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Ausgabe 16/2008
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14.04.2008
 

Kino

Der Prinz der Traumfabrik

Von Lars-Olav Beier

Der heute 94-jährige Budd Schulberg schrieb Drehbücher zu Klassikern wie "Die Faust im Nacken". Nun erscheint sein legendärer Hollywood-Roman "Was treibt Sammy an?" in einer Neuauflage.

Er sitzt auf dem Sofa, versunken in die Kissen, vertieft in Barack Obamas Buch "The Audacity of Hope". Auf dem Wohnzimmertisch türmen sich Bücher, wohl an die hundert, sie bedecken stapelweise die gesamte Glasfläche. Eine Biografie über Muhammad Ali, eine über John Ford, ein Buch über die jüdischen Wurzeln des amerikanischen Boxens. Man muss sich aufrichten, um den Mann auf der anderen Seite des Tisches noch zu sehen. Budd Schulberg verschwindet gern hinter seinen Büchern.

Der Autor, der 1955 für sein Drehbuch zu dem Marlon-Brando-Klassiker "Die Faust im Nacken" den Oscar erhielt, wohnt mit seiner vierten Frau Betsy anderthalb Autostunden von New York entfernt auf Long Island. In seinem kleinen Haus in Westhampton Beach gibt es keinen Winkel, in dem man nicht auf Bücher stößt, auf Zeitschriften, Zeitungsausschnitte, Manuskripte oder Fotokopien. Papier ist für Schulberg der Stoff, aus dem die Träume sind.

Heute ist es nass und kalt in Westhampton Beach, das Kaminholz ist mit Wasser vollgesogen, selbst die Feueranzünder sind so feucht, dass sie sich nicht entflammen lassen. Vielleicht mit einer alten Zeitung? Schulberg schaut entsetzt. Was? Eine Zeitung anzünden? Die Sätze anderer Autoren vernichten für ein schlichtes Feuer? Seine Frau Betsy nickt. Schulberg braucht die Wärme, er hat eine Bronchitis, und die beiden wollen am übernächsten Tag nach Mexiko fliegen.

Sein Leben lang hat Schulberg für ein großes Ziel gekämpft: Respekt vor dem geschriebenen Wort. Vor allem dort, wo er ihn stets vergebens suchte - in Hollywood. Schulberg, der die Drehbuchautorengewerkschaft mitbegründete und noch vor wenigen Wochen als der wohl älteste Streikposten in der Geschichte der Traumfabrik für die Rechte seiner Zunft eintrat, macht sich keine Illusionen: "Hollywood braucht zwar Autoren, sieht sie aber nur als notwendiges Übel."

Schulberg hat ein legendäres Buch geschrieben über Hollywood, aus der Sicht eines Drehbuchautors. "Was treibt Sammy an?", veröffentlicht 1941 und nun gerade in einer Übersetzung von Harry Rowohlt neu auf Deutsch erschienen*, ist einer der wichtigsten Schlüsselromane über die Traumfabrik, neben "Tag der Heuschrecke" von Nathanael West (1939) und "Der letzte Tycoon" (1941) von F. Scott Fitzgerald. Niemand hat Hollywood so scharfsinnig, zynisch und amüsant porträtiert wie Schulberg.

In "Was treibt Sammy an?" verfolgt ein New Yorker Journalist, der als Drehbuchautor nach Hollywood zieht, den Aufstieg des Botenjungen Sammy Glick, der sich innerhalb weniger Jahre bis an die Spitze eines Filmstudios durchkämpft, indem er lügt und betrügt, plagiiert und intrigiert, Schriftsteller zu Schreibsklaven erniedrigt.

"Ich bin in Hollywood aufgewachsen, mein Vater war Chef von Paramount", erzählt Schulberg. "Ich musste Sammy Glick nicht erfinden, Menschen wie er liefen mir täglich über den Weg. Hollywood war die ideale Brutstätte für krankhaften Ehrgeiz."

Sammy Glick wurde eine der populärsten literarischen Figuren der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Millionenfach verkaufte sich der Roman, schaffte es über 50 Jahre nach seinem Erscheinen wieder unter die Top Ten der Bestsellerliste. 2001 soll Steven Spielbergs Dreamworks-Studio die Filmrechte für 2,6 Millionen Dollar erworben haben.

Mit Glick schuf Schulberg ein Inbild des modernen Erfolgsmenschen, der sich mit unbedingtem Willen, unerschöpflicher Energie und enormer Geistesgegenwart durchsetzt. "Als ich den Roman schrieb", erinnert sich Schulberg, "mischte sich in meinen Abscheu auch Bewunderung."

