Von Hilmar Schmundt
Und doch ist das neue Einfach-Englisch stark umstritten. Die Welt der Sprachpädagogen ist gespalten in zwei Lager: Universalisten und Puristen. Universalisten wie Grzega propagieren das Globalesische als eine Art Esperanto, das alle Kulturen verbinden kann.
Auf der anderen Seite warnen die Puristen vor dem allgemeinen Sprachverfall, dem Verlust von Zwischentönen, Klarheit und Poesie. Während das Englische immer weiter verflache, verunstalteten die englischen Einsprengsel andere Nationalsprachen zu einem minderwertigen Kauderwelsch.
Insbesondere Franzosen misstrauen dem Siegeszug des Englischen. "Pourquoi veulent-ils tuer le français?" lautet zum Beispiel ein Buchtitel: "Warum wollen sie das Französische umbringen?" Und Firmen wie Renault oder France Télécom mussten schon die Verleihung der Anti-Auszeichnung "Prix de la carpette anglaise" über sich ergehen lassen, den "Preis für Englisch-Schleimer".
Aber auch in Deutschland gilt das Globalesische als Bedrohung: "Kann der Staat Fremdwörter und Anglizismen verbannen? Wie können wir Deutsch wieder als Wissenschaftssprache beleben?" Diese Fragen stellt Jutta Limbach, die Präsidentin des Goethe-Instituts, in einem Buch mit dem bangen Titel "Hat Deutsch eine Zukunft?". Und auch der Journalist und Sprachpfleger Wolf Schneider plädiert für die Reinhaltung des Deutschen in seinem neuen Buch "Speak German!".
Doch die Ausbreitung des Globalesischen verändert vor allem das Englische selbst. Denn mittlerweile machen die rund eine halbe Milliarde Muttersprachler nur noch ein Drittel aller Englischsprachigen aus: Die Sprache Shakespeares wird zum Minderheitendialekt des Globalesischen.
Linguisten wie Barbara Seidlhofer aus Wien, die derzeit ein Inventar des Globalesischen erstellt, sprechen meist nur noch von "Englishes" im Plural: dem französischen Franglish, vom chinesischen Chinglish, dem deutschen Denglisch und dem indischen Hinglish. Viel zu tief hätten die Sprachpuristen in den Köpfen verankert, dass nur eine Muttersprache eine legitime Sprache sei.
Denn was genau sollte überhaupt als Goldstandard einer Hochsprache gelten? Nicht einmal die Queen herself spricht mehr ein lupenreines "Queen's English", hat der Phonetikprofessor Jonathan Harrington von der Universität München festgestellt. Hatte das britische Staatsoberhaupt bei Amtsantritt 1952 noch versnobt "happay" genäselt, so verwendet sie heute das schlichte globalesische "happy", wenn sie sich glücklich schätzt.
Kein großer Grund zur Sorge, findet der britische Linguist David Crystal, einer der renommiertesten Englischexperten und Autor der "Cambridge Encyclopedia of the English Language". Zwar seien Ausdrucksformen auf dem Vormarsch, die traditionell von Englischlehrern als Fehler gewertet werden. So sei zum Beispiel immer öfter von "informations" die Rede, wo es korrekt "pieces of information" heißen müsse. Doch warum auch nicht?
Es scheint paradox: Der Siegeszug des Englischen löst ausgerechnet im Land seiner Herkunft eine Identitätskrise aus. Die wohl besorgteste Studie stammt nicht aus Frankreich oder Deutschland, sondern vom British Council, der obersten Kulturpflege-Organisation des Königreichs: "Das ist nicht mehr das Englisch, das wir kannten. Und wenn es womöglich auch einen Triumph für die englische Sprache an sich bedeutet, dann bietet es für die Muttersprachler dennoch keinen Grund zum Feiern", schreibt David Graddol in dem Bericht mit dem Titel "English Next".
Zwar exportiere allein Großbritannien Jahr für Jahr Englischunterricht im Wert von rund 1,3 Milliarden Pfund. Doch gesucht würden heute oft nicht mehr Muttersprachler mit ihrer überkomplexen Wortwahl, sondern vielmehr Lehrer, die Englisch selbst als Fremdsprache gelernt haben und daher deutlicher und einfacher sprechen. "Asien, insbesondere China und Indien, sind in einer Schlüsselposition, um die weitere Entwicklung der englischen Sprache zu beeinflussen", schreibt Graddol. In China zum Beispiel waren zeitweise Englischlehrer aus Belgien besonders beliebt - wegen ihrer Erfahrung mit dem Sprachenmischmasch daheim. Der Bericht des British Council stellt bekümmert fest: "Die Verständlichkeit zählt mehr als die Korrektheit der Muttersprache."
Genau nach diesem Prinzip verfährt auch Grzega in seinem Unterricht in Goldkronach. "He go" sagt ein Schüler, grammatisch unkorrekt, aber inhaltlich eindeutig: "Er geht." Grzega lobt ihn.
Doch als eine Schülerin sagt "se chop", schreitet Grzega energisch ein: Er fordert nicht das korrekte "Th" ein, auf das viele Gymnasiasten so stolz sind. Stattdessen übt er mit den Schülern das weiche "B". "The joooob", spricht er vor, und die Schüler krakeelen mit: "Se joooob." Denn schließlich geht es um eine Arbeitsstelle ("job") und nicht um einen "Schlag" (chop).
Aber das größte Erfolgserlebnis hat Grzega, als er selbst kritisiert wird. Eine Schülerin bittet ihn, statt des roten Stiftes einen schwarzen zu nehmen, weil sie das besser lesen kann. "Please ... black ... pen" stammelt sie. Grzega strahlt. Denn sie hat sich verständlich gemacht, auf gut Globalesisch.
Das Lehrmaterial und weitere Infos unter www.spiegel.de/globalesisch.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Wissen | RSS |
© DER SPIEGEL 14/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH