Von Markus Brauck
Doch Boudgoust meint es ernst. Er sieht die Verlage tatsächlich als potentielle Partner und würde sie gern auf seine Seite ziehen, weil er im Internet gewissermaßen ein neues duales System entstehen sieht. So wie ARD und ZDF im Fernsehen das Gegengewicht zu den rein kommerziell ausgerichteten TV-Sendern bilden, würde er im Internet gern eine Allianz der Qualitätsmedien von ZDF bis "FAZ" schmieden. Gegen die großen Telekommunikationskonzerne und die Unterhaltungsriesen.
Im Internet wüchsen die journalistischen Disziplinen ohnehin zusammen, und Videos stünden gleichberechtigt neben Textbeiträgen, sagt er. Da noch zwischen Text- und Bewegtbildjournalismus zu unterscheiden sei doch von gestern.
Doch so einfach ist es nicht. Denn auch wenn im Netz alle alles machen, sind die Zeitungsverleger gegenüber den Öffentlich-Rechtlichen in einem Punkt stets im Nachteil: Sie können keine Gebühren verpulvern.
Jeder Euro, den sie in ihre Online-Angebote stecken, muss entweder am gleichen Platz über Werbung finanziert oder von den Gewinnen der Zeitungen und Zeitschriften alimentiert werden. Zurzeit ist es meist ein Zuschussgeschäft. Wenn die Gebührenriesen ARD und ZDF dort mit ihrer geballten Kraft einsteigen, könnte das auch die bisher erfolgreichen Angebote von Verlagen durcheinanderrütteln.
Die Burda-Managerin Christiane zu Salm sieht die öffentlich-rechtliche Aufgabe vor allem darin, Angebote bereitzustellen, die auf dem freien Markt nicht zu finanzieren seien. Textangebote wie tagesschau.de oder manches Ratgeber-Angebot stünden jedoch in Konkurrenz zu privaten Angeboten.
Doch Boudgoust glaubt an die Gemeinsamkeit. Und so war er auch der Urheber einer Idee, die vielleicht nur eine besondere List war. Schon vor Monaten lockte er die Zeitungsverleger mit einer Kooperation. Er regte an, dass sie für ihre Internet-Auftritte öffentlich-rechtliche Bewegtbilder nutzen könnten. Das war ein guter Köder für die Presse. So einfach würden die Zeitungen nirgendwo anders an qualitativ gleichwertige Videoclips kommen.
Zuerst griff die WAZ zu. Weitere Verlage wollen folgen. Auch die "Süddeutsche Zeitung"("SZ") liebäugelte lange mit einer ZDF-Offerte, um sich dann aus den Verhandlungen zurückzuziehen.
"Das ist ein durchsichtiges Manöver", sagt Richard Rebmann, Geschäftsführer der Südwestdeutschen Medien Holding (SWMH), zu der die "SZ" gehört. Er zog die Notbremse. "Die Öffentlich-Rechtlichen versuchen mit diesem Angebot doch nur, unseren Argumenten gegen eine öffentlich-rechtlich elektronische Presse die Grundlage zu entziehen." Zumindest sein Verlag wolle sich "publizistisch in keiner Form alimentieren lassen".
Doch eine so klare Kante wie die SWMH zeigen nur wenige Verlage. Nicht einmal die großen. Im Springer-Verlag hat man sich noch keine abschließende Meinung gebildet. Holtzbrinck verhandelt derzeit für die Wochenzeitung "Die Zeit" über eine Kooperation mit dem ZDF.
Kaum einer traut sich wirklich aus der Deckung. Einerseits will kein Verlag ARD und ZDF in die Hände spielen. Andererseits möchte auch kaum einer am Ende als der Dumme dastehen, der nicht aus dem vollen Bewegtbild-Pool der Öffentlich-Rechtlichen schöpfen kann.
Drinnen verhandelt man. Draußen beharkt man sich. Man schenkt sich nichts.
Kein Termin wird ausgelassen, um aufeinander einzuprügeln. Auch an diesem Montag, wenn sich die ARD-Intendanten in Bonn treffen, werden sie wieder den drohenden Untergang der Kultur an die Wand malen, sollte man ihnen im Internet nicht freie Bahn lassen.
Unterstützung bekommen sie zurzeit vom rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck (SPD). Er will für das Internet "eine Insel, wo die Nutzer Qualität finden können. Deshalb müssen auch ARD und ZDF mit Public Value im Netz vertreten sein". Aus der Bayerischen Staatskanzlei schallt es zurück: "ARD und ZDF sind nicht die alleinigen Garanten für Qualitätsjournalismus in Deutschland", sagt Staatsminister Eberhard Sinner (CSU).
Mit Formulierungen von den "Inseln" oder "Leuchttürmen" der Qualität wagen sich die Öffentlich-Rechtlichen weit vor. Die Skandale um Schleichwerbung oder um die übergroße Nähe zum Radsport, um Interviewverträge mit Jan Ullrich sind so lange auch noch nicht her. Ganz abgesehen von fragwürdigen Aktionen wie der Verpflichtung von Bruce Darnell fürs Erste.
ARD und ZDF übertragen ihre öffentlich-rechtliche Überheblichkeit in Sachen Qualität ziemlich simpel vom Fernsehmarkt aufs Internet, wo sie nicht mehr nur RTL und Sat.1, N24 und N-tv begegnen, sondern der "FAZ" und dem "Stern", der "Süddeutschen Zeitung" und dem SPIEGEL.
Doch die ARD präsentiert sich unverdrossen auf diese Weise. Etwa auch in einem aktuellen Schreiben an die Europäische Kommission. Dort heißt es, der öffentlich-rechtliche Rundfunk müsse im Internet gestärkt werden, vor allem "seine Rolle für die Demokratie, den sozialen Zusammenhalt, Bildung, Kultur und lebenslanges Lernen". Der Grund: "Die kommerziellen Veranstalter" zögen sich "aufgrund ihrer speziellen ökonomischen Motivationslage aus der gesellschaftlichen Verantwortung" zurück. So ähnlich zieht sich das seitenlang durch den Text.
Für Blätter wie "FAZ" oder "Süddeutsche Zeitung", die ja auch "kommerzielle Veranstalter" sind, muss das wie Hohn klingen.
Es ist das Weltbild des dualen Systems, in dem die öffentlich-rechtlichen Anstalten sich für den letzten Fels halten, umtost von einer Brandung des Blödsinns und der Verflachung. Doch ob man ARD und ZDF im Internet in dieser Rolle überhaupt braucht, ist fraglich. Diese Rolle füllen dort schon andere aus.
Der Medienwissenschaftler Robin Meyer-Lucht sieht ziemlich illusionslos, was geschehen würde, wenn man ARD und ZDF freie Bahn geben würde: "Sie werden im Internet einfach die erfolgreichen Angebote schlecht kopieren, so wie sie im Fernsehen ja auch ,Wer wird Millionär?' einfach nachgemacht haben mit ,Das Quiz mit Jörg Pilawa'."
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