Von Manfred Dworschak
Peter Hedström ist bestens informiert über 1116 unglückliche Menschen, die zu Lebzeiten nicht viel verband. Sie lebten nur alle in Stockholm, und sie haben sich umgebracht.
Hedström weiß, wer zu den Familien der Toten gehörte; er weiß auch, wo sie arbeiteten und wer ihre Kollegen waren. Hedström, Soziologieprofessor in Oxford, weiß so viel, dass er ein Rätsel ergründen konnte, das als unlösbar galt: Gibt es verborgene Beziehungen zwischen den Fällen? Haben die Leute einander gekannt?
Und vor allem: Gab mitunter die eine Tat den Anstoß für die andere?
Schon lange kursiert der Verdacht, dass ein Suizid Folgefälle nach sich ziehen kann, dass er irgendwie ansteckend ist. Aber wenn ja, wer ist anfällig dafür? Und welche Wege nimmt die Infektion?
Bekannt ist, dass Fälle, über die viel berichtet wird, Nachahmer finden - weswegen die Medien in der Regel schweigen, außer bei besonders denkwürdigen Häufungen wie unlängst in einem Winkel von Südwales, wo binnen 13 Monaten 17 Jugendliche ihrem Leben ein Ende machten.
Der gewöhnliche Suizid dagegen geht fast immer still und ohne öffentliches Aufsehen vonstatten. Nur ein überschaubarer Kreis gerät in Mitleidenschaft. Und bislang wusste niemand, ob auch Angehörige, Freunde oder gar Arbeitskollegen sich von einem Freitod anstecken lassen.
Noch krasser ist der Befund, betrachtet man die Zahl der Fälle. Zwar wirkt ein Suizid im beruflichen Umfeld nicht halb so stark wie in der Familie, aber er zieht dort nicht weniger, sondern doppelt so viele Folgefälle nach sich. Der Durchschnittsmensch hat eben weitaus mehr Kollegen als Angehörige - die schwächere Wirkung erstreckt sich auf einen größeren Kreis.
Die Forscher wundern sich allerdings, warum von der Infektion durch Kollegen nur Männer betroffen sind. Frauen bleiben da, anders als in der Familie, statistisch unbeeindruckt. "Sie sind innerlich wohl nicht so stark an die Arbeitsstätte gebunden", vermutet Hedström.
Die Studie erscheint Anfang nächsten Jahres in der Zeitschrift "Social Forces" - so geruhsam geht es in diesem Fach noch zu. Der Datenschatz, auf dem die Arbeit beruht, ist dagegen von neuzeitlicher Brisanz. Hedström hatte Zugriff auf eine Datenbank, wie sie noch kein Sozialforscher nutzen konnte. Die gesamte Bevölkerung im Großraum Stockholm für das Jahrzehnt von 1990 bis 1999 ist darin erfasst: 1,2 Millionen Erwachsene mitsamt Angaben über Schulbildung, Ehestand, Vorstrafen, ja sogar Fehlzeiten am Arbeitsplatz. Vor allem aber verraten die Daten, wer mit wem verwandt war und mit wem er gearbeitet hat.
Der Reichtum geht auf einen Sammeleifer zurück, wie ihn nur ein skandinavischer Wohlfahrtsstaat aufbringt. Dort gilt die Regel: Je mehr die Ämter über den Bürger wissen, desto besser können sie sich um ihn kümmern. Zudem bekommt jeder Schwede bei seiner Geburt eine zehnstellige Nummer, die ihn lebenslang begleitet. Für die Forscher war das ein entscheidender Vorteil. Denn so konnten sie - anonymisiert - die Akten verschiedener Behörden zusammenführen.
In Deutschland würden die Datenschützer derart tiefe Einblicke nie dulden; hier stößt schon der Plan einer einheitlichen Steuernummer auf Sperrfeuer. Aber nur mit weitreichenden Sozialdaten lässt sich so etwas Seltenes wie ein Suizid überhaupt nach Vorläufern und Folgetaten absuchen. Bislang konnten die Forscher bestenfalls Einzelfälle studieren, die für die Gesamtheit wenig besagten. Oder sie hatten zwar viele Fälle, wussten aber nicht, was diese miteinander zu tun hatten.
"Erst heute haben wir die Computer, mit denen wir so riesige Datenmassen erschließen können", sagt Hedström. Das kommt nicht nur der Suizidforschung zugute. Die nächste Studie ist schon in Arbeit. "Wir wollen herausfinden", sagt Hedström, "wie die soziale Mischung der Nachbarschaft, in der die Menschen leben, ihre berufliche Laufbahn beeinflusst."
Solche Großvorhaben stehen für eine neue Richtung in der Sozialforschung: Computer werden mit Daten aus dem wirklichen Leben großer Menschenmengen gespeist. Damit kommen neue Fragen in Reichweite. Zum Beispiel: Wie verbreiten sich politische Überzeugungen in der Gesellschaft? Ist auch die Magersucht ansteckend? Oder die Religion?
Für Fragen dieser Art greifen Statistiker gern zur Netzwerktheorie, die soziale Beziehungen mathematisch nachbaut. Die Leute erscheinen darin als Knoten, die verschieden stark miteinander verknüpft sind. Ganze Gesellschaften lassen sich so als vielmaschige Gebilde erfassen.
Ein Vorzug solcher Modelle ist, dass Computer gut mit ihnen rechnen können. Daher ist nun bald nichts mehr vor dem kühnen Zugriff der Netzwerkforscher gefeit: Die Verbreitung einer Religion, wie sie von einem Bekehrten zum nächsten springt, könnte sich als ebenso epidemisch erweisen wie die Fettleibigkeit, die ja schon länger in dem Verdacht steht.
© DER SPIEGEL 18/2008
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