SPIEGEL: In der Nationalmannschaft hat die Ära Klinsmann hohe Erwartungen geweckt. Und nach einigen gelungenen Qualifikationsspielen galten die Deutschen bereits als Favorit für die Europameisterschaft.
Ballack: Sind wir aber nicht. Im Halbfinale erwarte ich Italien, Frankreich, uns und vielleicht Portugal, das mit Cristiano Ronaldo den überragenden Spieler dieser Saison hat. Da wird es dann eng, Kleinigkeiten entscheiden, manchmal auch Zufälle. Aber der Druck ist jetzt viel geringer. Man muss ja auch realistisch erkennen, dass die deutschen Clubs seit Jahren international nichts gewonnen haben.
SPIEGEL: Der Nationaltorwart Jens Lehmann sitzt in seinem Verein in der Regel auf der Bank, viele Spieler sind außer Form.
Ballack: Das kann sich alles noch fügen. Es gibt Turniermannschaften, die steigern sich rein, sobald es losgeht, es gibt auch Spieler, die lange außer Form waren und zur Nationalmannschaft kommen und plötzlich die Spiele ihres Lebens machen. Was soll ich lamentieren? Es ist nun mal der Zustand, dass wichtige Spieler verletzt sind. Torsten Frings ist so ein wichtiger Spieler, er ist gerade zurückgekommen - und wenn er fit ist, gehört er in die Mannschaft. Wir hoffen alle, dass Christoph Metzelder es auch noch schafft.
SPIEGEL: Bei Real Madrid hatte er in diesem Jahr noch keinen Einsatz.
Ballack: Das ist keine optimale Situation, aber wenn Christoph Metzelder ausfällt, ist im Moment keiner da, der die Lücke nahtlos schließt. Wir können froh sein, dass wir mit Per Mertesacker einen Innenverteidiger haben, der mit seinen 23 Jahren bereits eine absolute Stütze des Teams ist.
SPIEGEL: Teilen Sie unseren Eindruck, dass sich nicht alle weiterentwickelt haben nach der Weltmeisterschaft?
Ballack: Ja, aber warum, das weiß ich auch nicht, ich spiele ja nicht ständig mit allen zusammen. Es ist aber vielleicht auch normal, dass in jungen Jahren die Konstanz noch fehlt. Früher hat man gesagt, dass einer über einen längeren Zeitraum Spitzenleistungen bringen muss, ehe er zur Nationalmannschaft fahren darf, das ist lange vorbei. Wenn ich sehe, wie viele Länderspiele Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski schon haben - die werden ja bald den Rekordnationalspieler Lothar Matthäus eingeholt haben!
SPIEGEL: Cristiano Ronaldo ist auch jung.
Ballack: Das ist wahr. Und er spielt seit zwei Jahren auf unfassbarem Niveau. Es führt immer ein Weg nach ganz oben. Aber der ist steil.
SPIEGEL: Warum ist Jens Lehmann trotz mangelnder Spielpraxis der richtige Torwart für die EM?
Ballack: Aufgrund seiner Klasse. Aufgrund seiner Erfahrung. Er hat die Qualität.
SPIEGEL: Immer noch?
Ballack: Die verliert er nicht.
SPIEGEL: Ist es Lehmanns Glück, dass die eindeutige Nummer zwei fehlt?
Ballack: Vielleicht ist das so, ja. In der Phase, in der Jens besonders angegriffen wurde, hatte auch Timo Hildebrand Probleme in Valencia. Und jetzt, beim 4:0 gegen die Schweiz, hat Jens seine Position als Nummer eins untermauert, die Trainer haben ihn bestätigt, damit ist es gut. Ein Torwart braucht Sicherheit.
SPIEGEL: Bundestrainer Löw erwartet von Ihnen, dass Sie den anderen "Halt geben", wie geht das?
Ballack: Ganz klassisch: mutig spielen, gut spielen. Und auch neben dem Platz ein bisschen so sein, dass die jungen Spieler schauen können, wie es geht.
SPIEGEL: Ist es Schnickschnack, wenn Teamleitung und der Psychologe die EM unter ein Motto stellen: "Bergtour"? Es gibt sogar ein eigenes Logo dafür.
Ballack: Ach, für den einen mag es ein Halt sein, für den anderen Schnickschnack. Wir haben ein Mäppchen bekommen, in dem etwas über die Ziele der Mannschaft steht. Sagen wir es so: Das ist eine Orientierungshilfe ohne übergeordnete Bedeutung. Bergtour heißt: Es wird ein schwerer Weg. Der eine nutzt so etwas mehr, der andere weniger. Ich will nichts gegen Psychologen sagen. Aber ich spiele Fußball, seit ich sechs Jahre alt war, und bin mit dieser Art von Betreuung nicht groß geworden. Als ich zehn war und schlecht gespielt hatte, hat der Trainer mich zusammengestaucht. Punkt. Und im nächsten Spiel habe ich wieder gut gespielt.
SPIEGEL: Bei der WM 2010 werden Sie fast 34 Jahre alt sein. Könnte nach der EM schon Schluss für Sie sein?
Ballack: Ich will bis 2010 für Deutschland spielen. Das ist im Moment mein Ziel.
SPIEGEL: Geht so eine Fußballerkarriere nicht viel zu rasant vorüber?
Ballack: Geht schnell, klar. Aber das hält jung.
SPIEGEL: Bleibt Ihnen Zeit zu genießen?
Ballack: Wenig. Man hat zwei, drei Wochen nach der Saison, dann beschäftigt man sich schon mit der nächsten. Dann musst du wieder um deinen Platz kämpfen. Ich würde mir manchmal wünschen, wenn ich die Zeit hätte, mich über Erfolge länger freuen zu können.
SPIEGEL: Wo leben Sie nach der Karriere?
Ballack: Sicherlich wieder in Deutschland, wahrscheinlich in München.
SPIEGEL: Und was kommt dann?
Ballack: Irgendetwas, das mir Spaß macht.
SPIEGEL: Sind Sie ein Trainertyp?
Ballack: Ich denke schon, aber ob ich das will, ist eine andere Frage.
SPIEGEL: Werden Sie noch einmal wechseln?
Ballack: Das ist nicht geplant. Es würde mich aber auch nicht beunruhigen, weil die wichtigen Wechsel hinter mir liegen. Die Entscheidungen, die ein Fußballer mit 18 oder 23 trifft, das sind die wichtigen, die zählen. Jetzt kann ich keine allzu großen Fehler mehr machen.
SPIEGEL: Gibt es Sportler, die Sie für die Art und Weise ihres Karriereendes bewundern?
Ballack: Michael Schumacher. Das war top. Oder Marco Bode, der mit 33 lautlos abgetreten ist, das war ein unangekündigter, unaufgeregter, großer Abschied.
SPIEGEL: Herr Ballack, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
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© DER SPIEGEL 17/2008
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