AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 13/2008
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22.03.2008
 

Pop

Die totale Entspannung

Von Moritz von Uslar

2. Teil

Die bange Frage, die Udo Lindenberg damals aufwarf, lautete: Wie soll ein Rockstar noch rockende Songs abliefern, wenn ihn sogar Bundespräsidenten wegen seiner Verdienste um die Toleranz, Verständigung und die Sprache gelobt haben?

Der Popstar hat mittlerweile am Kamin Platz genommen, er trinkt sein Teechen, und die zwei Damen starren ihn unverhohlen und mit offenem Mund an: Dieser Udo sieht ja in echt genau wie Udo Lindenberg aus! Hut, Sonnenbrille, hängende Unterlippe. Er ist der Popstar, den Kinder malen können.

Da liegt er, tief im Sessel, breitbeinig und mit einem angespannt federnden Knie, wie so ein Teenager, Bahnhofs-Django, Chefrocker, Spießerschreck, Udo-Darsteller - als hätten wir 1976 und der Popstar müsste immer noch Omis mit seinen hauteng sitzenden Lederhosen erschrecken gehen.

Und der Besucher begreift: Dieser Udo kann, anders als sein Kollege Herbert Grönemeyer, nicht einmal so tun, als sei er ein normaler Mensch geblieben, das geht überhaupt nicht! Er hat als Clown, Astronaut, Außerirdischer angefangen, und das muss er auch bleiben: Freakvater des deutschen Pop.

Auf dem neuen Album haben die Musiker, die Udo in den vergangenen Jahren als Freunde gewonnen hat, mitgewirkt: der Rapper Jan Delay, der Komiker Helge Schneider, Trompeter Till Brönner, die Deutschrock-Heulsuse Stefanie Kloß von Silbermond, der Gitarrist der Band Juli, die große Dame der deutschen Popmusik, Annette Humpe, eine alte Weggefährtin Lindenbergs. Es ist, trotz dieses Staraufgebots, kein Feuerwerk, keine Show, kein Angeberalbum geworden, sondern ein merkwürdig stilles und intimes Werk.

Auf 14 Songs variiert der Sänger seine Themen: Frauen und die Furcht vor Frauen, Wonnen und Tücken des Alkohols, die Kumpelfreundschaft, auf die in Ewigkeit Verlass ist, die Kurven der eigenen Biografie, den Tod, das Alter. Ein Song mit direkter politischer Aussage kommt nicht vor. Es gibt den verwackelten, aus der Hüfte heraus getexteten Vierzeiler: "Wenn du Trouble hast / Mehr geht nicht als wir zwei / Dann sag ich: Bleib mal cool / Selbst der härteste Scheiß geht irgendwann wieder vorbei." Und es gibt, wie im Duett mit Jan Delay, den Udo-Claim, von dem man sich fragt, wie viel Whisky der Mensch eigentlich trinken muss, um auf so eine Zeile zu kommen: "Eigentlich bin ich ganz anders / Ich komm nur viel zu selten dazu."

Auffällig gut ist vor allem der Sound der neuen Platte. Ganz gleich, wie sehr ein Smash-Hit wie "Mein Ding" ins Ohr, ins Radio und in die Hitparaden drängt, an keiner Stelle klingt dieser Song peinlich. Vorstellbar ist, dass der junge Hipster aus der deutschen Großstadt sich einen Udo-Song auf den iPod lädt. Und das würde ja nun wirklich etwas bedeuten.

Hinter dem Wunder des neuen Udo-Sounds steht der Produzent Andreas Herbig, 41, zuletzt mit dem Annette-Humpe-Projekt Ich + Ich erfolgreich. Herbig hat seinem Schützling Udo sein Comeback organisiert, wie das einst die Produzentenlegende Rick Rubin mit dem erschöpften Countrystar Johnny Cash getan hat: Die Idee war, dass der Produzent im Studio der Boss ist und den Sänger nur für den Take reinholt, für den er ihn braucht.

Herbig, der sich als Fan der frühen Udo-Platten outet, erklärt: "Der erste Impuls von Udo geht immer dahin, dass er die laute, die große Rockshow will. Ich finde aber, dass Udos Stärke bei der kleinen, der sehr persönlichen Erzählung liegt."

Der Produzent beherrscht die Kunst des Weglassens: keine Sampler, keine Schnipsel aus den Sound-Bibliotheken. Wenn die Gitarren lärmen, dann klingen sie jetzt weniger oft wie Peter Maffay, öfter wie T. Rex - ein warmer, unfertiger, holpriger Sound, jenseits der prolligen Bizeps-Riffs. Vielleicht ist Udos Lebensproblem - dass er musikalisch vor Punk, also im Größenwahn-Rock der späten Siebziger, steckengelieben ist - überwunden: Der Produzent hat ihn da rausgeholt.

Vor 20 Jahren, als HipHop und elektronische Beats die avancierte Kunst bildeten, hätte der Hörer das "Handgemachte", den live eingespielten Sound, als reaktionär abgelehnt. Heute geht es wieder. Heute klingt der neue Udo-Sound vor allem deshalb, weil er gekonnt auf alt macht.

Und Udos Stimme hat sich verändert: Sie will nicht mehr so viel. Sie klingt jetzt lässig alt. Es singen Zuversicht, Gelöstheit, die totale Entspannung.

Wie ist es möglich, dass der Popstar nach achtjähriger Schaffenspause noch einmal so grandios hinlangt? Grinsender Udo. Zu dieser Frage fällt ihm jetzt komischerweise und sympathischerweise überhaupt nichts ein.

Der Popstar sagt nun Leersätze in der typischen Udo-Schubidu-Nuschel-Diktion auf. Frage: Weshalb gibt es überhaupt ein neues Udo-Album? Antwort Udo: "Ich hörte überall, von den Kleinkindern bis zu den Greisen, den Ruf der Straße: Geben Sie uns neuen Stoff! Das war die kollektive Sehnsucht, Forderung, eine Art Volksbegehren." Das Geheimnis eines guten Liedtextes? "Nüchtern geschrieben, breit gegengelesen. Oder andersrum." Die Idee der neuen Platte? "Ein neues Gefieder, ein neues Sound-Gewand für die Nachtigall. Kann man das so sagen?" Das kann man - als Udo - natürlich exakt so sagen.

In der Hotelhalle wendet er sich nun seinen Fans, den zwei wartenden Damen, zu: unangestrengt freundlich.

Die eine erklärt, dass Udos Songs für sie immer Trost bedeutet haben. Der Popstar nickt. Und nun lässt er für die Damen Champagner und für sich selbst noch einen Kräutertee kommen.

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