AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 17/2008
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21.04.2008
 

Gesundheit

Faul macht dumm

Von Jörg Blech

2. Teil

Der Nervenarzt Ronald Duman von der Yale University wiederum ließ Mäuse im Laufrad rennen und entdeckte, dass sie im Gehirn verstärkt ein Protein namens VGF herstellten. VGF verbessert die Verschaltungen der Nervenzellen und wirkt pharmakologisch gesehen wie eine Arznei gegen Depressionen.

Im bewegten Hirn entstehen aber noch weitere Stoffe, die für gute Gefühle bürgen. Das haben der Münchner Tölle und sein Kollege Henning Boecker herausgefunden, als sie zehn passionierte Freizeitläufer zwei Stunden lang an der Isar laufen ließen und anschließend ihre Gehirne per Positronen-Emissions-Tomografie untersuchten: In Regionen, die für die Verarbeitung von Gefühlen und für die Unterdrückung von Schmerzen zuständig sind, entstanden verstärkt körpereigene Endorphine.

Zwar sind Fitnessjünger schon lange davon überzeugt, dass es für das Hochgefühl beim Joggen, Kraxeln oder Fahrradfahren eine biologische Entsprechung geben müsse. Doch bisher war das nur eine unbewiesene Legende vom "runner's high". Der im Februar veröffentlichte Befund ist nun der erste experimentelle Beweis, dass dem tatsächlich so ist: Die Menge der ausgeschütteten Endorphine hängt demnach sogar direkt mit dem Ausmaß der verspürten Euphorie zusammen, sagt Henning Boecker, 42, der inzwischen an die Universitätsklinik in Bonn gewechselt ist.

Dass Glücklichmacher und Hirndünger im Kopf zirkulieren, ist in evolutionärer Hinsicht der Normalzustand, da die Urmenschen ständig unterwegs waren. Bereits nach einer Woche Training ist etwa der Spiegel von Wachstumsfaktoren deutlich erhöht und entfaltet seine Kraft auf die Kognition.

Von diesem paradiesischen Zustand ist das Gehirn der meisten Einwohner der Industriestaaten allerdings weit entfernt. Während unsere urtümlichen Verwandten, die Neandertaler, jeden Tag schätzungsweise 40 Kilometer liefen, absolvieren heutige Durchschnittsbürger täglich ungefähr anderthalb Kilometer zu Fuß. Im Vergleich zu Jägern und Sammlern verbrennen sie rund 40 Prozent weniger Energie.

Der Mangel an Bewegung kann vielfältige geistige Erkrankungen zur Folge haben. Dem Neurologen Hansjörg Bäzner vom Klinikum Mannheim und Kollegen an zehn europäischen Zentren ist der Zusammenhang in einer aktuellen Studie mit 639 älteren Frauen und Männern aufgefallen, deren Gehirne sie gescannt haben.

Jene Menschen, die eher träge waren, besonders taumelig gingen, schlecht das Gleichgewicht halten konnten und oft stürzten, wiesen auch starke Veränderungen der weißen Gehirnsubstanz auf. Diese besteht aus den Nervenfasern und sorgt für die Verschaltung des Gehirns.

In weiteren Auswertungen solle nun ersten Anhaltspunkten dafür nachgegangen werden, sagt Bäzner, 40, dass Training "das labile Netzwerk der weißen Substanz wieder stabilisieren kann".

Auch bei Alzheimer-Patienten finden sich Hinweise auf frühere Trägheit. Japanische Forscher haben 828 Probanden, die alle älter als 65 Jahre waren, 7 Jahre lang beobachtet und ihre Gehirne auf Alzheimer-Spuren untersucht - körperlich untätige Studienteilnehmer, so der Befund, waren viel häufiger an der Demenz erkrankt.

Umgekehrt haben inzwischen viele Studien gezeigt, dass sanfter Sport eine Alzheimer-Erkrankung hinauszögern kann. Eine jüngst veröffentlichte Langzeiterhebung unter knapp 1500 Männern und Frauen in Schweden hat ergeben: Jene Personen, die in mittleren Jahren mindestens zweimal in der Woche körperlich aktiv waren, haben ein um 60 Prozent verringertes Risiko, später an Alzheimer zu erkranken.

