Als die Spieler in die Halbzeitpause verschwunden sind, beginnt im Stadion an der Anfield Road die Demonstration. Auf dem "Kop", der legendären Fan-Tribüne des FC Liverpool, werden Banner mit dem Slogan "Yanks out" entrollt. Dann singen fast alle im Stadion: "Sie machen sich nichts aus Rafa, sie machen sich nichts aus den Fans, Liverpool ist in den falschen Händen." Minutenlang wiederholen sie ihren Protest gegen die amerikanischen Besitzer ihres Vereins, die Trainer Rafael Benítez loswerden wollen und nicht viel übrighaben für das, was diesen Verein so groß und berühmt gemacht hat: seine Fans. Sie singen und klatschen, und bald wirkt ihr Klagegesang wie der Teil einer Liturgie. Es geht hier um mehr als nur schlechte Spiele oder ein paar Niederlagen zu viel, die Dinge laufen grundsätzlich schief beim FC Liverpool.
Auf dem Kop in Liverpool wurden Anfang der sechziger Jahre zum ersten Mal Fan-Gesänge angestimmt. Von hier aus schwappte zwei Jahrzehnte später die Gewalt der Hooligans über den Kontinent, die 1985 beim Europapokal-Finale im Brüsseler Heysel-Stadion gegen Juventus Turin 39 Fans das Leben kostete. Und nun will einer, der seit mehr als vier Jahrzehnten auf dem Kop zu Hause ist, der Fußballgeschichte ein weiteres neues Kapitel hinzufügen. Rogan Taylor, Autor einer Doktorarbeit über primitive Religionen, stellte vor einigen Wochen eine unerhörte Frage: Warum sollen nicht die Fans den Club kaufen?
Er saß mit Freunden beim Abendessen, und sie diskutierten, was es kosten würde. "500 Millionen Pfund müssten eigentlich reichen", sagt Taylor. Wie viel wären treue Fans wohl bereit für einen Anteil am FC Liverpool zu zahlen? 5000 Pfund, glaubt Taylor, also brauchte man 100.000 Leute. Wie viele Fans hat der Club? "In England gut anderthalb Millionen, rund 20 Millionen in der ganzen Welt", sagt Taylor.
Es gibt Leute, die halten ihn für größenwahnsinnig oder schlicht verrückt, aber Taylor hat die Selbstsicherheit eines Mannes, der bereits auf ungewöhnliche Weise erfolgreich gewesen ist. "Ich mag große Ideen, und ungefähr alle zehn Jahre habe ich eine", sagt er mit krächzendem Lachen. Taylor ist jetzt 63 Jahre alt, und an der Universität Liverpool leitet er die Football Industry Group, die er vor mehr als zehn Jahren initiierte und die einen weltweit einzigartigen Studiengang zur Ausbildung fürs Fußballgeschäft anbietet. Nach der Katastrophe im Heysel-Stadion 1985 gründete er die Football Supporters' Association, die als vereinsübergreifende Organisation die Interessen der Fans vertritt.
Damals hatte Rogan Taylor einen Leserbrief an eine große Tageszeitung geschrieben, diesmal nutzt er das Internet. Taylor ließ eine Website bauen und verkündete auf einer Pressekonferenz den Start von shareliverpoolfc.com. "Ich wollte einfach mal die Angel auswerfen und schauen, ob der Fisch anbeißt."
Sicher war das nicht. Im englischen Profi-Fußball ist es nicht üblich, Mitglied in einem Club zu werden. Die Vereine sind Unternehmen, auch wenn mehr als hundert Jahre lang selten jemand damit richtig Geld verdiente. Viele gehörten reichen Unternehmerfamilien, die sich als Schutzherren verstanden und die Clubs für ihre Arbeiter und Angestellten am Leben hielten. Diese Welt ist zwar längst untergegangen, doch als stimmberechtigtes Mitglied einen Club mitzuregieren ist für viele englische Fans noch immer eine ungeheure Vorstellung.
Trotzdem sind jenseits des großen Fußballgeschäfts in den vergangenen 15 Jahren in England 21 Vereine durch die Intervention sogenannter Supporters' Trusts vor der Pleite gerettet worden, 13 werden noch immer von Fans geführt, darunter sogar drei aus der vierten Liga.
"Aber erst wenn ein großer Club wie Liverpool den Fans gehören würde, wäre das ein Signal", sagt John Williams, der das Centre for the Sociology of Sport an der Universität in Leicester leitet und selbst Fan des FC Liverpool ist. Er glaubt, dass die Fans sich inzwischen weniger vom Zauber der Premier League blenden lassen - vor allem seit ausländische Investoren in der kommerziell erfolgreichsten Fußball-Liga der Welt auf große Profite hoffen. Die Eintrittspreise sind fast dreimal so hoch wie in der Bundesliga, und viele Anhänger, sagt Williams, "verstehen langsam, dass die neuen Besitzer die Clubs nicht übernehmen, um tolle Spieler zu kaufen".
Noch aber gibt es den "Mythos vom Sugar Daddy", wie das der "Guardian" nennt, den Mythos vom Investor, der sich für Fußballmärchen zuständig fühlt. Ob Liverpool, Aston Villa oder West Ham United, überall wünschten sich die Fans einen neuen Roman Abramowitsch. Doch der russische Mäzen des FC Chelsea ist einer der ganz wenigen, der ohne Gewinnabsicht investiert.
"In England", sagt Roly Edwards, 55, Geschäftsführer des FC Ebbsfleet United, "haben unglaublich viele Menschen die Nase vom Spitzenfußball voll, weil das alles nicht mehr real ist." Das klingt wie ein guter Witz, schließlich ist sein Club gerade von einer virtuellen Gemeinschaft übernommen worden. Der Fünftligist, der eine Dreiviertelstunde östlich von London an der Themse-Mündung beheimatet ist, gehört seit sechs Wochen den Mitgliedern von myfootballclub.co.uk. Für umgerechnet 833.000 Euro erwarben 28.250 Fans Mitte Februar drei Viertel des FC Ebbsfleet United und bestimmen nun dessen Schicksal.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Sport | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Fußball | RSS |
© DER SPIEGEL 14/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH