Alle Beiträge aus dieser Reihe finden Sie gebündelt auf einer Themenseite...
Von Ralf Hoppe
Carmen war hübsch, einsam, in Arlington wusste jeder, dass sie einen Mann suchte. Das allein reichte aber nicht, um sie anzugreifen.
Sie fanden ein Foto. Einen Schnappschuss, vor einem Jahr ins Internet gestellt, auf eine MySpace-Seite, ein winziges Datenkörnchen im digitalen Universum, harmlos, belanglos. Damit begann Carmens Krieg, der bis heute anhält.
Carmen Kontur-Gronquist - "nennen Sie mich Carmen" -, straff, sportlich, drei Tattoos, zwei Schönheitsoperationen, die Nase etwas feiner, der Busen etwas runder, Carmen, wohnhaft in Arlington, im US-Bundesstaat Oregon, links oben auf der Landkarte, Direktorin des lokalen Ambulanz- und Gesundheitszentrums - Carmen kämpft den Kampf ihres Lebens, sie kämpft um ihre verlorene Ehre.
In der Politik kann alles zur Waffe werden, sagt sie, das hab ich lernen müssen. Und eigentlich, sagt sie, wollte ich nur meiner Stadt helfen.
Arlington, 610 Einwohner, liegt hoch, die Winter hier sind rau, die Sommer wundervoll. Am Ortsrand verläuft der Columbia River, mächtigster Strom im amerikanischen Nordwesten, 1243 Meilen, fischreich, man kann schwimmen, sonnenbaden, die Lachse springen.
Carmens Familie lebt hier seit drei Generationen. Carmen verbrachte in Arlington ihre Kindheit, keine leichte, ihre Mutter starb früh, das Geld war knapp. Carmen biss sich durch. Später zog sie fort, kehrte jedoch zurück.
Den Gemeinderat von Arlington bilden sechs gewählte Mitglieder plus Bürgermeister oder Bürgermeisterin. Geld gibt es nicht: nur ein Dienst-Handy und einen zerkratzten Schreibtisch in der Mehrzweckhalle, die als Rathaus herhält. Arbeit gibt es: Die Gemeinde hat Schulden in Höhe von rund drei Millionen Dollar.
Am 5. Januar wurde Carmen Bürgermeisterin, rasch begann sie ihr Wahlprogramm umzusetzen: Konsolidierung der Gemeindefinanzen.
Der Neun-Loch-Golfplatz von Arlington kostet die Gemeinde rund 63.000 Dollar im Jahr, Pflege, Lohn für die Gärtner, den Platzmanager. Die kommunalen Schulden allein deswegen belaufen sich auf etwa 750.000 Dollar, mehr als der gesamte vergangene Jahresetat der Gemeinde.
Carmen ließ den Platz schließen, wenigstens für die Wintersaison. Und so machte sie sich Feinde.
Über das, was dann geschah in Arlington, gibt es zwei Versionen. Die eine Version stammt von Carmens Gegnern - die fanden, ein kommunal finanzierter Golfplatz gehöre zum Leben dazu, Carmen solle die Finger davon lassen. Es sind die alteingesessenen Familien von Arlington, die W.s und M.s, die nicht möchten, dass man ihren Namen druckt. Es sind, wenig überraschend, die Golfspieler im Städtchen, eine kleine, verhältnismäßig reiche Minderheit.
Die andere Version ist Carmens eigene: Sie hatte die Mehrheit im Gemeinderat, konnte ihre Sparmaßnahmen durchdrücken. Also durchforsteten ihre Gegner ihr Leben. Sie suchten irgendwas, um es gegen sie einzusetzen. Und sie fanden ein Foto.
Eines Sommertags, im Jahr 2004, waren Carmen und ihre Freundin Melanie zum Columbia River gefahren. Am Flussufer hatten sie gepicknickt, sie schwammen, nahmen ein Sonnenbad. Abends fühlten sie sich schön. Melanie war gerade Mitglied der freiwilligen Feuerwehr geworden, sie wollte ihrer Mutter ein Foto von sich in Uniform schicken. Die Frauen fuhren in die Feuerwache, kicherten und knipsten sich gegenseitig. Melanie fotografierte ihre Freundin Carmen in Unterwäsche - Carmen sah toll aus, so braungebrannt.
Die Situation hatte nichts Anzügliches, sagt Carmen.
Sie vergaß das Foto. Später fand ihre Cousine das Bild, stellte es ins Internet, auf die MySpace-Seite, die sie für Carmen eingerichtet hatte. MySpace ist eine Kennenlern-Site, harmlos.
Das Foto wurde von ihren politischen Gegnern rund 300-mal kopiert und in Arlington verteilt wie ein heißes Indiz. Journalisten wurden mit Informationen gefüttert, eine Story geschmiedet. Carmens Gegner sagten, sie fänden es moralisch untragbar: eine Amtsperson, die sich anzüglich darstellt. Flittchen, Nymphomanin! Lasst sie doch, sagten andere. Das Gift sickerte, Hass loderte, die Stadt war gespalten. Carmen wurde von der Geschichte im Urlaub überrascht.
Als Bürgermeisterin hätte sie einen guten Job gemacht, findet sie, der Rest sei Privatsache. Und früher, als sie vier Jahre lang ehrenamtliche Bademeisterin war und Kinder vorm Ertrinken bewahrte, da hatte sie einen String-Bikini getragen, der weitaus mehr von ihr zeigte, und niemand hatte sich beklagt. Außerdem, verdammt, sei es ihr Körper.
Ihre Gegner jedoch setzten eine Neuwahl durch; und in der sehr kleinen Stadt Arlington lief alles, wenn auch im sehr kleinen Maßstab, nach dem bewährten Muster schmutziger politischer Intrigen. Carmen verlor die Wahl, ihr fehlten drei Stimmen.
Jetzt hat sie Klage eingereicht, sie will eine Untersuchung des Falles. Und sie verkauft das Foto als Miniposter, spendet den Erlös ihrer Stadt, mit einer Auflage: nicht für den Golfplatz. Und sie ist nicht mehr so einsam, nach all der Publicity. Neulich, als sie auf ihrer MySpace-Seite war, hatte sie 121.172 Zuschriften.
© DER SPIEGEL 17/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH