Wirtschaft



AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 17/2008
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21.04.2008
 

Spekulation

Tödliche Gier

Von Beat Balzli und Frank Hornig

2. Teil: Von der Knappheit profitieren

Einfache Marktgesetze, so scheint es, funktionieren nicht mehr. "Der riesige Kapitalzufluss hat inzwischen dazu geführt, dass die Terminmärkte Angebot und Nachfrage nicht mehr widerspiegeln", sagt Todd Kemp vom amerikanischen Getreide- und Futterverband. Und am wildesten wetten die Investoren ausgerechnet mit den Grundnahrungsmitteln. Dass am anderen Ende der Welt Versorgungsengpässe und Hungertote die Folge sein können, ist auf ihren Kurszetteln nicht vermerkt.


Die Finanzmanager wollen eben "von der Knappheit dieser Güter profitieren", stellt Rohstoffhändler Christoph Eibl nüchtern fest. Seine Investmentfirma Tiberius verwaltet eine Milliarde Euro. Hundert Milliarden Dollar, haben die Tiberius-Experten errechnet, sind in den vergangenen fünf Jahren in die Terminbörsen geflossen, oft in Agrarrohstoffe.

Das Ganze werde zu einer "ethischen Diskussion", räumt selbst Eibl ein. Der Kauf von Terminkontrakten etwa für Reis verteuere "im Endeffekt auch die Konsumentenpreise in Schwellenländern wie Haiti".

Solche Stimmen jedoch sind bislang selten. Einen vergleichbaren Rohstoff-Boom hat es zuvor schließlich wohl noch nie gegeben. Schon ist von einem "Super-Zyklus" die Rede, von einer ständig steigenden Nachfrage der Chinesen; und von Bauern, die auch langfristig nicht hinterherkommen mit dem Säen und Ernten. Schließlich sind die Anbauflächen ja begrenzt.

Die Folge: Auch immer mehr Kleinanleger fiebern mit. Viele setzen, nicht anders als Hedgefonds-Manager, auf Diversifizierung im Depot, jetzt eben mit Rohstoffen aus der Landwirtschaft - kurstreibende Missernten sind da nur gut fürs Geschäft. Dass sie mit ihrem Einsatz im Casino Global den Ärmsten der Welt womöglich das täglich Brot verwetten, ist vielen der Jongleure egal - oder nicht einmal bewusst.

Andreas Grünewald ist unter deutschen Kleinanlegern ein Star. Sein Münchner Investment Club (MIC) begann 1989 mit gerade mal rund 15.000 Euro, zusammengelegt von acht Schulkameraden und seinem Opa. Inzwischen verwaltet Diplomkaufmann Grünewald für 2500 MIC-Mitglieder über 50 Millionen Euro.

Rohstoffe sind für ihn das ganz große Thema. "Sie sind der Megatrend des Jahrzehnts", sagt er. Rund 15 Millionen Euro ist sein Portfolio in diesem Sektor schon wert. Und das soll erst der Anfang sein.

Insbesondere bei Wasser und Agrarrohstoffen will man "breit investiert bleiben" und "wenn möglich ausbauen". Auf Orangen, Zucker und Mais hat Grünewald an den Terminbörsen bereits Einsätze plaziert. Allein seine Weizenwette brachte bislang einen Profit von satten 93 Prozent.

Auch seinen nächsten Schritt hat er schon geplant. "Reis ist ein weiteres interessantes Thema, das eine sinnvolle Ergänzung in unserem Depot sein könnte", sagt er. Skrupel kennt man im Club kaum.

"Die meisten unserer Mitglieder sind eher passiv und renditeorientiert", gibt Grünewald offen zu. Auf den bundesweiten Veranstaltungen kämen nur vereinzelt Fragen zu den sozialen Folgen der Investmenttipps. Unruhen wegen explodierender Reispreise? Alarmstimmung bei den Hilfswerken? Die Hoflieferanten und Gewinnapostel der Kleinanlegerfraktion muss das nicht kümmern. Die Finanzindustrie wirft für jedes Modethema ein Produkt auf den Markt - sei es noch so fragwürdig.

Allen voran punktet in diesen Tagen der Finanzgigant ABN Amro. Der Anbieter von Rohstoffprodukten für Privatanleger offeriert als einzige Bank seit Anfang März ein Zertifikat, mit dem man auch als Kleinstanleger an der Terminbörse in Chicago auf steigende Reispreise setzen kann.

Die Marketingabteilung reagiert kalt und präzise auf die Hungerschlagzeilen. Ende vorvergangener Woche warnten Experten vor einer Hungersnot und politischer Instabilität. Prompt warb daraufhin ABN Amro vergangenen Montag auf seiner Internet-Seite für ihr Papier. "Während Indien bereits ein Exportverbot von Reis verhängt hat, sinken die weltweiten Reisvorräte auf ein Minimum", texteten die Banker. Die ABN Amro mache es nun "erstmals möglich, an dem Nahrungsmittel Nr. 1 in Asien zu partizipieren".

Leben die Banker tatsächlich das Klischee der skrupellosen Rechner in Nadelstreifen? "Wir sind uns über die aktuellen Diskussionen in Bezug auf Agrarrohstoffe im Klaren", weicht Önder Ciftci aus, bei ABN Amro Chef des deutschen Zertifikategeschäfts. Eine ethische Diskussion will er nicht führen. "Wir bauen Bohrmaschinen, bohren müssen andere", meint er.

Tatsächlich ließ sich mit der Reiswette eine beachtliche Gewinnquelle anbohren. In nur drei Wochen kassierten die Anleger über 20 Prozent Gewinn. Die Zahl der in Chicago gehandelten Terminpapiere schoss in den vergangenen Tagen in die Höhe.

Doch die Kleinanleger kaufen nicht nur Spezialpapiere, sondern vor allem breitgestreute Rohstofffonds.

Jim Rogers, früher der Geschäftspartner von George Soros, ist der vielleicht bekannteste Investor in diesem Markt. Schon in den Neunzigern hat er sich auf Rohstoffe verlegt. Weltreisen haben ihn damals zu der Einsicht gebracht, dass es in einer globalisierten Wirtschaft an so gut wie allem mangelt, von Nickel bis Kakao.

Seither setzt er bis heute unverdrossen auf steigende Preise - und das hat Folgen für die ganze Branche. Denn sein Rohstoffindex ist Maßstab für zahlreiche Branchenfonds. Milliarden flossen in den vergangenen Jahren in diese Geldmaschinen: Sie müssen sich entsprechend an den Terminbörsen mit Future-Kontrakten eindecken, was die Preise weiter befeuert.

Nun warnt ausgerechnet er: "Wenn nicht bald etwas geschieht, werden wir erleben, dass Menschen überhaupt kein Essen kriegen, egal, zu welchem Preis. So etwas kennen wir nur aus den Geschichtsbüchern; ich fürchte, das könnte wieder passieren."

Aus seiner Sicht allerdings sind daran nicht Investoren wie er selbst schuld, sondern die Politik in den Schwellenländern: weil sie Exportverbote verhängen und die Preise deckeln. Das nehme den Farmern, die mit steigenden Kosten etwa für Sprit und Düngemittel zu kämpfen haben, jeden Anreiz, mehr Reis zu produzieren.

"Ich finde diese Haltung moralisch verwerflich", sagt Rogers. "Die Regierungen lassen lieber Menschen verhungern, als einen freien Preisanstieg zu erlauben." Nur so könne die Reisproduktion wieder anziehen.

Bauern würden ihren Reis nicht an Arme verschenken, sagt Rogers. Wie die Armen höhere Preise zahlen sollen, sagt er nicht. Dafür ist dann wahrscheinlich wieder die Politik zuständig.

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