Von Markus Feldenkirchen
Keiser sitzt hinter dem Tisch wie ein Kaufmann hinter seiner Auslage. Er hat seine Broschüren, Aufkleber und die Postkarten mit den Raucherlungenfotos ausgelegt. Davor hat er eine Kaffeetasse gestellt. Aber sie dampft nicht. Sie ist randvoll mit schwarzem Teer. Keiser hat ein Fähnchen mit einem Hinweis in den Teer gesteckt: "Wer täglich 20 Zigaretten raucht, nimmt eine Tasse Teer im Jahr auf!"
"Da weiß jeder Bescheid", sagt er.
Einen Tag in der Woche darf Horst Keiser im Gesundheitsamt Wiesbaden neben dem Eingang sitzen und die Menschen vor den Gefahren des Rauchens warnen. Er ist Vorsitzender der Nichtraucher-Initiative Wiesbaden e. V., vor 21 Jahren hat er den Verein erfunden. Aber es geht längst nicht mehr um Wiesbaden, irgendwann ist Keiser der Kurort zu klein geworden. Das geht allen Missionaren irgendwann so.
"Das Ziel ist ein rauchfreies Deutschland", sagt Keiser.
Seit Anfang des Jahres neue Rauchverbote in Kraft getreten sind, hat Horst Keiser eine gewisse Berühmtheit erlangt. Im ganzen Land hat sich eine Art Raucherpolizei formiert, die über die Einhaltung der Gesetze wacht, und Keiser, graue Strickjacke, gelbgetönte Brille, ist so was wie ihr Hauptkommissar. Er ist der Mann, der Helmut Schmidt angezeigt hat. Wer was zu melden hat, wendet sich seither an ihn.
Das Telefon klingelt.
"Wo gibt's Probleme?", fragt Keiser.
"Am Arbeitsplatz", sagt eine Frau.
"Haben Sie mit dem Chef gesprochen?" Habe sie, sagt die Frau, leider ohne Erfolg.
Die Frau am Telefon sagt, dass die Firma 20 Mitarbeiter habe, ein Drittel rauche.
"Das ist ja furchtbar. Raucht der Chef denn auch?" Ja, leider.
"Herrjemine!", ruft Keiser. "Ganz, ganz furchtbar." Er macht einen Vorschlag: "Wie wäre es, wenn wir den Chef mal anschreiben? Haben wir schon oft gemacht."
Seit der Sache mit Schmidt ruft ganz Deutschland bei Keiser in Wiesbaden an. Er bekommt Briefe, E-Mails, Faxe. Wenn jemand Raucher im Restaurant meldet, rät Keiser, erst mit dem Wirt zu reden und sich dann ans Ordnungsamt zu wenden. "Schriftlich - das hat mehr Wirkung."
Um Punkt 18 Uhr packt Keiser seine Raucherlungenfotos und die Teertasse ein, zu Hause wartet seine Frau mit richtigem Kaffee. Er steigt in seinen Toyota Prius, das Auto mit Hybridantrieb. Keiser kümmert sich nicht nur ums Rauchen. Er ist Mitglied in 26 gemeinnützigen Vereinen, darunter sechs Tierschutzinitiativen und der Sonnenstromverein Hessen e. V.
Keiser hat sein Leben lang versucht, sich völlig richtig zu verhalten. Was er tat, tat er stets "der Sache wegen", so nennt er das. Er wirkt chronisch enttäuscht, er hadert viel, weil seine Mitmenschen seinen Maßstäben nicht gerecht werden. "Es ist sehr schwierig, die Menschen zu verändern. Sehr schwierig."
Eigentlich sei Wiesbaden schön, sagt Keiser in seinem Prius. Aber die Schmierereien und der Dreck, das störe doch sehr. Er zeigt auf einen ziemlich sauberen Bürgersteig. "Das Unheil beginnt, wenn man sein Bonbonpapier fallen lässt. Oder wenn Kinder Sträucher abknicken." Oder wenn dieser Schmidt raucht.
Es ist die Null-Toleranz-Theorie, Keiser würde sie gern in Deutschland anwenden, er will im Kleinen anfangen, beim Bonbonpapier und beim Altkanzler. Wenn die Menschen sich nicht an die Regeln hielten, gehe es den Bach runter. "So vermüllt irgendwann alles." Dann bremst Keiser und sagt: "Wenn die Ampel schon gelb ist, bremse ich immer."
Zu Hause angekommen, geht Keiser die Treppe hinab in die Räume der Nichtraucherinitiative. Der Keller ist vollgestopft mit Postern, Broschüren, Aufklebern, Folien und Artikeln, in denen es um nichts anderes als die Gefahren durchs Rauchen geht. Zwischen den Broschüren wartet seine zweite Frau mit dem Kaffee. Von hier unten steuern die beiden ihren Feldzug. Es ist der Luftschutzkeller des 21. Jahrhunderts.
Das Unsympathische an Leuten wie Keiser ist, dass sie das Richtige so unsympathisch aussehen lassen. Es ist das Schicksal vieler Überzeugungstäter. Sie klammern sich an das, was sie einmal für richtig befunden haben, wie der Süchtige an seine Zigaretten, und, schlimmer noch, sie wollen den anderen süchtig machen.
Vor ein paar Jahren sollte Keiser das Bundesverdienstkreuz bekommen, für sein ehrenamtliches Engagement. Aber er wollte nicht. Er hatte recherchiert und rausgefunden, dass die Ehrung auch an Udo Lindenberg verliehen worden war. Das regt ihn heute noch auf. "Ich meine, dieser Kerl: Kettenraucher, Säufer, mit 40 Jahren Herzinfarkt wegen seines lotterhaften Lebens. Ich sage nur: Bahh! Da empfinde ich nichts als Abscheu."
Ein Mitstreiter aus der Nichtraucherinitiative hat ihm gesagt, er solle das Kreuz trotzdem annehmen: "Mach's der Sache wegen." Das hat Keiser überzeugt.
© DER SPIEGEL 14/2008
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