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Ausgabe 17/2008
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21.04.2008
 

Gesundheit

Faul macht dumm

Von Jörg Blech

Trägheit schadet auch der geistigen Gesundheit: Wer sich zu wenig bewegt, hat neuen Studien zufolge ein weit höheres Risiko, an Parkinson, Alzheimer oder Depressionen zu erkranken. Umgekehrt erweist sich Sport als die beste Medizin, um Hirnleiden zu behandeln.

Seescheiden sind ein Sonderfall der Biologie. In der Jugend schwimmen sie munter durch den Ozean. Danach lassen sie sich als unbewegliche Knollen auf dem Meeresgrund nieder und lösen ihre primitiven Gehirne auf.

Das dicke und dumme Ende der Manteltiere gilt Medizinern als Fanal für die eigene Spezies. Denn auch beim Menschen häufen sich die Hinweise, sagt der Neurowissenschaftler Fernando Gomez-Pinilla, dass die um sich greifende, "sesshafte Lebensweise gefährlich fürs Gehirn ist". Die neueste Schreckensbotschaft war Ende März im Fachblatt "Neurology" nachzulesen. Träge Frauen und Männer, die im mittleren Alter bereits einen dicken Bauch mit sich herumschleppen, haben im Vergleich zu dünnen Menschen ein nahezu dreifach erhöhtes Risiko, im Rentenalter an Alzheimer und anderen Formen der Demenz zu erkranken.

Bisher waren verkalkte Arterien und schmerzende Rücken, diabetische Füße und brüchige Knochen als Folge mangelnder Bewegung gefürchtet. Doch jetzt kommen Erkrankungen des Denkorgans hinzu: Gehirnschwund, verminderte Denkkraft, Schüttellähmung, Demenzen und Depressionen finden sich gehäuft unter Menschen, die ihr Dasein vorzugsweise im Sitzen und Liegen verbringen.

Diesen Faulpelzen wird zum Verhängnis, dass die Evolution sie nicht auf ein bewegungsarmes Dasein vorbereitet hat. Das Gehirn des Menschen hat sich in Äonen an ein Leben als Jäger und Sammler angepasst - und braucht aus diesem Grund regelmäßige Bewegungsreize, um normal funktionieren zu können.

Körperlicher Müßiggang ist nicht vorgesehen, bringt den Stoffwechsel des Gehirns ins Stocken und begünstigt den Ausbruch von Krankheiten. "Es gibt verschiedene psychiatrische Leiden, die stark mit einem unnormalen Metabolismus zusammenhängen", sagt Gomez-Pinilla, der an der University of California in Los Angeles erforscht, was sich in Gehirnen tut, wenn sich Mäuse und Menschen körperlich betätigen.

Wie er gelangen immer mehr Experten zu der Auffassung, auch das Gehirn brauche ein Mindestmaß an Bewegung, um die von der Natur vorgesehenen Betriebsbedingungen zu erreichen. "Die Gene wollen, dass wir laufen", sagt Thomas Tölle, Neurologe und Psychologe am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München. "Die Bewegung und die Rückkopplung über den Organismus sind für das Gehirn wichtig."

Umgekehrt erkennen die Gelehrten, dass körperliche Aktivität die beste Medizin darstellt, wenn das Gehirn bereits erkrankt ist. "Von einem Kuriosum", urteilt der kalifornische Hirnforscher Carl Cotman, "hat sich Sport zu einer der aufregendsten therapeutischen Strategien entwickelt."

"Eine Stunde in der Woche laufen, das wirkt so gut wie hundert Milligramm Betablocker jeden Tag", sagt Tölle, 48, der seinen Migränepatienten inzwischen nur noch ungern pharmazeutische Produkte verschreibt, solange diese das Therapeutikum namens Bewegung noch nicht ausprobiert haben. Der Arzt fragt sich: "Ist es vertretbar, wenn ich Medikamente gebe, ohne diese natürliche Selbstheilungskraft eingefordert zu haben?"

Der Psychiater John Ratey hält es genauso. Seine Praxis im amerikanischen Cambridge hat er mit Absicht so gewählt, dass seine Patienten erst zwei steile Treppen erklimmen müssen, ehe sie ins Therapiezimmer gelangen. Bis vor kurzem noch habe sich in der Nervenheilkunde alles um Pillen gedreht, erzählt Ratey, 60: "Ich habe früher ja selbst Vorträge für die großen Pharmakonzerne gehalten."

Dann aber fand Ratey, der an der Harvard Medical School Vorlesungen gibt, in der Literatur immer mehr Hinweise auf den segensreichen Einfluss der Bewegung aufs Denkorgan. Nun geht er jeden Morgen ins Fitnessstudio, hat soeben ein Ratgeberbuch zum Thema veröffentlicht und versucht, all jene seiner Patienten zu mobilisieren, die bisher zu träge sind. "Ganz gleich, was Ihr Problem ist", sagt Ratey ihnen, "wenn Sie beginnen, sich zu bewegen, wird Ihnen das auch bei der Bewältigung des seelischen Problems helfen."

Dabei war lange in den Lehrbüchern der Neurologie zu lesen, Muskelarbeit könne das Oberstübchen schon aus biologischen Gründen gar nicht beeinflussen. Man sei davon ausgegangen, dass "ein Automatiezentrum wegen der Bedeutung des Gehirns dessen Durchblutung und Stoffwechsel stets konstant halten würde", erinnert sich Wildor Hollmann, 83, von der Deutschen Sporthochschule Köln.

Dann jedoch ließen Hollmann und Kollegen zwölf junge, gesunde Männer auf dem Fahrradergometer strampeln - und entdeckten, dass die Durchblutung bestimmter Hirnregionen sehr wohl stieg: je nach Belastung um bis zu 30 Prozent. Im Zuge der Mehrdurchblutung, das ist inzwischen klar, entstehen sogar neue Blutgefäße, etwa in Kortex, Kleinhirn und Hippocampus.

Überdies wird eine Fülle von Proteinen hergestellt und im Gehirn aktiv, sobald der dazugehörige Leib sich regelmäßig bewegt. Viele dieser Proteine - das zeigen Tierversuche - sind Wachstumsfaktoren und wirken wie eine Art Dünger auf das Gehirn. Die Stoffe VEGF und IGF1 etwa fördern die Neubildung von Blutgefäßen; ein Protein namens BDNF begünstigt das Wachstum neuer Nervenzellen im Hippocampus, hilft beim Abspeichern von Langzeitinhalten und scheint die Folgen von Gehirnerschütterungen zu mildern.

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