Von Thomas Tuma
In Deutschland existieren viele, teils bizarre Parallelwelten: ostdeutsche Swingerclubs zum Beispiel oder die Volksmusikbranche. Islamistische Terrorzellen, Hobbyköche und natürlich Programm und Publikum von Neun Live.
Das alles ist schon ziemlich groß und verrückt, wird aber komplett in den Schatten gestellt von jener Menschenmasse, der zurzeit gleich zwei Phänomene einzigartigen ökonomischen Erfolg verdanken: einerseits Charlotte Roche und ihr Buch "Feuchtgebiete", andererseits Heidi Klum und ihre Castingshow "Germany's Next Topmodel". Frau Roches Verlag hat bereits mehr als eine halbe Million Bücher verkauft. Frau Klum verzeichnet eine satte Quote zwischen drei und vier Millionen Zuschauern.
Hier das 34-jährige Noch-Supermodel, das sein Leben wie einen permanenten Drei-Wetter-Taft-Spot inszeniert. Da das 30-jährige Ex-Viva-Girlie, Abteilung Kodderschnauze. Auf den ersten Blick scheint die beiden nichts zu verbinden. Auf den zweiten auch nicht. Und für einen dritten haben die meisten RezensentInnen keine Zeit oder Lust. Allenfalls wird unterstellt, dass Roche der feministische Gegenentwurf zum Klum-Kosmos sein muss.
Vielleicht liegt diese Ausschließlichkeit auch daran, dass die journalistische Begleitung das jeweils andere Universum nur vom Hörensagen kennen möchte. Oder anders: Wer an den wöchentlichen Zickenkriegen der Dorfschönheiten in "Germany's Next Topmodel" ein gewisses Vergnügen findet, soll Roche gefälligst für eine eklige Maulheldin halten. Und wer "Feuchtgebiete" goutiert, soll in Klum bitte schön die verlogene Fratze einer globalen Schönheitsdiktatur sehen.
Dass die beiden sich ähnlicher sind, als sie selbst und erst recht ihre jeweiligen Lager wahrhaben wollen, wird gar nicht erst erwogen. Dabei werden beide überwiegend von der gleichen Zielgruppe getragen - und die ist jung und weiblich. Klum hat bei 14- bis 29-jährigen Frauen einen Marktanteil von unfassbar hohen 45 Prozent. Die gefühlten Zahlen bei Roche-Lesungen fallen ähnlich aus.
Beide Phänomene machen zudem - Pardon - aus Scheiße Gold, was bei Roche leider wörtlich zu nehmen ist, aber darauf kommen wir noch. Und beide setzen sich dem Verdacht aus, berechnenden Gefühlskitsch zu liefern, der letztlich nur den Zweck hat, Quote beziehungsweise Verkaufszahlen zu befeuern.
Bei Heidi Klum glaubt man das natürlich sofort. Ihr allwöchentlicher Zickenzirkus ist auf faszinierende Weise spießig, denn was ist die Botschaft? Mädels, seid artig und hübsch, gut geschminkt und ein bisschen unterwürfig, und ihr werdet reich und berühmt? "Germany's Next Topmodel" ist eine Mischung aus donnernder Schleichwerbetrommel, Seifenoper und Reise nach Jerusalem: Das Leben als markenbewusste Zweck-WG, aus der jede Woche die Nächsthässliche, -blöde oder -nervige rausfliegt. Bis aus Tausenden Kandidatinnen das ultimative Aschenputtel zum Schwan gekürt wird, muss unglaublich viel gerotzt, geschleimt, geheult und (mit der Kamera) draufgehalten werden. Am Ende gewinnt immer - Heidi. Denn sie beherrscht das Spiel mit den Medien wie kaum eine andere, außer vielleicht Roche.
Deren "Feuchtgebiete" wären nicht weiter der üblen Nachrede wert, denn Literatur geht wirklich anders. Das Buch erzählt die Geschichte der 18-jährigen Helen, die sich wegen einer missglückten Analrasur auch an ihren blumenkohligen Hämorrhoiden operieren lassen will, deshalb nun im Krankenhaus liegt und all ihre Körperöffnungen und -flüssigkeiten akribischen Analysen unterzieht.
Auch "Feuchtgebiete" ist auf faszinierende Weise spießig, denn die Botschaft lautet, dass Scheidungskinder wie Helen verhaltensgestört sind und vor allem ihre Eltern wieder vereinen wollen. Es wird unglaublich viel gerotzt, geschleimt, geheult und (mit Worten) draufgehalten. Am Ende gewinnt immer - Charlotte, denn sie beherrscht das Spiel mit den Medien.
Es gab zu Beginn weniger Rezensionen als schwallweise Roche-Interviews, in denen gern kolportiert wurde, dass Kiepenheuer & Witsch das Buch als zu pornografisch abgelehnt habe. Das war zwar allenfalls ein Teil der Wahrheit, denn die Verlagsspitze fand den ersten Entwurf wohl vor allem effekthascherisch und eindimensional. Aber ein vermeintlicher Porno von einem hauptberuflich frechen Alphamädchen hat schon was: das gewisse Nichts ebenso plumper wie erfolgreicher PR.
Über Bahnhofstoilettenpoesie kommt Roche leider nie hinaus: "Immer, wenn ich pinkele oder kacke, esse ich meine Nase leer von Popeln." War aber egal, denn da war das Buch bereits von ein paar zehntausend Leuten gekauft, die sich mittlerweile übrigens in Leserforen wie Amazon bitter beschweren, wie doof es sei.
Viel genialer wurde die zweite Welle der Erregung, die eine höchst fruchtbare Liaison mit der Frauenbewegung einleitete. Dabei wurde Roche unterstellt, sie habe eine Botschaft.
Das Achselhöhlengleichnis: Ich stinke, also bin ich. Aus dieser Absurdität zimmerten ihre Exegeten eine Art postfeministisches Protestprogramm: Müffeln für Gleichberechtigung und Weltfrieden! Rasiert euch nicht, und lasst das Deo weg, dann wird alles gut. Auf so was muss man erst mal kommen.
Ingeborg Harms schrieb in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", der Roman bleibe "gerade durch seine Widersprüchlichkeit eine Irritation, die in ihren moralischen Implikationen weit über den Schock der systematischen Tabuverletzung hinausgeht". Angesichts dieses "raubeinigen Manifests gegen die Einhegung des weiblichen Körpers durch Sauberkeits- und Schönheitszwänge" sekundierte Ines Kappert in der "taz": "Feminismus ist wieder in." Und Andrea Ritter hechelte im aktuellen "Stern"-Titel hinterher: "'Feminismus' groovt plötzlich wieder mit dem Zeitgeist." Yeah, lass jucken, Mutti!
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© DER SPIEGEL 19/2008
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