AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 18/2008
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Drogenhandel Der Prinz aus Salamanca

2. Teil: "Er hat mich auf Händen getragen"


Der Mann nennt sich Prince - und er verhält sich wie ein Prinz. Nimmt die Frau aus Ostdeutschland bei sich auf. Kauft ihr schicke Kleider. Lädt sie zum Essen in teure Restaurants ein. Schenkt ihr zum Geburtstag eine silberne Uhr. "Er hat mich auf Händen getragen", gibt sie später bei der Polizei zu Protokoll.


Nur seinen seltsamen Wunsch, sie ganz schnell, nach nur ein paar Tagen, zu heiraten, kann sie nicht erfüllen: Ihre erste Ehe ist noch nicht geschieden.

Sabine K. lässt Anja nachkommen, eine Freundin aus Hamburg. Die verliebt sich prompt in einen Kumpel von Prince, zieht bei ihm ein. Auch sie ist hingerissen von den Männern aus Nigeria, die so ganz anders sind als die grobschlächtigen Kerle vom Hansaplatz: fröhlicher, freundlicher, optimistischer, leidenschaftlicher. Don't worry, be happy.

Leicht und locker wird den beiden Frauen auch ein kleiner Freundschaftsdienst angetragen: mal eben zwei Koffer mit Koks aus Brasilien einschmuggeln. "Kann nichts passieren", schwört Prince, "ist noch immer gutgegangen."

Das Kalkül ist klar: Blonde Frauen mit deutschem Pass, die aussehen wie Touristinnen, wecken die Auf-merksamkeit der Zollbeamten weit weniger als Afrikaner. "Eigentlich hatte ich große Angst", sagt Sabine K. heute. "Aber ich war so verliebt, wollte Prince keinesfalls verlieren."

Ursprünglich soll der Trip im Dezember 2006 nur eine Woche dauern. Doch dann verbringen die beiden Frauen zwei Monate in São Paulo, mal in düsteren Absteigen, mal in schicken Hotels. Zwei Nigerianer namens Emeka und John, einer groß und schlank, der andere klein und dick, vertrösten sie von Tag zu Tag. Mal heißt es, der Stoff sei gestohlen worden, dann wieder, es gebe Ärger mit der Polizei.

Als es endlich losgeht - Sabine K. und ihre Komplizin fliegen kurz hintereinander über Lissabon nach Barcelona -, haben beide ihr großes Erfolgserlebnis: Die Zöllner schöpfen keinen Verdacht, die Freundinnen werden nebst ihren Koffern mit doppeltem Boden anstandslos durchgewinkt. Es ist der Anfang vom Ende.

Für ihre erfolgreichen Botendienste bekommt Sabine K. von der Nigeria-Connection 6800 Euro, mehr Geld, als sie je besessen hat. Zwar reicht sie einen Teil sofort an Prince weiter, der dringende finanzielle Verpflichtungen in Afrika vorgibt - und ihr verschweigt, dass er pro angebaggerte Drogenfrau, also auch für sie, ein sogenanntes Kopfgeld von 5000 Euro kassiert. Doch mit dem Rest, immerhin noch ein paar tausend Euro, kehrt Sabine K. zurück nach Hamburg, wird auf dem Hansaplatz zur bestaunten Attraktion.

Im Asia-Grill, dem Treffpunkt der Szenemädchen, zahlt sie eine Frikadelle mit Kartoffelsalat mit einem Fünfhunderter, wedelt demonstrativ mit dem Wechselgeld. Und weckt prompt Begehrlichkeiten bei den anderen Frauen, die ebenfalls von der großen Liebe und vom großen Geld träumen - durchaus beabsichtigt: Ihr geliebter Prinz hat Sabine K. aufgetragen, weitere Mädchen zum Schmuggeln anzuwerben, nach neuen, beim Zoll unbekannten Gesichtern Ausschau zu halten. Ein Auftrag, der ihr schmeichelt: "Er hat mir das Gefühl gegeben, dass ich was Wichtiges bin."

