte. Denn seit über 60 Jahren leben sie mit einer Bestrafungserwartung, die sie von Generation zu Generation weitergeben. Die äußert sich mal diffus, mal konkret, ist aber immer da und bricht vor allem in Krisenmomenten wie eine verschleppte Krankheit aus. Als das Ende der DDR unmittelbar bevorstand, sprach sich Günter Grass, das Gewissen der Nation, gegen die nationale Einheit aus - die deutsche Teilung müsse als "Strafe für Auschwitz" erhalten bleiben. Wobei er zu erklären vergaß, warum nur die Ostdeutschen büßen sollten, während die Westdeutschen, einschließlich Grass, schon früh auf Bewährung entlassen worden waren.
Als bald darauf alliierte Bomber Angriffe auf Bagdad flogen, hing über dem Eingang zur Humboldt-Universität ein Transparent: "Wann werden wir gebombt?" Klarer und eindeutiger könnte der Wunsch, dass es einen endlich erwischen möge, nicht artikuliert werden.
Deswegen sind Untergangsphantasien und Endzeitängste in Deutschland stärker verbreitet als in Gesellschaften, die nicht täglich mit der strafenden Hand der Geschichte rechnen.
Wenn es nicht das Waldsterben ist, dann ist es die Vogelpest; die Polkappen schmelzen in Deutschland schneller als am Polarkreis, der Tag, an dem nur noch die Turmspitzen des Kölner Doms aus der Nordsee ragen werden, ist so absehbar wie das Ableben der letzten Knoblauchkröte in der Lüneburger Heide. Ein Tag ohne einen Super-GAU ist ein verlorener Tag. Entsprechend sind die Deutschen auch chronisch unglücklich und unzufrieden, unabhängig vom Wetter, der Konjunktur und den Sonderangeboten bei Aldi.
Ein wenig Glück verspricht nur die Aussicht, endlich auch als Opfer der eigenen Geschichte anerkannt zu werden. So wie die Österreicher, die sich 1938 jubelnd von den Nazis überrennen ließen. Zum 70. Jahrestag des "Anschlusses" sagte jüngst Otto von Habsburg, Sohn des letzten österreichischen Kaisers: "Es gibt keinen Staat in Europa, der mehr Recht hat, sich als Opfer zu bezeichnen" als Österreich - und bekam für diese Worte Standing Ovations. In einer Welt, in der alle Opfer sein möchten - die Polen, die Kosovaren, die Palästinenser, die Russen, die Aborigines in Australien, die Inuit in Grönland -, wollen sogar die Enkel und Urenkel der Täter auf der richtigen Seite der Geschichte stehen. Dabei helfen Bücher wie "Der Brand" von Jörg Friedrich und Doku-Dramen wie "Flucht und Vertreibung". Am Ende wird jeder, dessen Opa besoffen von einem Wachturm gefallen ist, behaupten können, auch er habe einen Angehörigen im KZ verloren.
Die unerfüllt gebliebene Bestrafungserwartung verlangt, dass ihr Verursacher nicht zur ewigen Ruhe gebettet werden darf. Er muss weiterleben wie ein Untoter, der nächtens seine Gruft verlässt, um Reisende zu erschrecken. So wird der Hausherr im Spukschloss Germania zum Garant ewigen Unglücks. Er verkörpert das schlechte Gewissen, das nicht vergehen will. Dazu kommt noch ein Verlust der Selbstachtung, den keine Aufbauleistung und keine Handelsbilanz wettmachen kann.
Ein Schurke wie Stalin hatte Grandezza, Hitler nur Blähungen und Mundgeruch. Von so einem um den Verstand gebracht, bis über den Rand des Abgrunds verführt zu werden ist eine Peinlichkeit, die auch nach 60 Jahren noch mehr schmerzt als der verlorene Krieg. Erwischt ein Mann seine Frau mit George Clooney oder Johnny Depp im Bett, wird er darüber nicht glücklich, aber ein wenig stolz sein. Überrascht er sie mit Karl Moik oder Karl Dall, wird er sich vor Verzweiflung gleich die Kugel geben. Die Deutschen sind leider mit dem größten Würstchen aller Zeiten in flagranti ertappt worden, einem impotenten Kotzbrocken.
Die Zeit heilt eben nicht alle Wunden. Mag die ganze Welt ihnen inzwischen verziehen haben, sie selbst nehmen sich diesen Fehltritt noch immer übel. Das spricht für sie, aber es macht ihr Leben zu einem Querfeldeinrennen im Rückwärtsgang.
Deswegen bestehen die Deutschen darauf, dass Hitler ein Dämon war, eine Ausgeburt der Hölle. Wenn man sich schon reinlegen lässt, dann lieber von einem Alien in Menschengestalt als von einem Hütchenspieler. Deswegen wird jeder Ansatz, den "Führer" zu "vermenschlichen", abgewehrt.
Die Verbrechen der Nazis dürfen nicht verharmlost werden, heißt es dann. Tatsächlich soll Hitler nicht auf seine wahre Größe reduziert werden. Deswegen fangen brave Gutmenschen zu hyperventilieren an, wenn nur das Wort "Autobahn" gesagt wird. Deswegen muss jeder Regisseur, der eine Komödie über Hitler dreht, sich als Erstes eine gute Antwort auf die Frage überlegen: "Darf man das?"
Was Hitler so unfassbar und so unbegreiflich macht, ist weniger seine kriminelle Energie als die Tatsache, dass die Leute bei seinen Auftritten vor Lachen nicht ohnmächtig geworden sind. Noch bevor der "Führer" von Charlie Chaplin parodiert wurde, war er schon die perfekte Parodie auf einen großen Diktator, ein elender Politiker, als Komiker wider Willen dagegen erstklassig.
Das "Tausendjährige Reich" begann 1933, vor 75 Jahren. In 925 Jahren wird es vorbei sein. Bis dahin hat die Erinnerungsindustrie noch einiges abzufeiern.
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