Von Stefan Berg
Jeden Tag", sagt Dieter Kießling, "jeden Tag gehe ich an dieser Figur vorbei." Er schreitet über den Platz vor dem Rathaus von Reichenbach, ein paar Leuten nickt er grüßend zu, dann hat er die Figur erreicht. Es ist ein Mann, dessen halbes Gesicht von einer Maske - einem Schafskopf - verdeckt wird. Geschaffen hat diese Skulptur der Leipziger Bildhauer Wolfgang Mattheuer. Sie heißt "Gesicht zeigen".
Kießling, 57, ist Oberbürgermeister von Reichenbach im sächsischen Vogtland, und er meint, es sei wieder Zeit, Gesicht zu zeigen. "Wofür", fragt er, neben der Skulptur stehend, "sind wir denn 1989 auf die Straße gegangen?"
So aufgewühlt wie jetzt seien die Leute in Reichenbach schon lange nicht mehr gewesen, sagt Kießling. Er selbst ist empört über die Geschichte, die in seinem Rathaussaal ihren Ursprung nahm und im fernen Berlin eine Debatte darüber auslöste, wie es mit der Aufarbeitung der DDR-Geschichte wohl weitergehen soll. Wie in einem Lehrstück von Bertolt Brecht wird in Reichenbach derzeit vorgeführt, wie Unrecht fortwirkt - und dass Geschichte nicht endet.
Es geht um einen Pfarrer, der einen früheren Stasi-IM öffentlich beim Namen nennt, dessen Spitzelberichte zu Festnahmen führten, um einen Rechtsanwalt mit Parteibuch der Linken, dem das Wort "Pogrom" leichtfertig über die Lippen kommt - und ein Gericht, das die öffentliche Namensnennung des Täters vorläufig verboten hat. Es ist diese Mischung, die den Fall zum Fanal in Sachen Aufarbeitung macht.
Sollte sich der einstige IM durchsetzen, fürchtet die Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, große Probleme für die Beschäftigung mit der DDR-Geschichte. Wolfgang Thierse (SPD) mahnt: "Wir müssen die Dinge doch im wahrsten Sinne des Wortes beim Namen nennen können." Aber hat nicht auch ein langjähriger Spitzel, dessen Taten fast 20 Jahre zurückliegen, das Recht auf eine Art Verjährung?
Der Rathaussaal war voll am 27. Februar, als die Auseinandersetzung begann. Es redete Edmund Käbisch, früher Domprediger in Zwickau, ein mutiger Mann, den die Staatssicherheit ins Visier nahm und der sich seit dem Herbst 1989 um Aufklärung bemüht. Die "Zersetzungsmaßnahmen" haben bei Käbisch Spuren hinterlassen. Er wirkt oft nervös, blickt um sich, als wären die Häscher noch hinter ihm her. Mit Schülern hatte er eine Ausstellung zum Thema "Christliches Handeln in der DDR" gestaltet, die an diesem Tag im Rathaus eröffnet werden sollte. Käbisch, 64, stand vorn am Video-Beamer. Ein Schaubild nach dem anderen projizierte er an die Wand, auch jenes über den Inoffiziellen Mitarbeiter "Schubert". Auf dem Bild stand dessen Klarname.
Vortrag und Diskussion waren vorbei, da ging ein freundlicher Herr auf den Oberbürgermeister zu und erklärte, er sei jener IM "Schubert" gewesen: S., 46, soll Kießling später auch informiert haben, dass viele frühere Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit im Raum gewesen seien. "Es ist gespenstisch", sagt Kießling, fassungslos über das Selbstbewusstsein, mit dem der einstige Spitzel auf ihn zugegangen war.
Der Auftritt im Rathaus war nur der Anfang. Am 7. März traf in Kießlings Büro der "Erlass einer einstweiligen Verfügung" des Landgerichts Zwickau ein. Das hatte entschieden, es sei vorläufig verboten, den Namen des Ex-Spitzels öffentlich zu nennen, endgültig wird es darüber noch befinden. Aber Käbisch musste die entsprechende Ausstellungstafel schon mal abhängen. "Denn der mit den personenbezogenen Daten unterlegte Hinweis auf die IM-Tätigkeit war geeignet, Ansehen und Wertschätzung des Antragstellers in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen und ihn gewissermaßen an den Pranger zu stellen" - so sah es das Gericht.
Vertreten wird der frühere IM "Schubert" von Rechtsanwalt Thomas Höllrich, einer Lokalgröße der Linken. Er klagt über eine Pogromstimmung in Reichenbach, wo ja schließlich jeder jeden kenne. Ein zweiter ehemaliger Zuträger des Ministeriums für Staatssicherheit geht inzwischen ebenfalls gegen Käbischs Ausstellung vor, auch er vertreten von Höllrich.
Das Dorf, aus dem IM "Schubert" stammt und in dem er heute wieder wohnt, ist ein beschaulicher Ort mit schiefergedeckten Häusern, einem Sportplatz und einer alles überragenden Kirche. Das Haus in Neumark bei Reichenbach, an dessen Klingelschild der Name des einstigen Stasi-Zuträgers steht, sieht allerdings aus wie nach einer Flucht: Die Jalousien sind heruntergelassen.
Der Ex-Spitzel, dessen vollen Namen auch der SPIEGEL aus rechtlichen Gründen nicht nennt, ist ein kleiner, erfolgreicher Unternehmer in dem Dorf, in dem er fast Tür an Tür mit Opfern der Staatssicherheit wohnt. Aber er ist nicht zu sprechen. Der Mann, der sich im Rathaus von Reichenbach zum IM "Schubert" bekannte, lehnt jede Stellungnahme zu den Details seiner Akte ab. Deshalb ist es auch nicht möglich, ihn zu fragen, wie jemand, der heute auf seinen Persönlichkeitsrechten beharrt, dazu steht, sie früher auf eine Weise verletzt zu haben, die auch nach fast zwanzig Jahren Stasi-Debatte fassungslos macht.
S. wurde 1980, noch als Oberschüler, im Alter von 18 Jahren angeworben. "Operative Zielstellung" war es, ihn in die Junge Gemeinde der evangelischen Kirche zu schleusen. Bereits wenige Monate später notierte ein Geheimdienstoffizier: Informationen des IM hätten das Ministerium "im Kampf gegen den Feind wirkungsvoll unterstützt". Der IM habe die "Konspiration" verdächtiger Personen durchbrochen, die dadurch der staatsfeindlichen Tätigkeit überführt werden konnten. "Gegen 4 Personen konnten Ermittlungsverfahren mit Haft durch unser Organ eingeleitet werden."
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© DER SPIEGEL 15/2008
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