"Regelmäßige körperliche Aktivität ist vermutlich das beste Mittel zur Prävention", sagt Ronald Petersen vom Mayo Clinic Alzheimer's Disease Research Center in Rochester, Minnesota. "Besser als Medikamente, besser als geistige Aktivität, besser als eine gesunde Ernährung."

Selbst wenn Patienten kaum mehr gehen können, suchen Ärzte nach Wegen, den Einfluss der Bewegung auf deren Gehirn zu simulieren. Aus diesem Grund stellen der Sportwissenschaftler Christian Haas und seine Kollegen an der Universität Frankfurt am Main Patienten, die unter der Parkinson-Krankheit leiden, auf eine Plattform, die jeweils 60 Sekunden lang vibriert.

Diese sonderbar anmutende Rüttelkur aktiviert nicht nur die Muskulatur, sondern sie kurbelt offenbar auch im Gehirn die Herstellung von Wachstumsfaktoren und Botenstoffen an. In einer Studie mit 68 Parkinson-Patienten hat das Vibrationstraining zu deutlichen Verbesserungen geführt. Bei jenen Probanden, die fünfmal jeweils eine Minute lang durchgeschüttelt wurden, nahmen die Symptome um knapp 17 Prozent ab. Das berüchtigte Muskelzittern (Tremor) ließ sogar um 25 Prozent nach.

Schließlich werden auch Depressionen zunehmend auf Bewegungsmangel zurückgeführt. Forscher des amerikanischen National Institute of Mental Health haben 1900 Menschen, die zu Beginn der Studie alle gesund waren, nach acht Jahren erneut untersucht: Jene, die in der Zwischenzeit auf körperliche Bewegung weitgehend verzichtet hatten, wiesen eine doppelt so hohe Depressionsrate auf.

Und das trifft erstaunlicherweise schon auf Teenager zu, glaubt der Sportwissenschaftler Rod Dishman von der University of Georgia in Athens. Er hat knapp 4600 Kinder aus der siebten und achten Klasse zwei Jahre lang untersucht: In dem Maße, wie die körperliche Aktivität sank, kam es vermehrt zu Phasen depressiver Verstimmung.

Immer mehr Psychiater holen deshalb ihre Patienten von der Couch auf das Laufband. Die US-Bewegungsforscherin Andrea Dunn hat 80 Männer und Frauen, die körperlich träge und depressiv waren, acht Wochen lang auf dem Laufband oder auf dem Fahrradergometer trainieren lassen.

Bei sehr geringen Belastungen tat sich kaum etwas. Anders bei den Probanden die pro Woche 17,5 Kilokalorien pro Kilogramm Körpergewicht verbrannten (was einem halbstündigen flotten Spaziergang an den meisten Tagen der Woche entspricht): Bei ihnen gingen die Symptome durchschnittlich um 47 Prozent zurück, bei 42 Prozent der Patienten verschwanden sie sogar völlig - demnach wirkt Bewegung so gut wie die gängigen Medikamente, hat aber keine Nebenwirkungen.

Dass Training die bessere Tablette ist, scheint sich allmählich auch unter den niedergelassenen Ärzten herumzusprechen. In Großbritannien verschreiben laut der Mental Health Foundation mittlerweile 22 Prozent von ihnen regelmäßig Sportrezepte gegen Depressionen - vor drei Jahren waren es nur 5 Prozent.

Derweil weisen Kritiker wie die Psychologin Paula Caplan darauf hin, dass althergebrachte Psychopharmaka den Bewegungsmangel sogar noch verschlimmern können.

Denn zu den bisher kaum thematisierten Nebenwirkungen von Antidepressiva und Antipsychotika gehört, dass viele der Konsumenten gewaltige Fettmassen ansetzen - und dadurch erst recht träge und traurig werden.

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