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Ausgabe 14/2008
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Fussball Fans 2.0

2. Teil: "Die Zeit ist reif für das Gefühl, dass wir Fans an die Macht kommen können"

Edwards ist ein jovialer Mensch, der um die Ecke des Stadions ein Transportunternehmen betreibt und sich selbst als "echten Traditionalisten" sieht. Seit 1964 besucht er die Spiele des Clubs, seit zwölf Jahren ist er ehrenamtlicher Geschäftsführer und schaut mittags wie abends jeweils für ein oder zwei Stunden in seinem Büro vorbei, das man höflich als etwas abgeschabt beschreiben könnte.

Die neuen Besitzer des FC Ebbsfleet kommen aus 72 Ländern, darunter sind auch 100 Fans aus Deutschland. Vor kurzem reisten sogar zwei Anteilseigner extra aus Los Angeles an, um sich ein Spiel anzuschauen. "Sie wollten wohl in einem Moment dabei sein, in dem Geschichte geschrieben wird", sagt Will Brooks, der Gründer von myfootballclub.co.uk. Zum ersten Mal in der Geschichte habe eine Internet-Community ein Unternehmen gekauft, und der ehemalige Journalist glaubt, dass nach diesem Vorbild aus dem Fußball bald auch Institutionen wie Schulen oder Theater von Netz-Gemeinschaften übernommen werden könnten.

"Die Zeit ist reif für das Gefühl, dass wir Fans an die Macht kommen können", sagt er. Die User von myfootballclub.co.uk haben bei Ebbsfleet United für umgerechnet 45 Euro Jahresbeitrag sogar mehr Einfluss als Abramowitsch bei Chelsea: Sie werden bald die Aufstellung der Mannschaft steuern können. Trainer Liam Daish schlägt sein Team vor, die User stimmen darüber ab. "Aber letztlich ist doch die Gefahr größer, dass ich mich mit einem Einzelnen überwerfe als mit 30.000 Leuten", sagt der Coach.

Bislang wurde nur über den Ausrüster oder die Gestaltung von Shirts und Hosen abgestimmt. So wartet der Internet-Unternehmer Brooks neben dem windigen Trainingsplatz mit einem neuen Trikotsatz, was für echte Freude im Team sorgt. Trainer und Spieler sind zwar Vollprofis, aber verdienen im Schnitt gerade mal 2000 Euro im Monat.

Was aus der Ferne wie der bizarre Versuch eines Fußballmanager-Spiels mit echten Menschen wirkt, ist aus der Nähe betrachtet eine ziemlich reale Angelegenheit. "Wir merken jetzt, dass wir wirklich Verantwortung haben", sagt Brooks und findet das manchmal "fast etwas gruselig".

Rogan Taylor hat bisher fast 10.000 Menschen gefunden, die für einen Anteil am FC Liverpool 5000 Pfund investieren würden, die Kampagne kommt langsam in Schwung. Hochrangige Geschäftsleute, Banker und Rechtsanwälte basteln an möglichen Übernahmemodellen und Satzungen, die sich am FC Barcelona orientieren sollen. Dort wählen die Mitglieder direkt den Präsidenten, und wie bei vielen anderen spanischen Clubs überbieten sich die Kandidaten in Wahlversprechen, die sie dann oft genug mit eigenem Geld einlösen. Doch auch eine Minderheitsbeteiligung oder andere Zwischenlösungen will Taylor zunächst nicht ausschließen, das Modell ist langfristig angelegt. Taylor spricht von einer "Konterrevolution". Es könne doch nicht sein, "dass sich jeder hergelaufene Fremde einen Club kaufen kann, obwohl er nicht einmal das Geld dazu hat".

Die beiden amerikanischen Investoren Tom Hicks und George Gillett sind im Februar 2007 wie Heuschrecken über den FC Liverpool hergefallen. Sie übernahmen den Club für 332 Millionen Euro, die dafür notwendigen Kredite sollen aus den Einnahmen des Clubs bedient werden. Das fällt inzwischen auch deshalb schwer, weil der FC Liverpool seit Monaten vom Streit der neuen Inhaber paralysiert ist. Liverpool hat 141 Millionen Euro Schulden. Gillett will seine Anteile verkaufen, Hicks vielleicht auch, niemand weiß, was sie eigentlich vorhaben mit dem Club.