Sammy Glick ist der Dr. Jekyll und Mr. Hyde des American Dream, und seine Wiedergänger in der Wirklichkeit ziehen in Hollywood noch immer die Fäden. Die Produzenten Jerry Bruckheimer ("Fluch der Karibik"), Joel Silver ("Matrix") oder Harvey Weinstein ("Pulp Fiction") haben es zu den großen Playern ihrer Branche gebracht, weil sie wie Glick "die Welt als ein Wettrennen" betrachten, das es jeden Tag 24 Stunden lang zu gewinnen gilt.

Doch während Sammy seinen literarischen Siegeszug antrat, verlor Schulberg seine Heimat Hollywood. John Wayne verdammte den Roman als antiamerikanisches Machwerk, Louis B. Mayer, der Studiochef von MGM, wollte Schulberg gar "deportieren" lassen. "In Mayers Augen war Hollywood ein eigenes Land mit eigener Regierung", glaubt Schulberg. "Er saß in dieser Regierung und wollte mich wegen Landesverrats ausweisen."

Schulberg verließ Hollywood freiwillig und zog sich auf eine Farm nach Pennsylvania zurück. Dort widmete er sich seiner zweiten großen Leidenschaft neben dem Schreiben: dem Boxen. Schon als Junge war er mit seinem Vater zu Kämpfen ins Hollywood Legion Stadium gegangen, nun richtete er auf seiner Farm einen Boxstall ein und nahm mit Archie McBride einen Schwergewichtler unter Vertrag.

"Boxer", sagt Schulberg, "sind von einer ähnlichen Energie angetrieben wie Sammy Glick. Sie müssen andere aus dem Weg räumen und dürfen nur ein Ziel vor Augen haben: den Erfolg. Doch Archie war höflich und gutmütig, ich hatte später oft ein schlechtes Gewissen, dass ich zu ehrgeizig war und ihn gegen Gegner antreten ließ, die er nicht besiegen konnte."

Im Boxring begegnete Schulberg das genaue Gegenteil von Sammy Glick: ein schlichtes, naives Gemüt. Basierend auf diesen Erfahrungen entwickelte Schulberg die zweite große Figur nach Sammy Glick, die zur Ikone werden sollte: den früheren Boxer Terry Malloy, verkörpert von Marlon Brando in dem Film "Die Faust im Nacken", den Elia Kazan 1954 nach Schulbergs Drehbuch inszenierte.

"I could have had class. I could have been a contender. I could have been somebody." ("Ich hätte Klasse haben können. Ich hätte um den Titel kämpfen können. Ich hätte wirklich jemand sein können.") Diese Sätze, die Schulberg seinen Helden sprechen lässt, wurden oft zitiert - etwa von Martin Scorsese in "Wie ein wilder Stier" - und zählen zu den berühmtesten Dialogzeilen der Filmgeschichte.

Denn sie sprechen aus, wie es sich anfühlt, wenn der Traum zerbricht. Malloy hat sich vor seinem wichtigsten Kampf schmieren lassen, ist zu Boden gegangen. Danach kam er als Boxer nie wieder hoch. Nun schleppt er als einfacher Arbeiter Säcke durch den New Yorker Hafen. Sammy Glick zeigt, wie hoch man steigen kann, wenn man andere nur benutzt; Terry Malloy zeigt, wie tief man sinken kann, wenn man sich benutzen lässt.

Schulberg blickt von seinem Sofa zum Kaminsims hoch. Dort steht der Oscar, den Hollywood ihm für sein Drehbuch zu "Die Faust im Nacken" verliehen hat. Das war eine schöne Versöhnungsgeste und ein Beweis, dass ein Autor sich in der Traumfabrik Respekt erarbeiten kann. "Elia Kazan", erzählt er, "hatte mir versprochen, mein Drehbuch so getreu umzusetzen wie ein Theaterstück. Und er hielt Wort."

Kritiker warfen Schulberg und Kazan vor, sie hätten sich mit dem Film, der einen Verräter zum Helden macht, dafür rehabilitieren wollen, dass sie wenige Jahre zuvor vor dem "Ausschuss für unamerikanische Umtriebe" ausgesagt und Kollegen als Kommunisten angeschwärzt hatten.

In einem Film über ihn, den sein Sohn Benn gerade produziert, kommen ausführlich Autoren wie Walter Bernstein und Arthur Laurents zu Wort, die durch den Ausschuss ihre Arbeit verloren und kein Verständnis für sein Verhalten zeigen. Schulberg hält das aus. Er weiß aus dem Boxring: Es sind die Nehmerqualitäten, die einen Charakter ausmachen.

Die Filmdokumentation ist schön, ja, aber was ist sie gegen ein Buch? Schulberg wird seine Version der Geschichte schreiben. Den ersten Teil seiner Autobiografie, "Memories of a Hollywood Prince", veröffentlichte er 1981. Nun ist aus dem Prinzen ein alter, weiser König geworden. Er hat viel zu erzählen. Das nächste leere Stück Papier hält er schon in der Hand.

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