Das Interesse ist groß, Träume scheinen greifbar nah. Rio. Teneriffa. Barcelona. Caracas. Sonne. Geld. Von überfüllten Gefängnissen spricht niemand. Und auch nicht davon, dass jeder, der etwa in Spanien mit 750 Gramm Kokain erwischt wird, mit einer Strafe von bis zu neun Jahren rechnen muss.

Nicole N. beißt als Erste an, andere drängen nach. Sie fahren mit dem Bus nach Salamanca oder Madrid, jetten von dort nach Teneriffa oder Südamerika und zurück. Der Hamburger Drogenfahnder Ralf Dornekott hat von den Kurierinnen ein Bewegungsbild erstellt, das sich liest wie ein internationaler Flugplan: Barcelona-Gran Canaria-Teneriffa. Madrid-Rio. São Paulo-Lissabon. Dakar-Paris-London. Lima-Madrid.

Fast alle Frauen aus Deutschland, die einen Drogentrip riskieren, haben sich zuvor in ihre nigerianischen Kontaktmänner verknallt, ließen sich von ihren Liebhabern letzte Bedenken oder Skrupel ausreden. Und merkten nicht, dass sie nur ausgenutzt wurden.

"Ich fühlte mich bei ihm wie eine Königin", erzählt Anna F., die auf einen Dealer hereinfiel, der sich "George Bush" nannte. "Er verwöhnte mich nach Strich und Faden", berichtet Ursel B., die einem "Sunny" auf den Leim ging. Die richtigen Namen ihrer Verführer erfahren die Frauen nie.

Schon ein paar Wochen nach dem ersten geglückten Coup ist für mehrere Kurierinnen vom Hansaplatz die Illusion vorbei. Sabine K.s Freundin Anja trifft es als Erste, sie wird mit 8,155 Kilo Koks in zwei Koffern in Lissabon geschnappt. Danach geht es Schlag auf Schlag. Innerhalb weniger Tage werden fast alle erwischt: die Melanie mit 2,28 Kilo, die Jasmin mit 5,5 Kilo, die Nicole N. mit 6,2 Kilo, die Martine mit 2,14 Kilo.

Sabine K. dagegen, die mehrmals anstandslos durch den Zoll schlüpft, wird eine Telefonüberwachung zum Verhängnis. Rauschgiftfahnder hören mit, als sie im November 2007 im Auftrag von Prince eine Nina S. als Koks-Kurierin anzuheuern versucht. Sie wird in ihrem Hotelzimmer am Hansaplatz festgenommen.

Vor dem Hamburger Landgericht gibt sie auf Anraten ihres Verteidigers Georg Debler ihre Verstrickungen nach und nach zu; stockend, mit leiser Stimme, immer wieder von langen Pausen unterbrochen. Als erstmals der Name Prince fällt, kann sie nicht weiterreden, verbirgt ihr Gesicht minutenlang hinter Papiertaschentüchern.

Denn obwohl sie ihn inzwischen "dieses Arschloch" nennt, Riesenwut auf ihn hat, sein Foto sogar der Polizei aushändigte, bleibt er für sie der einzige Mann, der sie jemals gut behandelte.

Prince und seine Freunde von der Nigeria-Connection sind spurlos verschwunden. Immerhin wissen die Ermittler, dass Prince eine Einheimische aus Salamanca geheiratet hat - um nicht aus Spanien ausgewiesen zu werden.

Sabine K., die bisher nicht vorbestraft war, wurde von einer Großen Strafkammer des Landgerichts Hamburg zu sechs Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Wegen, wie es in korrektem Juristendeutsch heißt, "Beihilfe zum unerlaubten und gewerbsmäßigen Handeltreiben mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge". Die Angeklagte sei nicht nur Täterin gewesen, erläuterte die Gerichtsvorsitzende in der Urteilsbegründung, sondern sei auch "ausgenutzt worden als Person".

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