Der Aufstand der Fans begann, nachdem bekannt wurde, dass Hicks die Einnahmen aus Liverpool an seine Vereine in den USA, einen Baseball- und einen Eishockey-Club, weiterleiten will und Trainer Benítez, mit dem Liverpool 2005 die Champions League gewann, durch Jürgen Klinsmann ersetzen wollte. Gillett sagt, seine Familie habe Morddrohungen bekommen. So absurd ist diese Seifenoper aus der Investorenwelt, dass für einige Fans sogar Finanzinvestoren aus Dubai, die sich beim FC Liverpool einzukaufen versuchen, als Retter in der Not erscheinen.

Sowohl beim FC Liverpool als auch beim Ebbsfleet United verschmelzen auf erstaunliche Weise Globales und Lokales. Der kleine Club von der Themse hieß bis zum vorigen Jahr noch Gravesend & Northfleet und wurde umbenannt, weil in der Nachbarschaft des neuen Eurostar-Bahnhofs Ebbsfleet auf der Strecke von England zum Kontinent eine gleichnamige Ortschaft mit 10.000 neuen Wohnungen entsteht. Roly Edwards und seine Kollegen spekulierten schon vor der Übernahme durch myfootballclub.co.uk auf die zukünftigen Bewohner als Fans. Mit der Hilfe aus dem Internet will der Club nun auch vor Ort attraktiver werden, die Pläne für ein neues Stadion sind fast fertig.

Shareliverpoolfc.com wiederum wendet sich an Fans in der ganzen Welt. Die zweitmeisten Zugriffe kommen aus Norwegen, wo 30.000 organisierte Fans leben, und die Internet-Seite gibt es inzwischen auch auf Chinesisch. Taylor glaubt, dass sein Modell mit wachsender räumlicher Entfernung an Reiz gewinnt. "Wie attraktiv muss es für einen Geschäftsmann in Hongkong sein, der immer nur aus der Ferne Fan sein konnte, ein Teil des FC Liverpool zu werden wie jeder andere?"

Zum Unwillen vieler alteingesessener Fans gehörte der FC Liverpool zu den Clubs, die globale Marken wurden. Viele hat das von ihrem Club entfremdet, aber nun wird ihr FC Liverpool vielleicht gerade dank Internet und Globalisierung zu einem Verein der Fans.

Die Sehnsucht nach Teilhabe scheint überall groß zu sein. Will Brooks hat bereits Anfragen aus Dänemark, den USA und Italien abgelehnt, dort Vereine nach dem Vorbild von Ebbsfleet United zu übernehmen. In Israel funktioniert Hapoel Kiryat Shalom, ein Sechstligist aus Tel Aviv, nach ähnlichem Prinzip, und in Frankreich will die Internet-Community cmonclubdefoot.fr einen Verein kaufen.

In Deutschland sind zwar viele Fans längst Mitglieder in ihren Vereinen, aber weil ihr Mitspracherecht bei den Profi-Clubs inzwischen drastisch reduziert wurde, gibt es hierzulande ähnliche Projekte.

Auf der Website klub-der-fans.de haben sich mehr als 4000 Fans registrieren lassen, um einen Verein zu übernehmen. Und am gestrigen Donnerstag startete deinfussballclub.de, eine virtuelle Spielgemeinschaft des Medienunternehmers Dirk Daniel Stöveken. Sie will 49 Prozent der Anteile des ehemaligen Zweitligisten Fortuna Köln übernehmen. Voraussetzung: Es finden sich 30.000 Mitglieder, die 39,95 Euro pro Jahr zahlen wollen.

Schirmherr des Projekts ist der Filmregisseur Sönke Wortmann. Der Club war in den vergangenen Jahren bis in die fünftklassige Verbandsliga abgerutscht, nachdem sich Präsident Jean Löring zurückgezogen hatte. Der Verein gehört aber immer noch zu denjenigen mit den meisten Jugendmannschaften in Deutschland. Über die Mannschaftsaufstellung werden die User aber nicht abstimmen können. Wortmann sieht dadurch "die Autorität des Trainers untergraben". Trotzdem glaubt Wortmann an den Erfolg des Modells, "weil es sehr bodenständig ist".

Bei Ebbsfleet United hingegen ist schon das erste Fußballmärchen des Internet-Zeitalters wahr geworden. United hat das Pokalfinale für unterklassige Mannschaften erreicht und darf am 10. Mai zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte im Wembley-Stadion spielen. 20.000 Fans werden dabei sein, darunter auch viele Mitglieder von myfootballclub.co.uk, die inzwischen eine fast altmodische Anhänglichkeit entwickelt haben.

Als Trainer Daish der Ebbsfleet-Community neulich mitteilte, dass er gern tragbare Tore fürs Training hätte, wurden innerhalb von anderthalb Stunden 2000 Euro gesammelt. Früher ist man für so etwas in der Vereinskneipe mit einer Zigarrenkiste herumgegangen.

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